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Germany's Next Topmodel: Wenn du denkst, schlimmer wird's nicht...

Foto: Marcel Kusch/ dpa

"Germany's Next Topmodel"-Finale Narben auf der Hirnrinde

Ein Gemälde von Hieronymus Bosch, aber als Show: Heidi Klum kürt eine gewisse Céline Bethmann zum neuen Top-Model, und drum herum passieren schreckliche Dinge.

Es war noch nie so schlimm gewesen. Um das gleich mal in korrektem Klumquamperfekt ganz sachlich festzustellen.

Wer gestern mit der Arroganz von elf überstandenen Germanys-next-Topmodel-Finalen, die man wie ein geschlagener, aber stolzer Trash-Krieger für immer als Narben auf seiner Hirnrinde trägt, die zwölfte Version einschaltete, musste schon nach fünf Minuten die Kapitulationsfahne hissen. Welch Narr man war, zu denken, diese Veranstaltung könnte nicht mehr aufgesetzter, künstlicher und krümmwürdiger werden. Welch Tölpel, dass man diese hammerharte Gerade, volle 12 aufs Schmerzzentrum, nicht kommen sah: Heidi Klum singt!

Und zwar Playback und obendrein noch zusammen mit ihren Jury-Kollegen Thomas Hayo und Michael Michalsky, mit denen sie Harald-Juhnke-haft zu "There's No Business Like Showbusiness" die Treppe herunterschwänzelt. Um unten angekommen, es ist wirklich wahr, in einem silbernen Badeanzug ein kurzes Madonna-Cover abzuliefern. Heidi Klum singt und tanzt "Vogue", und man fühlt sich wie bei einer leicht provinziellen Abifeier, bei der sich die knochenharte Turnlehrerin, die heimlich nie ihre Kleinmädchenträume von einem Leben in der Glitzerwelt verlor, unerbittlich ins Programm gedrängt hat.

Im Zuschauerhirn läuft ratternd noch ein Leuchtschriftband, auf dem abwechselnd in Großbuchstaben "WAS?" und "WARUM?" stehen, da wird direkt ein fieses Klischee bestätigt: Models sollten eventuell lieber schön umhergehen und dafür eher nicht reden.

Die vier Finalistinnen begrüßen nun nämlich die Zuschauer, und Céline schrillt "Hallo Oberhausen", dass einem zu Hause schier das Likörchenglas zu zerspringen droht. Kollegin Leticia wünscht anschließend "Einen wunderschönen Leute an die Abend". Später wird Vorjahressiegerin Kim noch eine Laudatio halten, die mit ihrer "Übung macht den Meister"-Bräsigkeit schon wieder schwer an eine Schulfeier erinnert: Nämlich an die Abirede der Stufenstreberin, bei der sogar der gutmütige Erdkäs-Lehrer weggeschnarcht wäre.

Es tut dann schon fast nicht mehr weh, als GNTM-Veteranin Rebecca Mir, die Backstage-Reporterin, ein faszinierendes Fachdetail vermittelt: "Beim nächsten Walk kommt es vor allem auf den perfekten Walk an."

Ach ja, die Walks. Herumgegangen wird natürlich auch viel, manchmal in Trickkleidern, manchmal mit Taschen, groß wie eine Einzimmerwohnung, gelegentlich brennt dazu etwas dekorativ. Manchmal sieht das Geschehen auf der traditionell gebärmutterförmigen Bühne in der Totalen so rätselhaft aus, als hätte es Hieronymus Bosch nach Tollkirschengenuss gemalt.

Dabei soll das alles genau so sein: Im Gegensatz zu den Vorjahren ist die Sendung nicht live, sondern wird mit einem größeren Puffer zeitversetzt gesendet: Fast eine halbe Stunde vor Sendebeginn tauchen schon erste Bilder der Eröffnung bei Twitter auf.

Bei all der Möpperei sollte man nicht vergessen: Es gibt auch Lichtblicke. Etwa Sängerin Beth Ditto, die als Showact auch noch ein paar Tipps für die Laufstegarbeit der Finalistinnen hat: "Keep walking! Weiter laufen, laufen-laufen!" Es wird gerade lustig, da springt wieder die grinskatzige Rebecca Mir ins Bild und führt eine Art Interview:

Mir: Du bist ja selbst schon jede Menge Runways gelaufen.

