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13. Mai 2019, 12:08 Uhr

"Game of Thrones"

Schutt und Masche

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Königinnen erleben Charakterwandlungen, Erinnerungen werden geweckt. Und: Blickt man dem Horror ins Gesicht, ist er ziemlich schnöde. Das war die 5. Folge der "Game of Thrones"-Finalstaffel.

++++ Achtung, Spoiler! Wenn Sie nicht erfahren wollen, was in der 5. Folge der 8. Staffel von "Game of Thrones" passiert, sollten Sie nicht weiterlesen. ++++

Die Finalstaffel "Game of Thrones" schreitet aufs Ende zu, aber richtig Spaß macht diese ausgeleierte Masche nicht mehr: Das Drehbuch eilt von Schlacht zu Schlacht, zwischendurch entwickeln sich Charaktere zurück (Jaime, siehe dazu auch die Analyse zu Folge 4 ), oder einfach ganz woanders hin (Daenerys, dazu später mehr).

Die gemeinsame Schlacht gegen die Zombiearmee, die seit der allerersten Folge (!) zum größtem Brutalo-Bambule der TV-Geschichte hochgejazzt worden war? Längst vergessen! Auch wenn es ja immer etwas reaktionär klingt: Als die Mauer noch stand, war vieles besser. Andererseits: Jetzt umkehren bringt ja auch nichts mehr - eine Einstellung, die man zumindest mit den Figuren zu teilen scheint:

So war die vorletzte Folge "Game of Thrones":

Was geschah: Daenerys driftet auf Dragonstone weiter in Verschwörungstheorien ab, verweigert Nahrung, die schlohweiße Flechtfrisur franst auch etwas aus. Manchmal hat sie sogar recht in ihrem Verfolgungswahn: Jon-Fan Varys wird für seinen Treuebruch klassisch bestraft: Drachenspaß. (Seine Freundschaft zu Tyrion kratzt das aber nicht mehr an, obwohl der ihn verriet - die schönste Bromance seitdem sich Jon, naja, für Sam einfach irgendwann nicht mehr interessierte.)


Apropos: Jon taucht gewohnt selbstparodistisch als Aufzieh-Baby-Born in Lederkluft mit begrenztem Satzrepertoire auf: "Will keinen Thron / Daenerys ist meine Königin." Große Zweifel, dass er das am Ende dieser Folge auch noch so sieht. Er verweigert zudem Daenerys Neffen-Liebesdienste, eine Aktion, wegen der sie sich, so eventuell die grobe Idee der Drehbuchschreiber, vollends von der Vernunft verabschiedet: "Ich habe nur noch Angst, ich habe keine Liebe."


Jaime wird auf dem Weg zu Cersei von Daenerys' Truppen gefangen genommen - ein olles Pseudo-Hindernis, das aber zumindest Erinnerungen an gute alte Zeiten weckt, als Jaime noch ein plausibler Inzest-Geck war und sich vom Kerker aus mit Catelyn Stark geschliffene Rhetorik-Duelle lieferte. Jetzt befreit ihn Tyrion, der verhindern will, dass Daenerys King's Landing aus Rache für Missandei völlig abbrennt: Jaime soll mit Cersei abhauen, die Stadt kapitulieren. Ein Plan, so naiv, dass ein Mal mehr klar wird, wie wenig Menschenkenntnis hinter Tyrions Strategie-Faselei tatsächlich häufig steckt.
Arya und Hound, die nach King's Landing kommen, sorgen für einige wenige Heiterkeit, weil sie Arya und Hound sind und nach King's Landing kommen.
Die Schlacht beginnt (es verwundert übrigens nach wie vor, Dothraki nach der Kamikaze-Aktion "Lebende Fackel" gegen die Walkers vor zwei Folgen noch lebend zu sehen):


Grey Worm, schon immer nicht der Gesprächigste und seit Missandeis Tod jetzt völlig in kalter Rage, liefert sich mit Jon einige der unbewegtesten Blickduelle der TV-Geschichte: Der eine will Rache, der andere - ach, lassen wir das. Jon läuft wie bei jeder Schlacht heldenhaft, aber weitgehend nutzlos herum - zielgerichtet nicht dahin, wo wirklich was passiert. Eventuell rattert hinter seiner glatten Stirn auch die Erkenntnis, dass unbedingte Treue zu einer Irren auch seine schlechten Seiten hat. Und rattert. Und rattert. Hier sind wir dann beim...

