"Game of Thrones"-Finale Alles ist verziehen

Eine Königin hat die Haare schön. Ein Getreuer darf nicht in Rente. Und auch die Frage nach dem Eisernen Thron gerät noch mal gehörig in Bewegung: So war die allerletzte Folge von "Game of Thrones".

Sky/ HBO

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++++ Achtung, Spoiler! Wenn Sie nicht erfahren wollen, was in der letzten Folge von "Game of Thrones" passiert, sollten Sie nicht weiterlesen. ++++

Wir haben Zeit. Von all den Überraschungen, die "Game of Thrones" über die Jahre zu einer der erfolgreichsten TV-Serien seit Erfindung des Fernsehens gemacht hat, ist das vielleicht die größte: Wir haben Zeit, viel Zeit in dieser allerletzten Episode. Wir schreiten mit Tyrion Lannister durch die Ruinen von King's Landing, wir sehen lange in sein Gesicht, in dem sich die Zerstörung spiegelt und die Erkenntnis endgültig wird, dass seine Königin eine Kriegsverbrecherin ist. Wir folgen Tyrion in die verwüstete Residenz, betrachten mit ihm die Überreste der Karte von Westeros, die in den Boden des Innenhofs eingelassen ist. Wir steigen mit ihm die Treppenstufen hinab in die Gewölbe, bis zu der Stelle, an der seine Geschwister verschüttet liegen. Wir haben Zeit, mit Tyrion zu trauern, und - auf anderer Ebene - darüber, dass wir uns von Peter Dinklage verabschieden müssen, diesem großartigen Schauspieler in der Rolle seines Lebens.

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Viel ist in den letzten Wochen auf die Showrunner David Benioff und D. B. Weiss geschimpft worden von Kritikern und Fans, weil sie die treue Anhängerschaft allzu atemlos durch die letzte Staffel von "Game of Thrones" gehetzt haben. Ohne Anleitung des "GoT"-Schöpfers George R. R. Martin schienen sie nur noch damit beschäftigt, vertragsgemäß pünktlich zum Abschluss zu kommen und dafür über viele Jahre geformte Charaktere charakterferne Dinge sagen und tun zu lassen, um sie dann in die nächste Kulisse schieben zu können. Jetzt, in der letzten Episode der letzten Staffel, sind sie alle dort, wo Benioff und Weiss sie haben wollten. Jetzt wissen wir, warum sie so gehetzt haben in den letzten Episoden: um am Ende zur Ruhe kommen. Und alles ist verziehen.

Ach so, die Handlung. Die siegreichen Eroberer übernehmen das, was von King's Landing noch übrig ist. Grey Worm richtet Gefangene hin, denn Frau Targaryen will es so, und da lässt er sich von Jon Snow gar nichts sagen. Erstaunlich viele Dothraki, die eigentlich bereits ganz am Anfang der Schlacht gegen die Untoten gefallen sein müssten, feiern wilde Partys. Auch von den Unsullied scheint ein unbegrenztes Reservoir vorhanden, nun stehen sie mal wieder (und, seufz!, zum allerletzten Mal) zu Tausenden in Formation und erwarten den Auftritt ihrer Königin.

Daenerys fliegt auf ihrem Flammenwerfer ein, sie hat sich zwischenzeitlich offenbar vom Drogon die Haare machen lassen, die Zöpfe sitzen perfekt. Die über Ruinen drapierte Drachenfahne verströmt IS-Flair, Daenerys' Siegesrede ist ein faschistischer Marschbefehl: von wegen Frieden, jetzt geht's erst richtig los - heute Westeros und morgen die ganze Welt. Da mag Tyrion nicht mehr mitmachen, er tritt mit sofortiger Wirkung vom Amt der Hand der Königin zurück und wird in Haft genommen. Jon Snow verfolgt alles mit waidwundem Blick und bekommt einen ebensolchen von seiner Tante zugeworfen.

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Finale von "Game of Thrones"

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Immerhin lässt sie den Thronkonkurrenten nicht einkerkern, so bleibt ihm Zeit für einen Besuch bei Tyrion, der in einer Art Abstellkammer auf die Hinrichtung wartet. Offenbar zu alter Scharfsinnigkeit zurückgekehrt, verwickelt Tyrion Jon in eine Ethik-Diskussion. Nach anfänglicher Gedankenfaulheit ("Sie ist die Königin, es ist ihre Entscheidung") gerät hinter Jons Stirn einiges in Bewegung.

Derweil schleicht Diktatorin Targaryen durch den Palast und plant schon einmal die Neueinrichtung. Der Eiserne Thron darf aber an seinem Platz bleiben, da scheint sie ganz zufrieden, setzt sich aber doch noch nicht darauf. Ein letztes Mal versucht sie, Jon zur Bett- und Weltbeherrschungspartnerschaft zu überreden, der scheint darauf einzugehen und küsst sie. Und ersticht dabei seine Dany.

Drogon flattert hinzu, scheint zwar mächtig sauer auf Jon, richtet seinen Zorn dann aber doch gegen den Eisernen Thron und erweist sich damit ganz am Schluss als weisestes Geschöpf von Westeros: All das Leid nur wegen dieses ollen Eisenhaufens, hinfort damit. Die Frage, wer darauf dereinst sitzen wird, erledigt sich im Feuersturm: Liquid Monarchy.

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"Game of Thrones": Westlich von Westeros

So könnte man auch die, nach kleinem Zeitsprung, gefundene Nachkriegsordnung nennen. Alle bekannten (und einige, der Rezensent bittet um Verzeihung, gänzlich unbekannte) Vertreter der sieben Königreiche kommen zusammen, um über die Zukunft zu entscheiden. Samwell Tarly erfindet kurz die Demokratie, war aber nur ein Witz.

