"Germany's Next Topmodel" Finale Feminismus-Fasching

Heidi Klum vollzog eine Eheschließung, warb für Tokio Hotel und verpasste Kostüme, die aussahen wie Buttplugs, aus denen Köpfe herausragen. Eine Siegerin wurde im Finale von "Germany's Next Topmodel" auch gekürt - notgedrungen.

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Oft glaubt man ja, man habe im TV jetzt wirklich schon alles gesehen. Dass einen tatsächlich nichts mehr überraschen oder gar erschüttern könnte. Denkt man so. Und dann gibt es da plötzlich eine Sendung, bei der man einfach nur noch den Drang hat, auf den Balkon zu treten und es hinauszurufen in die dunkle, stille Stadt: "Hallo, seht ihr das auch? Ihr seht das doch auch? Bitte, bitte sagt mir, dass ihr das alle auch seht!"

Weil man sich dringend einen beruhigenden Beleg dafür wünscht, dass man nicht einfach endgültig verrückt geworden ist, weil man nämlich gerade zu sehen glaubt, wie Heidi Klum als Notstandesbeamtin im Finale ihrer Modelselektionsshow eine Ex-Kandidatin live auf der Bühne mit ihrem 27 Jahre älteren Freund vermählt, in Anwesenheit eines Menschen im Murmeltierkostüm und eines augenscheinlich von jedem Lebensmut verlassenen Thomas Gottschalk. "Ringe, Ringe, Thomas, jetzt-jetzt-jetzt!", schrillt die Ehestifterin, "die zwei brauchen die Ringe, gib sie ihnen doch!", Gottschalk nestelt und kramt, auch das Murmeltier ist keine rechte Hilfe und muss von Klum erst auf Spur gebrüllt werden: "Herbert, mach doch den Umschlag auf, oder kannst es nicht mit deinen Pfoten?", es ist wie damals bei Heinz Wäscher und seinem lustigen Glückshasen, nur in sireniger Tonlage.

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"GNTM"-Finale: Es konnte nur eine geben

Dann muss die Braut noch den Ring des Bräutigams anlecken, damit sie ihn, derart spuckbeflutscht, auf seinen Finger zwingen kann, und top, die Ehe gilt. "Sie ist wahnsinnig", sagt der von dieser Blitztrauung überraschte Ehemann, meint allerdings seine Frischfrau. "Ja, deine Frau ist crazy", sagt Heidi Klum, und dann, weil ihr einfällt, dass sie durch diesen ganzen Hochzeitszinnober ärgerlicherweise schon zehn Minuten lang nicht mehr ihren Verlobten Tom oder seine Band Tokio Hotel erwähnt hat, jetzt also fix: "Aber mein Zukünftiger hat es doch auch nicht einfacher."

Eine Varieté-Show voll bizarrer Momente

Es ist ein konstantes Faszinosum, dass man bei jedem Finale von "Germany's Next Topmodel" ("GNTM") fest glaubt, nun sei aber wirklich der Scham-Endpunkt erreicht. Aber da geht tatsächlich immer noch mehr, und auch nächstes Mal wird wieder noch mehr gehen, das ist beruhigend und beängstigend zugleich. Dabei hofft man zu Beginn für dieses Jahr erst noch auf souveräne Selbstironie: Martina Hill rangelt da in ihrer Klum-Imitationsrolle backstage mit der Original-Heidi und knockt sie schließlich in einem Matthias-Steinbrück-Gedächtnismoment mit einer Bratpfanne aus. Die Hill-Heidi schafft es kurz auf die Bühne, bis die echte ihrerseits die Pfanne auspackt. Das ist lustig, mündet aber leider in eine überpomptes Cirque-de-Soleil-Eröffnungsspektakel. "Vielleicht heiratet heute noch jemand?", ruft Klum und zählt die Topstars auf, die heute noch erwartet werden: "Tokio Hotel, auf die freue ich mich am allermeisten, warum wohl? Ist euch auch so heiß wie mir? HahahahahahaHAAAhahaha!"

