ZDF-Drama über kriminelle Banden Lieber nicht genau hinsehen

Clan-Kriminalität ist in Deutschland Gesprächsthema - im ZDF-Drama "Gegen die Angst" ermittelt Nadja Uhl gegen eine Berliner Bande. Doch leider verschleiert Gefühlsduselei den politischen Blick.

ZDF/ Lars R. Liebold

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Da joggt sie durch ein sommerliches Berlin: Vorbei an Feiervolk und Kindern mit riesigen Seifenblasen, die Sonne legt sich wie ein goldener Werbefilmglanz über die Hauptstadt, und alles könnte so friedlich sein. Aber dann läuft Staatsanwältin Judith Schrader (Nadja Uhl) an einem finster dreinblickenden Mann vorbei. Eine Vorausdeutung auf das, was da kommt: Berlin, das ist auch das Berlin der Clan-Kriminalität.

Die kriminellen Machenschaften, die sich oft entlang Familienstrukturen organisieren, sind Teil des gesellschaftlichen Gesprächs über das Verhältnis Deutschlands zu seinen Einwanderern. Hier, so scheint es, ist endlich mal eine eindeutige Bruchkante ausgemacht, hier darf man lauthals schimpfen und nach einem starken Staat rufen.

Auch aus dem Popdiskurs sind die Clans nicht mehr wegzudenken, der Rapper Bushido bekommt mehr Aufmerksamkeit für seinen Prozess gegen den Abou-Chaker-Clan als für seine Musik, und die Serie "4 Blocks" um eine libanesische Großfamilie in Berlin küsste im Jahr 2017 das deutsche Serienfernsehen aus dem Dornröschenschlaf.

Wobei, hier und da scheint sich das Fernsehen schon noch die Augen zu reiben angesichts einer komplexen bundesrepublikanischen Gegenwart. So wirkt jedenfalls der ZDF-Film "Gegen die Angst", der den Stier bei den Hörnern zu packen vorgibt, dann aber lieber doch nicht so genau hinsieht und in einer merkwürdigen Stasis verharrt.

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"Gegen die Angst": Güldener Glanz über Berlin

Judith Schrader bekommt es also mit dieser Art der Clan-Kriminalität zu tun, und zwar nicht nur in ihrer Funktion als Staatsanwältin, sondern auch als verletzte Liebende. Sie hat ein Verhältnis mit dem Polizisten Jan Wiegand (Andreas Pitschmann), der bei einem Einsatz gegen den Al-Fadi-Clan niedergeschossen wird und ins Koma fällt. Niemand weiß von ihrer Beziehung, Wiegand ist verheiratet und hat Kinder. Ihre Befangenheit hält Schrader geheim, sie will den Täter um jeden Preis selbst finden und vor Gericht stellen.

Wie es das Drehbuch so will, ist sie nicht als Einzige in diesem Fall persönlich betroffen. Das gilt auch für die Polizeianwärterin Leyla Sharif (Sabrina Amali). Die hat den Täter nämlich auf der Flucht gesehen, und siehe da, es ist ihr Cousin zweiten Grades: Hisham Al-Fadi (Burak Yigit), der Bruder des Clan-Bosses Machmoud (Atheer Adel). Jetzt ist sie hin- und hergerissen zwischen ihrer Treue zur Familie und der zum deutschen Staat.

Ratloser Blick von außen

Es ist nicht so, dass die Macher von "Gegen die Angst" sich nicht bemühen würden, ein realistisches Bild von den Ermittlungen zu zeichnen. Drehbuchautor Robert Hummel arbeitete als Schöffe bei Gericht und bekam so Einblicke in die "Parallelwelt organisierter Kriminalität", wie er im Presseheft formuliert. Personalmangel und Sparzwang bei der Polizei werden also genauso thematisiert wie die Lähmung der Justiz durch Drohungen der Kriminellen gegen Zeugen und Opfer.