Ditto: Na ja, drei.

Mir: Das ist eine Menge!

Zweiter Lichtblick, wie immer: Ex-Juror Wolfgang Joop, der mit verlässlich erratischer Knitterigkeit ein wunderbares Wackelmoment in die sonst so stabil festgezurrte Show bringt. Zweitschönste Stelle: Wie er erzählt, dass frühere Kandidatinnen ihn manchmal fragen, ob er nicht ein paar Klamotten für sie hätte: "Hatte ich, aber die konnten sie nicht bezahlen, meistens." Schönste Stelle: Seine Dada-Einlassungen zu den eigens fürs Finale geschneiderten Kleidern: "Ist es new look, ist es old look? It has looks, looks, alle looks!"

Man würde ihm gerne länger zuhören, doch dafür ist in diesem lieblos zusammengeschusterten Format-Flickwerk keine Zeit. Es müssen nämlich neuerdings auch sinnfreie Trophäen an die ausgeschiedenen Kandidatinnen verliehen werden, peinliche Trostpreise, die aussehen wie aus dem 3D-Druckkurs. Gekürt werden damit "bester Walk", "bestes Shooting" und, man könnte es sich nicht ausdenken: "größte Personality".

Die preisgekrönte Läuferin Maja dankt unter Tränen ihren Eltern, und "Julia F", die ernsthaft für "die Überwindung ihrer Schüchternheit" prämiert wird, brüllt über die schon aufgedrehte Rausschmeißermusik: "Glaubt an euch und eure Träume!"

Auch noch neu im Konzept: Ein Mädchen aus der Zuschauerschaft der Oberhausener Arena bekommt ein goldenes Ticket, das sie direkt als Teilnehmerin der nächsten Staffel (an dieser Stelle alle heimlichen Hoffnungen fahren lassen!) qualifiziert. Die hastig in der Werbepause ausgewählten Mädchen müssen auf der Bühne Probelaufen, und die Klum lässt den Kreischmotor hochtourig heißlaufen: "Die Nächste, die Nächste, lauft, lauft, lauft, die Nächste, die Nächste, die Nächste, und die Nächste, wow, die nächste, wow!" Gerne würde man etwas Kühlwasser nachfüllen, da kürt sie schon die Siegerin wie eine fachkundige Zuchtrichterin bei der Jungrindbeschau: "Schau dir diese Augen an!"

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Zwischen all diesem atemlosen Durcheinander werden fast beiläufig die nötigen Rausschmisse vollzogen. Schön, wie die weiß berobten Romina und Leticia einander umklammern, als seien sie bange Bräute, von denen eine gleich dem grausamen Klum-Bräutigam im Glitzeranzug ausgeliefert würde. Erst fliegt Leticia, dann Romina, der Michalsky hemmungslos in den Kragen heult. Da ist es höchste Zeit für ein paar Fake-Küsse von Heidi, die sie an diesem Abend verschleudert wie Mumps-Viren. Mwah, mwha, es ist kaum auszuhalten.

Zwischendurch tritt bizarrerweise noch Naomi Campbell auf, die für ein paar Minuten lippig auf der Couch sitzt und ihre extrem fachkundige Meinung zu den Top 3 abgibt: "Du weißt genau, wohin du gehst, in welche Richtung", lobt sie eine von ihnen - eine dolle Leistung, wo doch der Laufsteg gar nicht ausgeschildert ist. Bei der Gesangseinlage von Helene Fischer wehrt man sich dann schon gar nicht mehr, wundert sich nur kurz, dass sie zu Beginn auf einem Leichenberg zu stehen scheint, aber dann fangen die drapierten Männekes doch noch an zu tanzen.

Nach drei Stunden wird dann relativ hastig Céline zur Gewinnerin ernannt, die zweitplatzierte Serlina ist direkt verschwunden, als habe man sie direkt per Falltüre entsorgt. Länger im Gedächtnis als die Siegerin bleibt die vergebenste Liebesmüh des Abends. Die "Personality"-Preisträgerin, das Transgender-Model Melina, bittet in ihrer Dankesrede: "Fangt doch bitte an, andere Menschen zu tolerieren. Es ist doch egal, wie einer aussieht oder was einer wiegt." Und der Beifall der Jury ist der zynischste Moment des ganzen Showschlamassels.

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