Tyrion verbalisiert einmal mehr die Probleme der Drehbuchschreiber: In Gefangenschaft habe er in den letzten Wochen nichts anderes zu tun gehabt, als nachzudenken über die blutige Geschichte von Westeros und die Fehler, die gemacht wurden. Vollkommen unspektakulär einigt man sich schließlich auf seinen Vorschlag, den vollkommen unspektakulären Brandon Stark zum König zu wählen, den Bewahrer der Geschichte - eine nette selbstreferentielle Begründung, ist doch die Geschichte alles, was ihre Figuren und "Game of Thrones" ausmacht.

Alle sind einverstanden, bis auf Sansa, die als Extrawurst den Norden als unabhängiges Königreich regieren darf. Tyrion wird, quasi zur Strafe, wieder Hand des Königs. Und Königinnenmörder Jon Snow wird in den Norden verbannt, zur Night's Watch, wo er hingehört. Arya geht auf Segeltörn mit unbekanntem Ziel, Grey Worm reist in wärmere Gefilde. Eine der schönsten Abschiedsszenen aber: Brienne trägt Jaime Lannisters Heldentaten ins große Buch der Königsgarde ein, letzter Satz: "Starb, während er seine Königin beschützte." Schämen wir uns nicht unserer Tränen.

Noch ein wenig Heiterkeit bei der ersten Sitzung des neuen Kronrats, Arya blickt auf ihrem Schiff gen Westen, Sansa empfängt die Krone des Nordens, und Jon Snow kommt wieder an der großen Mauer an, seiner alten Wirkungsstätte. Dort erwartet ihn freudig sein Wolf Ghost, den er zuletzt schnöde abgeschoben hatte. Wenn man überhaupt etwas kritisieren möchte an dieser allerletzten Episode der achten Staffel von "Game of Thrones", dann dies: Dieses treue Tier hat so ein Rabenherrchen nicht verdient.

Und wie war es? Es war, kann man nicht anders sagen, erstaunlich gut. Es ist David Benioff und D. B. Weiss tatsächlich gelungen, "Game of Thrones" zu einem würdigen, geradezu versöhnlichen Abschluss zu bringen und alle geliebten Figuren in eine zwar ungewisse, aber irgendwie hoffnungsvolle Zukunft zu entlassen.

72 Stunden und 16 Minuten haben wir diese Serie verfolgt, hat es sich gelohnt? Doch, das hat es. Und jetzt ist wieder Zeit für anderes.


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Hier finden Sie den Überblick über Folge 2.
Hierüber Folge 3.
Hierist die Übersicht über Folge 4 und hier über Folge 5.

insgesamt 87 Beiträge
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Seite 1
Mehrleser 20.05.2019
1.
"So war die allerletzte Folge" - was für ein Glück, denn die Medienpräsenz war ziemlich übertrieben für eine TV-Serie.
.patou 20.05.2019
2.
Grundsätzliche Zustimmung. Angesichts der letzten Folgen hatte ich auch Schlimmeres befürchtet. Okay, der sprießende Frühling am Schluss war kitschig, Tyrions Rede ziemlich ungenießbar ("People love stories. And no one has a better story than Bran." Please ...), die Wiederauferstehung der in Folge 3 niedergemetzelten Dothraki erstaunlich, Drogons Wandlung zum weisen Monarchie-Verächter zu holzhammer-mäßig, aber egal. Die Totalitarismus-Kritik war gut umgesetzt. Aryas Ende war plausibel, Jons auch, Brienne ist Lord Commander, bei Tyrion hat der Verstand wieder eingesetzt, Davos ist der Einzige, bei dem der Verstand nie ausgesetzt hat. Ghost ist doch noch gestreichelt worden. Alles ist gut. Bei der Brienne-Szene bin ich nicht bei Herrn Kuzmany. Ich hätte mir gewünscht, dass Brienne im Book of Brothers keine Hagiographie Jaimes ergänzt, sondern dem "Kingslayer" einfach nur ein "... und Frauenver*rscher" hinzufügt. Und hat Jon, als er Arya mit blutigen Kratzern im Gesicht wiedergesehen hat, wirklich gefragt, was passiert ist? Nachdem Daenerys gerade eine ganze Stadt niedergebrannt hat? Im Norden ist er wirklich am besten aufgehoben. Mein Zitat der Folge: "Uncle, please sit."
osnase92 20.05.2019
3.
Der Autor sollte sich vielleicht die Serie mal ansehen, wenn er Lord Rhoys und Edmure Tully nicht kennt. Mir hat die letzte Folge sehr gefallen! Einzig der plötzliche Vorschlag, Bran zum König zu machen, war etwas merkwürdig. Ich bin glücklich und traurig, dass GoT so episch geendet hat.
undutchable 20.05.2019
4. spin-offs an allen Ecken und Enden offengelassen.
Mal schauen, was HBO/Disney daraus machen wird. Ich persönlich habe anderes erwartet, aber who cares. Bisschen arg "gut" das Ende für meinen Geschmack.
Marinus_Ladegast 20.05.2019
5. Fantastisches Ende einer fantastischen Serie
Vielen Dank an all die Hunderte von Beteiligten, die einen großen Teil ihres Lebens damit verbracht haben, uns diese tolle Geschichte zu erzählen. Speziell bei der letzten Folge muss man mal dem Soundtrack ein besonderes Lob aussprechen (einschließlich der totenstillen Szenen ohne Musik). Traurigkeit, Versöhnung, Neuanfang und offene Zukunft - perfekt musikalisch untermalt.
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