Hummels Drehbuch möchte allzu große Klischees umschiffen. Familienboss Machmoud ist fast schon differenziert und zurückhaltend gezeichnet, auch wenn sein sanftes Auftreten natürlich nur Fassade ist und plötzlich durch lodernde Blicke abgelöst wird. In einem Gespräch mit Schrader versucht er, das Verhalten seiner Familie zu erklären: "Als wir nach Deutschland kamen, sind wir schlecht behandelt worden. Jetzt respektiert uns jeder. Sie folgen dem Gesetzbuch, ich dem Gesetz meines Herzens. Wir haben beide keine Wahl."

Grundsätzlich aber leidet der Film von Regisseur Andreas Herzog unter übergroßer Angst vor der eigenen Courage. Wie um dem Zuschauer ja nicht zu viel zuzumuten, bemüht er sich, das Geschehen zu entpolitisieren und auf eine private Ebene zu ziehen. Dazu dient die hier dann doch recht albern aufgeblähte persönliche Betroffenheit der Protagonisten. Schraders Liebes- und Sharifs Familienbeziehung reichern den Plot mit reichlich Gefühlsduselei an und verwischen den Blick auf Strukturen.

Dazu passt auch, dass im gesamten Film nicht ganz klar wird, womit die Al-Fadis eigentlich ihr Geld verdienen. Das könnte ziemlich unappetitlich werden, also zeigt man die Brüder hinter Schreibtischen und im Café sitzend. Es ist ein ratloser, unsicherer Blick von außen, der sich hier zeigt, ein filmisches Schulterzucken gewissermaßen. Und so kommt es, dass das alles den Zuschauer merkwürdig kalt lässt. Zwei Menschen sterben, aber die Sonne schüttet weiter ihren Glanz aus, der Berlin gleich weniger brutal wirken lässt.


