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TV-Drama mit Marie-Lou Sellem: Wer erzieht hier wen?

Foto: WDR/ 2pilots

Generationen-Drama in der ARD Mama, sei keine Schlampe!

Zwei Alleinerziehende verlieben sich - und ihr Nachwuchs auch. Romantisch? Von wegen! Der furiose ARD-Film "Die Liebe der Kinder" beschreibt ein aufreibendes Generationen-Tohuwabohu. Hier ist alles drin, von Kuschelaktionismus bis Intimitätsterror.

Die Vierzigjährigen verabreden sich fürs Sextreffen übers Internet, die Zwanzigjährigen sehnen sich nach dem Leben auf dem Land abseits aller Handys und Computer. Wer kennt sich schon noch mit den Generationen aus? In dem Alt-gegen-Jung-Drama "Die Liebe der Kinder" werden die üblichen Alterszuschreibenungen mit leichter Hand außer Kraft gesetzt: Die Generation Facebook träumt hier von Ackerbau, Ehe und Viehzucht, die Eltern betreiben derweil übers Netz die soziale Selbstoptimierung.

Jedenfalls hat die Buchautorin und Alleinerziehende Maren (Marie-Lou Sellem) nichts dagegen, ein bisschen mit den Dating-Techniken des Internets zu experimentieren - was ihre Tochter Mira (Katharina Derr) eher peinlich findet. Mama, sei keine Schlampe! Dann schleppt die Mutter auch noch den Deutschspanier Robert (Alex Brendemühl) an und erklärt, man ziehe jetzt zum neuen Lover und dessen Sohn Daniel (Tim Hoffmann). Die Kinder verlieben sich und informieren die Eltern, dass sie eine andere Art von Glück als die Alten anstreben: Man wolle heiraten und auf einen Bauernhof ziehen. Am besten in der Ukraine, weit weg von Mutter und Vater.

Die Generationenforschung muss aufgrund des ARD-Films nicht neu definiert werden. Hier geht es um einen klassischen Eltern-Kinder-Konflikt: Die Jungen definieren sich über die Ablehnung der Alten - Hauptsache anders! Und wenn Mama auf einmal via Internet die Abenteurerin gibt und zu Hause mit einem im Netz aufgegabelten Latino-Lover aufkreuzt, dann gibt sich die Tochter selbst eben umso wertkonservativer.

Wer ist hier eigentlich das Kind?

Regisseur und Autor Franz Müller hat 2003 mit seinem Motivationstrainer-Drama "Kein Science-Fiction" den gewagtesten, wahrsten und lustigsten Film zum Ich-AG-Wahn am Anfang dieses Jahrzehnts gedreht. Dann kam blöderweise jahrelang gar nichts von ihm; wahrscheinlich ist Müller kein Mensch, der darunter gelitten hat. Seiner Arbeit fehlt jede Anmutung von Angestrengtheit. Mit "Die Liebe der Kinder" findet er nun ganz leichthändig Anschluss an die Gesellschaftsphänomene der Gegenwart und erzählt subtil von den Dynamiken in einer modernen Patchworkfamilie.

Pragmatismus und Illusionismus, Kuschelaktionismus und Intimitätsterror, all das greift in Müllers Drama ineinander. Allein der Anfang hat es in sich: Eigentlich wollte die intellektuelle Maren nur mal wieder richtig guten Sex haben, der Spanier im Netz kam ihr da genau recht; dass sich nach dem Schäferstündchen in der Autobahnherberge herausstellt, dass er doch nicht in Ökologie macht, sondern mit der Rodung von Bäumen sein Geld verdient, geht schon klar. Ein kleines bisschen Selbstverrat für stattlichen Sex ist in Ordnung.

Brillant, wie Regisseur Müller seine erwachsenen Charaktere mit ihren wackligen Lebenskonzepten durch die Spiegelung mit den Halbwüchsigen ins Taumeln bringt. Haben die Alten vorher die Kinder mit ihrer lässig demonstrierten Leidenschaft genervt, mit Wandfarbenschlachten beim Renovieren oder nächtlichen Stöhnattacken, so sind es nun diese, die mit ihrer altmodisch performten Liebe die Alten aus der Reserve locken. Egal, wie liberal man als Elternteil auch ist, wenn einem die Kinder erzählen, sie wollten in der Ukraine von Landarbeit und Kunsthandwerk leben, ist es eben doch vorbei mit der eigenen Anything-goes-Attitüde. So stellt die Beziehung der Jungen auf einmal die Beziehung der Alten in Frage.

Wer sind hier eigentlich die Kinder? Im Patchworkfamilien-Reihenhaus geraten die Rollen schon mal durcheinander. Müller macht sich dabei niemals über seine Figuren lustig, er verrät nicht ihre ganz legitimen Sehnsüchte, er folgt ihnen sogar fröhlich beim Ausleben ihrer Begierden. Doch einer Erkenntnis kann man sich bei seinem Generationen-Tohuwabohu eben doch nicht entziehen: Wenn sich die Alten ihrem zweiten Frühling hingeben, treibt das die Jungen schon mal verfrüht in den Herbst des Lebens.

"Die Liebe der Kinder", Montag, 22.45 Uhr, ARD

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