Was folgt, ist eine Varieté-Nummernshow bizarrer Momente. Ein Einspieler, der zeigt, wie Taylor Swift am Vortag bei den Proben auftritt - begleitet von einer Art Mini-Playback-Show-Variante der Flippers. Tyra Banks kommt, Klum brüllt: "Yes, Mama!" Die drei Finalistinnen erscheinen in Kostümen irgendwo zwischen Mensch-ärgere-dich-nicht-Figur, Verkehrskegel und Buttplug, aus denen nur die Köpfe herausragen, die mit in diesem Zusammenhang einfach nur zynischen, fakefeministischen Botschaften wie "Gott ist eine Frau" beschriftet wurden und die unverhohlen von Viktor & Rolf abgekupfert sind.

Vernarbte Kenner des Formats wissen: Jetzt kommen die gefürchteten Inspirationsreden der Finalistinnen. Cäcilia ruft dazu auf, zu sich zu stehen, egal ob man klein oder groß, dick oder dünn sei, und genau wie Sayana, die dafür kämpfen wolle, dass alle Mädchen auf der Welt frei und selbstbestimmt leben dürfen, meint sie es bestimmt sogar ernst und ehrlich - das ist das Gemeine und Perfide an dieser Show, deren Struktur doch das genaue Gegenteil propagiert. "Hiermit möchte ich euch sagen, dass alles möglich ist", sagt Simone, und zumindest das würde man nach dieser Sendung vollumfänglich unterschreiben. Leider kann man es nicht einmal mehr auf Kapitulationsbasis lustig finden, wenn dann die ausgeschiedenen Kandidatinnen einen Walk zeigen, bei dem sie Schilder wie "Blessed to be a woman", "A Girl is a Gun" und "Stop Body Shaming" hochhalten.

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Die dauernd angekündigte Hochzeits-Chose

Zwischendurch macht Klum immer wieder hochanstrengende Heiratsanspielungen. "Wir sehen uns gleich wieder, wenn die Hochzeitsglocken läuten", moderiert sie die Werbung an. "Willst du auch mal heiraten? Kindertraum auch?", fragt sie die Vorjahressiegerin Toni und lässt sich selbst von Olivia Jones befragen, wann und wo sie denn selbst heiraten würde. Klums Antwort, archetypisch: "Bald, bald, bald." Vielleicht glauben da Menschen tatsächlich noch, dass es Klum selbst sei, die in der Show noch heiraten würde. Man hält inzwischen alles für möglich und gar nicht mehr für so unwahrscheinlich, dass gleich vielleicht noch der Wendler live seine jugendliche Bekanntschaft ehelichen könnte, natürlich in Partnerlook-Tanktops. Aber dann ist es eben doch Ex-Kandidatin Theresia, naja, vielleicht dann ja im "Sommerhaus der Stars".

Noch penetranter als die ewig angeteaste Hochzeits-Chose ist dann nur noch Klums Werbung für Tokio Hotel. Sie singt bei jeder Einspielung den Staffelsong mit, der natürlich von der Band ihres Verlobten stammt, führt ein seltsames Kurzinterview mit Jasmin "Blümchen" Wagner über die Neunziger, vermutlich nur, um sagen zu können: "Ich hab das mit Tokio Hotel damals gar nicht so mitgekriegt, man sieht ja, wie ich das jetzt nachhole, hihi", und kündigt schließlich endlich den Auftritt ihrer "neuen Familie" an. Danach wird Tom kurz geknutscht, doch mittendrin: "Wir müssen leider in die Werbung gehen, Leute". Und man fragt sich, hö, ich dachte, da sind wir schon längst drin.

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Der Modelwettbewerb geht unter

Ach so, ja: Models. Die gibt es ja auch noch. Niemand hat hier die Absicht, ein Topmodel zu küren, das ist längst klar. Denn dazu müsste man die drei Finalistinnen ja irgendwie bewerten. Zum Beispiel, wie sie sich auf einem Laufsteg bewegen. Aber sie stecken ja bei ihrem ersten Walk in den Kegelkostümen und absolvieren ihren zweiten Gang im Stockdunkeln, nur ihre Kleider leuchten, sonst ist quasi nichts zu erkennen. Cäcilia muss gehen, man weiß nicht warum. Ein einziges Live-Shooting gibt es schließlich, um die Siegerin zu küren, es dauert eine Minute. Simone und Sayana müssen sich dabei von etwa zwei Dutzend "Magic Mike"-Striptänzern in die Höhe heben lassen, nachdem Klum die Halbnackten unter "Everybody is too hot"-Geplärr mit einem Laubbläser durchgepustet hat. Spätestens jetzt - sorry, Martina Hill - hat sie sich unparodierbar gemacht, es ist nicht mehr zu toppen. Das Shooting selbst ist ein Grapschfest im Gesäßbereich. Gott ist eine Frau, bitte nicht vergessen.