"Gegen die Angst". 25. März, 20.15 Uhr, ZDF

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Stäffelesrutscher 25.03.2019
1.
Und wenn jetzt noch der Film über die hessischen Polizisten und »Verfassungsschützer« kommt, die Drohmails an Anwältinnen verschicken oder zufällig dabei sind, wenn ein NSU-ler einen Menschen erschießt, aber natürlich nichts mitbekommen haben ...
MJR 25.03.2019
2. Inkompatible Kultur
Nein, es geht nicht um Religion oder Herkunft an sich! Es geht nicht um Rassismus oder rechte Ideologie. Die Sache ist ziemlich einfach, wenn man es erlaubt auf die Wurzeln der Clanstrukturen zu schauen. Dies ist leider in diesem Land nur bedingt möglich, da zu viele Parteien versuchen emotional Profit zu schlagen. Ich versuche dennoch mal das, was ich mir so denke, darzustellen: Wie kommt es, dass es vermutlich sogar eine Mehrheit gibt, die trotz Glaubensunterschiede und der Herkunft aus den Gebieten, aus denen auch teils hochkriminelle Clans migrieren, keine großen Probleme gibt? Ich persönliche jedenfalls habe Freunde mit arabischen, afrikanischen und persischen Wurzeln und die sind anständig, integriert und weltoffen. Woher kommt das, mit den Clans also? Die Wurzeln sind nicht die Gebiete oder die Religion! Es ist das Nomadentum. Wer als Gruppe nämlich ursprünglich viele Länder tangierte, um Weidegebiete zu erschließen, der wurde alle paar Wochen mit neuen Regeln und Gesetzen konfrontiert, mit fremden Menschen und dem Dasein als unerwünschte Außenseiter. Wie reagieren solche Nomadenvölker/ respektive Gruppen darauf? Sie werden im Zweifel endogam, da man ja nur sich trauen kann. Die Regeln der nur kurz bereisten Staaten gelten nur so viel, wie sie müssen um nicht ernsthaft zu leiden. Man ist nur kurz im Land, aber bis zum Tod mit der Gruppe! Darum gelten die Regeln der Gruppe und als Zusammenhalt dient der Glaube, die Pragmatischkeit,... kurz: Alles, was dem Überleben der Gruppe nutzt. Verrat ist das schlimmste, was passieren kann. Na ja... nun sind die Zeiten der großen Nomadenvölker vorbei, aber nicht deren Kultur und Selbstverständlichkeit. Sesshaft werden ist ein Prozess, der nicht nur Toleranz, also Recht beinhaltet. Die Länder, die Gruppen aufnehmen, die so einer kulturellen Prägung entstammen, haben ein gemeinsames Problem: Sie setzen auf Individualität! Die Kultur der Gruppen jedoch setzen auf ein funktionierendes Kollektiv. Während also individuell in unserem Land Recht gesprochen wird, agieren teils hunderte, ja: Tausende Menschen starke Gruppen kollektiv Kriminell. Individualgesetze sind gegen solche Kollektive schwach. Die Kulturen sind folglich inkompatibel und wir haben nun die fast unmögliche Aufgabe Individualkultur und Kollektivkultur auf ein friedliches Miteinander zu bringen. Bislang mit mäßigen Erfolg! Im Gegenteil: Die Gräben vertiefen sich und da der Staat weder politisch, noch rechtsstaatlich antwortet, sprießen wieder germanische Gegen-Kollektive mit nationalistischen Ideologien aus den Boden! Wenn der Staat keine Antworten bietet, kippt uns unser Land rechts weg, was wiederum die Eskalation linker Gruppen forciert! Das Problem wird sein, die drei Gruppen der Nomaden, Nationalisten und Kontranationalen Kräfte davon abzuhalten unser Land in ein Kampfgebiet zu verwandeln. Bislang hat unsere Regierung noch nicht einmal das Problem erkannt....
kublaikhan2 25.03.2019
3. Der üble
Merkelianismus hat Justiz, Medien und die Öffentlichkeit erfasst: Nicht hinsehen, schweigen, schönreden, verharmlosen.. Nur nach rechts schielen und dagegen wettern. Das reicht. Den ausländischen Gangtetrn kann nichts Besseres passieren als Merkel und ihre Vasallen, Linke , Grüne und FDP. Allein die AfD hält dagegen, niedergeschrien von Gutmenschen. Die Clans brauchen sich nicht einmal dagegen zu wehren.
camshaft_in_head 25.03.2019
4. nunja
es wurde im MoMa, bei VolleKanne und auch nach 12 Uhr von einem Herrn Miri im ZDF berichtet der anscheinend nur von Sozialhilfe lebt, seine Einkünfte nicht näher hinterfragt werden und das seine Autos nicht auf ihn zugelassen sind. Warum ist hier der Staat machtlos und ermittelt nach solch offensichtlicher Protzerei nicht mal endlich?
josef2018 25.03.2019
5. Für mich hat der Staat
schon lange verloren, auch wenn jetzt plötzlich überhaupt über die Clan-Kriminalität öffentlich diskutiert wird, aber leider 20 Jahre zu spät. Inzwischen sind es ja nicht nur Kriminelle aus diesen Strukturen, es gibt auch Banden aus Georgien, Tschetschenien, Albanien, Marokko, Nigeria, Serbien, Russland und und und ...dazu noch die reisenden Ganoven aus dem Baltikum oder aus Rumänien und Bulgarien. All denen steht der Staat hilflos gegenüber, denn man hat Polizei und Justiz bis zur Unfähigkeit zusammen gespart. Inzwischen werden sogar Schwerkriminelle auf freien Fuß gesetzt, weil es die Gerichte nicht schaffen, innerhalb der Fristen gegen diese Täter zu verhandeln. Und natürlich spricht sich diese Schwäche unseres Staates in solchen Kreisen herum, denen sind unsere Gesetze sowas von egal und sollten sie einmal wirklich eine Zeit hinter Gittern müssen, gilt das als Reha und der Möglichkeit neue Kontakte zu Knüpfen. Und wer einen Blick in die Zukunft wirft, dem kommt das große Grauen. Wir sind eine verweichlichte Wohlstandgesellschaft, 74 Jahre ohne Kriege oder andere Nöte und sind diesen Menschen, die mit Gewalt aufgewachsen sind, uns teilweise auch noch aus religiösen Gründen hassen, nicht gewachsen. Und eine Justiz, die oft erst nach vielen Delikten einmal echte Strafen verhängt, dann auch oft noch lächerlich geringe, trägt gewiss nicht dazu bei diese Kriminellen abzuschrecken.
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