Doku über Superreiche Geradezu asketisch

Schwer vor die Kamera zu bekommen: Die TV-Doku "Ganz oben" zeigt, wie Deutschlands Superreiche leben - und stellt subtil die Frage nach einer gerechteren Gesellschaft.

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Nur kein Neid. Neid ist ganz schlimm in dieser Debatte. Eigentlich sollte man die Debatte gar nicht erst führen.

Und wenn's unbedingt sein muss, dann bitte sachlich und fair. Fairer jedenfalls als der Umstand es ist, dass allein in Deutschland ein Prozent der Bevölkerung auf einem Viertel des kompletten Vermögens hockt - während etwa die Hälfte aller Menschen nichts besitzt, was man ein Vermögen nennen könnte. Und während die Armen ärmer werden, konnten sich die wirklich Reichen allein im vergangenen Jahr über einen Zuwachs von 20 Prozent freuen.

Wobei diese Leute sich, glaubt man Florian Opitz, darüber nicht einmal wirklich freuen. Jahrelang hat der Filmemacher recherchiert, um Zutritt zu und damit Einblick in die "diskrete Welt der Milliardäre" zu bekommen. Und natürlich hat er kaum einen der Allerreichsten für seine TV-Doku "Ganz oben" vor die Kamera bekommen.

Der Film begleitet die Redaktion des manager magazin bei der Erstellung von dessen jährlichem Ranking der reichsten Deutschen, und dort stehen sie vor dem gleichen Problem. Der damalige Chefredakteur Steffen Klusmann* klagt, dass es von einigen Kandidaten "nicht einmal Fotos" gebe. Und ein Kollege stellt fest, das "richtige, richtige Geld" halte sich "immer versteckt".

Womit die Geschichte nicht gestorben ist. Hier fängt sie erst an.

Etwa im Frankfurter Büro von Baron Christian von Bechtolsheim, dessen Focam AG noch die obszönsten Vermögen beisammenhält - und mehrt. Seine Kundschaft fürchte Erpresser, Entführer und andere Strolche. Warum sich also exponieren? Manche fühlten sich auch "unwohl" als Erben von Verwandten, die etwa "im 'Dritten Reich' mithilfe von Zwangsarbeitern" ein Vermögen geschaffen haben.

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TV-Doku "Ganz oben": Folge dem Geld!

Generell gelten die einheimischen Superreichen als geradezu asketisch, was die Zeigefreude angeht. Einmal hält in "Ganz oben" ein schwarzer Ferrari vor dem Schlosshotel Kronberg, das war's auch schon.

Bechtolsheim selbst fährt Audi, zählt sich aber selbst auch nicht zur Liga seiner Kundschaft. Stattdessen verweist der Baron bei der Führung durch sein thüringisches Jagdschloss stolz auf eine 800-jährige Familiengeschichte, zu der auch die Fugger gehören. Anders als in Russland, China oder den USA herrscht in Deutschland "altes Geld". Und Erbe sei immer bedroht, es zu erhalten eine Kunst. Kriege kämen gerne dazwischen, Erbstreitigkeiten und manchmal auch "schlicht Verdummung".

Dirk Rossmann ist es, der den intimsten Einblick gewährt. So sehen wir etwa den Vater gegen den Sohn Raoul beim Tennis sich verausgaben und werden Zeuge launiger Dialoge: "Ich habe inzwischen ein bisschen Angst um dich!", sagt der Sohn. Darauf Dirk: "Du hast Angst um mich? Oh, bei der Erbschaft würde ich keine Angst haben, da würde ich lieber ein bisschen zukunftsfroh sein!" Lustig ist's bei Rossmann!

Beim Fußball in der eigenen Loge

Eher nebenbei beleuchtet "Ganz oben" auch die Frage nach den Netzwerken der Mächtigen. Direkten Einfluss auf die Politik nähme da niemand, heißt es. Lieber argumentiere man mit Arbeitsplätzen - und treffe sich beim Fußball, wenn auch in der eigenen Loge. Auf die Frage nach dem Preis reagiert Rossmann mit Bedacht: "Soll ich Ihnen das wirklich sagen?", fragt er und denkt ernsthaft nach: "Nein, das sage ich Ihnen lieber nicht."

Zumindest unter jenen wenigen Reichen, die vor der Kamera reden, ist doch eine gewisse Verantwortung spürbar. Michael Otto (Otto Group) etwa, einer der größten Stifter der Republik, leistet wichtige Beiträge für das Funktionieren der Gesellschaft - unter anderem mit einer Millionenspende für den Bau der Elbphilharmonie. Millionäre, verstanden als Inhaber von Unternehmen, findet Otto "großartig. Denn das sind doch die, die Arbeitsplätze schaffen, Ausbildungsplätze".

So sieht das, bei aller Kritik, auch Chefredakteur Klusmann - obwohl er salomonisch einräumt, dass wir in Deutschland "von einem Zustand maximaler Gerechtigkeit noch weit entfernt" seien. Im Hintergrund bearbeiten Fensterputzer gerade die verglaste Fassade des SPIEGEL-Gebäudes, zu dem auch das manager magazin gehört. Es sind, neben livrierten Kellnern, die einzigen Arbeiter in diesem Film.

"Ganz oben" widersteht der Versuchung, seine Protagonisten (Frauen sind keine darunter) moralisch ans Messer oder Protzpornografie zu liefern. Das Kunststück besteht darin, bei aller Fairness die wichtigen Fragen nicht unbeantwortet zu lassen. Es gelingt über Bande, subtil, unaufgeregt und diskret - gerade so, wie es der Gegenstand des Films auch selbst ist.