Thomas Gottschalk soll sich dann zu den entstandenen Bildern äußern. "Ich habe mit der Sache nichts zu tun", sagt er, vielleicht ist das gar kein Witz. Nie war das Ergebnis schließlich begründungs- und kriteriumsärmer. Simone gewinnt, und es ist wirklich egal, denn schon die gesamte Staffel "GNTM" schien irrelevanter denn je. Die großen Auto-, Schminke- und Rasierklingen-Werbejobs fehlten, und als kurz vor dem Finale Mitfavoritin Vanessa ausstieg, um eventuell den noch strengeren Verträgen zu entgehen, die die Finalistinnen unterschreiben müssen, schien das vielen ein extrem kluger Schachzug, weil Instafollower längst eh die härtere Währung sind als ein möglicher Sieg in einer sonderbaren Sendung. So gesehen war es nur konsequent, dass es im Finale nur am Rande um die Models ging - weil es in Wahrheit eben wirklich nicht um sie geht. "GNTM" hat mit diesem Finale die Ehrlichkeit entdeckt. Und die Gewinnerin Simone bedankt sich in ihrem Siegesinterview ausdrücklich beim Pro-Sieben-Psychologen.



insgesamt 44 Beiträge
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Seite 1
scxy² 24.05.2019
1.
Ich weiß ja nicht, wer sich sowas anschaut und zu welchem Zweck. Aber wenn die Rützel darüber schreibt, dachte ich, lohnt es sich zu lesen. Stimmt auch, denn es ist lustvoll runtergerattert. Ich kann mir eine Vorstellung von der Sendung machen. Indes, es bestätigt mein Vorurteil und meine tiefe Verachtung für solcherlei Prositution. Ein widerlicher Gedanke, sich mit den Motiven und Äußerungen, mit dem Gebahren und den Verheißungen der Beteiligten auseinanderzusetzen. Eine tiefgreifende Scham und Peinlichkeit ergreift mich, schon wenn ich mich nur in Gedanken damit beschäftige. Deshalb jetzt auch genug davon. :-)
hegoat 24.05.2019
2.
Ich hab GNMT auch in der siebten (?) Staffel immer noch nicht gesehen, und wenn ich die Rezension lese, frage ich mich kurz, ob ich nicht doch was unfreiwillig Lustiges verpasst habe. Aber dann denke ich "Nääh, das Leben ist zu kurz für sowas." Danke, Frau Rützel, dass Sie Ihre Lebenszeit dafür opfern.
karlsiegfried 24.05.2019
3. Ein trauriges Beispiel für
die Einfältigkeit eines Volkes. Spiele und Brot der Neuzeit, wie vieles andere auch.
Sumerer 24.05.2019
4.
Zitat von hegoatIch hab GNMT auch in der siebten (?) Staffel immer noch nicht gesehen, und wenn ich die Rezension lese, frage ich mich kurz, ob ich nicht doch was unfreiwillig Lustiges verpasst habe. Aber dann denke ich "Nääh, das Leben ist zu kurz für sowas." Danke, Frau Rützel, dass Sie Ihre Lebenszeit dafür opfern.
Ich habe diese stereotypischen Gottesdiensten ähnlichen Veranstaltungen ebenfalls noch nicht gesehen. Allerdings kann man davon hinsichtlich Selbstvermarktung eine Menge lernen. Klum ist die Hohepriesterin dieser Veranstaltung und scheffelt, wie die Priester, Kohle. Ich vermute, dass Heil der Gläubigen ist völlig nebensächlich. Es geht ja lediglich um die Kollekte mit Hilfe des Flimmerkastens.
Boone 24.05.2019
5.
Unfassbar, das Ausmaß der Verblödung und Würdelosigkeit, das dieser Show inne wohnt. Dass Klum nicht die hellste Kerze auf der Torte ist, ist ja kein Geheimnis, aber das sich Gottschalk für sowas hergibt. Hatte ihn wohl überschätzt.
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