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22. Januar 2019, 17:51 Uhr

Doku über Superreiche

Geradezu asketisch

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Schwer vor die Kamera zu bekommen: Die TV-Doku "Ganz oben" zeigt, wie Deutschlands Superreiche leben - und stellt subtil die Frage nach einer gerechteren Gesellschaft.

Nur kein Neid. Neid ist ganz schlimm in dieser Debatte. Eigentlich sollte man die Debatte gar nicht erst führen.

Und wenn's unbedingt sein muss, dann bitte sachlich und fair. Fairer jedenfalls als der Umstand es ist, dass allein in Deutschland ein Prozent der Bevölkerung auf einem Viertel des kompletten Vermögens hockt - während etwa die Hälfte aller Menschen nichts besitzt, was man ein Vermögen nennen könnte. Und während die Armen ärmer werden, konnten sich die wirklich Reichen allein im vergangenen Jahr über einen Zuwachs von 20 Prozent freuen.

Wobei diese Leute sich, glaubt man Florian Opitz, darüber nicht einmal wirklich freuen. Jahrelang hat der Filmemacher recherchiert, um Zutritt zu und damit Einblick in die "diskrete Welt der Milliardäre" zu bekommen. Und natürlich hat er kaum einen der Allerreichsten für seine TV-Doku "Ganz oben" vor die Kamera bekommen.

Der Film begleitet die Redaktion des manager magazin bei der Erstellung von dessen jährlichem Ranking der reichsten Deutschen, und dort stehen sie vor dem gleichen Problem. Der damalige Chefredakteur Steffen Klusmann* klagt, dass es von einigen Kandidaten "nicht einmal Fotos" gebe. Und ein Kollege stellt fest, das "richtige, richtige Geld" halte sich "immer versteckt".

Womit die Geschichte nicht gestorben ist. Hier fängt sie erst an.

Etwa im Frankfurter Büro von Baron Christian von Bechtolsheim, dessen Focam AG noch die obszönsten Vermögen beisammenhält - und mehrt. Seine Kundschaft fürchte Erpresser, Entführer und andere Strolche. Warum sich also exponieren? Manche fühlten sich auch "unwohl" als Erben von Verwandten, die etwa "im 'Dritten Reich' mithilfe von Zwangsarbeitern" ein Vermögen geschaffen haben.

Generell gelten die einheimischen Superreichen als geradezu asketisch, was die Zeigefreude angeht. Einmal hält in "Ganz oben" ein schwarzer Ferrari vor dem Schlosshotel Kronberg, das war's auch schon.

Bechtolsheim selbst fährt Audi, zählt sich aber selbst auch nicht zur Liga seiner Kundschaft. Stattdessen verweist der Baron bei der Führung durch sein thüringisches Jagdschloss stolz auf eine 800-jährige Familiengeschichte, zu der auch die Fugger gehören. Anders als in Russland, China oder den USA herrscht in Deutschland "altes Geld". Und Erbe sei immer bedroht, es zu erhalten eine Kunst. Kriege kämen gerne dazwischen, Erbstreitigkeiten und manchmal auch "schlicht Verdummung".

Dirk Rossmann ist es, der den intimsten Einblick gewährt. So sehen wir etwa den Vater gegen den Sohn Raoul beim Tennis sich verausgaben und werden Zeuge launiger Dialoge: "Ich habe inzwischen ein bisschen Angst um dich!", sagt der Sohn. Darauf Dirk: "Du hast Angst um mich? Oh, bei der Erbschaft würde ich keine Angst haben, da würde ich lieber ein bisschen zukunftsfroh sein!" Lustig ist's bei Rossmann!

Beim Fußball in der eigenen Loge

Eher nebenbei beleuchtet "Ganz oben" auch die Frage nach den Netzwerken der Mächtigen. Direkten Einfluss auf die Politik nähme da niemand, heißt es. Lieber argumentiere man mit Arbeitsplätzen - und treffe sich beim Fußball, wenn auch in der eigenen Loge. Auf die Frage nach dem Preis reagiert Rossmann mit Bedacht: "Soll ich Ihnen das wirklich sagen?", fragt er und denkt ernsthaft nach: "Nein, das sage ich Ihnen lieber nicht."

Zumindest unter jenen wenigen Reichen, die vor der Kamera reden, ist doch eine gewisse Verantwortung spürbar. Michael Otto (Otto Group) etwa, einer der größten Stifter der Republik, leistet wichtige Beiträge für das Funktionieren der Gesellschaft - unter anderem mit einer Millionenspende für den Bau der Elbphilharmonie. Millionäre, verstanden als Inhaber von Unternehmen, findet Otto "großartig. Denn das sind doch die, die Arbeitsplätze schaffen, Ausbildungsplätze".

So sieht das, bei aller Kritik, auch Chefredakteur Klusmann - obwohl er salomonisch einräumt, dass wir in Deutschland "von einem Zustand maximaler Gerechtigkeit noch weit entfernt" seien. Im Hintergrund bearbeiten Fensterputzer gerade die verglaste Fassade des SPIEGEL-Gebäudes, zu dem auch das manager magazin gehört. Es sind, neben livrierten Kellnern, die einzigen Arbeiter in diesem Film.

"Ganz oben" widersteht der Versuchung, seine Protagonisten (Frauen sind keine darunter) moralisch ans Messer oder Protzpornografie zu liefern. Das Kunststück besteht darin, bei aller Fairness die wichtigen Fragen nicht unbeantwortet zu lassen. Es gelingt über Bande, subtil, unaufgeregt und diskret - gerade so, wie es der Gegenstand des Films auch selbst ist.

Christian von Bechtolsheim übrigens nimmt die Anhäufung von sehr viel Kapital bei einigen sehr wenigen Menschen berufsbedingt eher gelassen hin. "Gleichwohl" müsse man aufpassen, "dass die Schere zwischen Arm und Reich nicht zu weit auseinandergeht, denn wir wollen ja keine Verhältnisse wie in den USA oder gar in Lateinamerika bei uns haben". Nein, das wollen wir nicht. Und keine Debatte über Neid. Oder, schlimmer noch, Gerechtigkeit.


*Offenlegung der Redaktion: Die Redaktion des manager magazin, die in der Dokumentation begleitet wird, gehört zur SPIEGEL-Gruppe. Steffen Klusmann ist mittlerweile nicht mehr Chefredakteur des manager magazin, er leitet den SPIEGEL.


"Ganz oben - Die diskrete Welt der Superreichen" läuft am 22. Januar um 23.30 Uhr auf Arte und am 11. Februar um 22:45 Uhr in der ARD. In der Arte-Mediathek ist der Film bis zum 21. April verfügbar.

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