Christian von Bechtolsheim übrigens nimmt die Anhäufung von sehr viel Kapital bei einigen sehr wenigen Menschen berufsbedingt eher gelassen hin. "Gleichwohl" müsse man aufpassen, "dass die Schere zwischen Arm und Reich nicht zu weit auseinandergeht, denn wir wollen ja keine Verhältnisse wie in den USA oder gar in Lateinamerika bei uns haben". Nein, das wollen wir nicht. Und keine Debatte über Neid. Oder, schlimmer noch, Gerechtigkeit.


*Offenlegung der Redaktion: Die Redaktion des manager magazin, die in der Dokumentation begleitet wird, gehört zur SPIEGEL-Gruppe. Steffen Klusmann ist mittlerweile nicht mehr Chefredakteur des manager magazin, er leitet den SPIEGEL.


"Ganz oben - Die diskrete Welt der Superreichen" läuft am 22. Januar um 23.30 Uhr auf Arte und am 11. Februar um 22:45 Uhr in der ARD. In der Arte-Mediathek ist der Film bis zum 21. April verfügbar.

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christianu 22.01.2019
1. In Deutschland leben mehr als eine Million Millionäre
Den allermeisten von ihnen kann man es auf der Straße nicht ansehen, dass sie finanziell gut dastehen. Lambo oder Maybach sind eher etwas für Emporkömmlinge mit schwachem Selbstbewusstsein, während der wirklich souveräne Reiche Fahrrad fährt. Falsch ist aber die Volksweisheit, dass Geld nicht glücklich macht. Meine Frau und ich haben sich in über 30 Ehejahren nicht einmal über Geld gestritten, obwohl wir am Anfang nichts hatten. Wir haben auch nichts geerbt, sondern das Vermögen durch Arbeit erworben. Heute ist genug Geld vorhanden, aber wir würden nie auf die Idee kommen, es auszugeben, nur weil wir es haben. Glück verschaffen uns unsere Kinder und Enkel.
großwolke 22.01.2019
2. Ach Blödsinn
Die paar Reichen, egal wie man sie schröpft, machen den Kohl nicht fett. Dazu kommt noch: die Vermögenslosigkeit vieler Deutscher ist eine direkte Folge davon, wie gut jahrzehntelang unser Sozialsystem funktioniert hat. Vermögen aufzubauen war einfach nicht nötig, nicht im Land der gesicherten Rente und der Wohnungsgenossenschaften. Das hat sich inzwischen geändert. Mieten steigen, also steigt der relative Wert von Wohneigentum. Die Rente ist entkernt, also muss jeder selber was beiseite legen. Und gerade Leuten wie Rossmann, die als Selfmade-Männer reich geworden sind, kann man nun wirklich nicht angehen. Das sind Anomalien. Man kann nicht das Steuer- und Sozialsystem an solchen Leuten ausrichten.
Lütt Matten 22.01.2019
3. Selten solchen ...sinn gelesen
Michael Otto leistet also durch seine Stiftungen einen wichtigen Beitrag zum Funktionieren der Gesellschaft u.a. durch eine millionenschwere Spende für die Elbphilharmonie 1) Stiftungen enthalten dem Staat Steuern vor und entziehen sie der demokratischen Kontrolle 2) Seit wann ist die Elbphilharmonie wichtig für die Gesellschaft ?
dasfred 22.01.2019
4. Mir fiel ein Nebensatz ins Auge
Erben von Verwandten, die ihr Vermögen im dritten Reich gemacht haben. Wohl mit ein Grund, warum die Milliardäre bei uns wesentlich verborgener residieren, als in anderen Ländern. Auch wenn ein Rossmann sein Vermögen selbst zusammengetragen hat, das Geld ist nicht auf Bäumen gewachsen, sondern weil tausende selbständige Drogerien vom Markt verdrängt wurden und die Arbeit heute von Billiglöhnern erledigt wird. Und zum Otto Konzern gehört auch Hermes und EWE. Die einen beuten ihre Fahrer aus und die anderen zerstören mit ihren Shopping Malls die gewachsen Innenstädte. Es gibt genug Gründe, dass sich die Herrschaften lieber bedeckt halten.
freeclimber 22.01.2019
5. Frage!
Da wird behauptet, die deutschen Milliardäre hätten ihr Vermögen im vergangenen Jahr um 20% gemehrt. Das Vermögen dieser Milliardäre besteht überwiegend aus Unternehmensbeteiligungen oder Aktien. Genau diese Werte sind im Vergangenen Jahr im Mittel um rund 20% gefallen. Daher die Frage: sind die deutschen Milliardäre allesamt Anlagegenies? Immerhin müssten sie ihr Vermögen so gut angelegt haben, dass es die Marktentwicklung gleich um etwa 40 Prozentpunkte outperformt haben. Oder muss man eher davon ausgehen, dass hier mithilfe einer falschen „Studie“ rechtzeitig vor Davos Stimmung gemacht werden sollte?! Dann stellt sich natürlich die Anschlussfrage, wieso so viele Medien diesen Unsinn praktisch ungeprüft in die Fläche verbreiten. Genau so spaltet man eine Gesellschaft und ebnet Populisten jeder Couleur den Weg, sehr verehrte Vertreter der Presse!
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