...lieblosesten Charakterumschwung dieser Folge (und womöglich der ganzen Serie): Die populistische Drachenkönigin, schon immer mitleidlos gegen die, die ihr nicht folgten, aber voller Güte vor allem gegenüber den "kleinen Menschen", entscheidet sich für erbarmungslose Gewalt: Die Iron Fleet wird von Drogon mit Daenerys abgefackelt, aber auch King's Landing - Familien, Kinder und all das inklusive. Und das, obwohl sich Cerseis Gruppen schon ergeben hatten.

Cersei beobachtet die Zerstörung vom Turm aus und hält mal wieder bewundernswert lange an der Idee fest, ihre Söldner-Soldaten würden für sie kämpfen, während Drogon lässig Zerstörungsschneisen durch King's Landing zieht wie ein besonders gründlicher Rasenmäher. Nur, dass der Rasen Menschen sind und die Klinge ein Flammenmeer. Ganz ehrlich: Die "Long Night" vor zwei Folgen war nichts im Vergleich zu diesem Tag.

Wer stirbt: Der Hound nimmt nach einem unnötig langen und unangenehm brutalen Duell seinen Bruder mit in den Tod (übrigens ein klassisches Problem von Horrorfilmen im Kleinen: Staffellang sah man vom Mountain fast nur rote Augen hinter schmalen Schlitzen und kringelte sich vor Grusel. Jetzt sieht man einen blassen, lilageäderten Kopf und es ist ganz ok.)

Euron immerhin bleibt stabil in seiner Arschigkeit und stirbt in einem Nonsense-Duell mit Jaime. Der wird am Ende zu seiner Schwester gelangen, sie wirft sich in seine Arme. Alles auf Anfang also. Beziehungsweise auf Ende: In der Umarmung geht das Gewölbe auf die beiden Liebenden nieder. Schade, fast schon unwürdig. Wobei: Vielleicht auch egal. "Nothing else matters, only us", sagt Jaime. Aber als er die Beziehung zu seiner Schwester flexibler hielt, mochten wir ihn ja eh lieber.

Besonders unplausibel: Neben Daenerys' Umschwung: Arya, die kurz vorm Ziel auf den Hound hört - und sich zurückzieht: Danke und Ciao. Andere offene Frage: Wie viel Feuervolumen hat eigentlich so ein ausgewachsener Drache? Wenn Drogon schon in Winterfell so aufgetreten wäre wie hier - hätte man sich die Schlacht gegen die Walkers nicht sparen können?

Gab es auch was Gutes? Es sieht alles sehr schön aus. Schnitt, Inszenierung - top. Besonders nett: Arya, die absehbar wundersam überlebt, wacht schuttbeweißelt in einem total zerstörten King's Landing auf. Um sie auf dem Boden liegen verbrannte Babys, vor ihr aber steht ein weißer Schimmel, tanzen Ascheflocken und Sonnenlicht. Tschechischer Märchenfilm trifft Kriegsende trifft Instagram.

Was wir uns wünschen: Arya eröffnet eine neue Liste, auf der nur ein Name steht: Daenerys. Die hat nicht nur ihr künftiges Heim ausgelöscht, sondern sich auch vollends moralisch disqualifziert - wobei moralische Kategorien in der tatsächlichen Hochzeit der Serie ja noch gar keine Rolle spielten. Vielleicht also doch, ganz im Sinne Jaimes: Alles bitte auf Anfang.

Was wir uns ganz ehrlich wünschen: Drogon schmilzt den Thron ein. Alle gehen nach Hause.

Hier können Sie nachlesen, was in der ersten Folge von Staffel 8 geschah.
Hier finden Sie den Überblick über Folge 2.
Hierüber Folge 3.
Hierist die Übersicht über Folge 4.
Hier hat die SPIEGEL-Redaktion aufgeschrieben, was sie sich für das Ende der Serie wünscht.

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