Geschasster MDR-Unterhaltungschef Rätselraten um das "System Foht"

Die Affäre Udo Foht geht weiter: Laut SPIEGEL-Informationen fordert eine Schweizer Firma eine Million Euro vom MDR. Die "Mitteldeutsche Zeitung" zitiert ein internes Schreiben von Intendant Reiter, in dem er hinter den ominösen Transaktionen "private Zwecke" vermutet.

Udo Foht, entlassener MDR-Unterhaltungschef: Unabgesprochene Produktionen mit Privat-Darlehen finanziert?
DPA

Udo Foht, entlassener MDR-Unterhaltungschef: Unabgesprochene Produktionen mit Privat-Darlehen finanziert?


Hamburg/Berlin - Die Schweizer Musik- und TV-Produktionsfirma Gillming & Co. fordert laut SPIEGEL-Informationen vom MDR eine Summe von rund einer Million Euro als Schadensersatz, weil eine von Foht in Auftrag gegebene Sendung nie produziert worden sei. Das ist die bisher größte Forderung, die in der Affäre Foht bekannt geworden ist.

Seit seiner Entlassung sind eine Reihe von Finanztransaktionen bekannt geworden, die der Unterhaltungschef des MDR in den letzten Jahren veranlasst haben soll. Die "Welt" berichtete am vergangenen Mittwoch von mehreren TV-Produzenten, die beklagten, dass Foht spekulativ und ohne Absprache mit dem MDR Formate in Auftrag gegeben habe.

Außerdem hat der MDR-Mann offenbar immer wieder Kollegen und Geschäftspartner um Privatkredite gebeten und diese zum Teil auf MDR-Geschäftspapier bestätigt. Foht soll eine Art Schneeball-System aufgebaut haben, bei dem er sich immer neue Kredite besorgte, wenn er alte bedienen musste.

Der Musikverleger Hans R. Beierlein hat bestätigt, dass Foht ihn 2008 zu einem Darlehen überredet habe - das Geld soll zur Finanzierung einer Sendung mit dem Arbeitstitel "Schlag auf Schlager" gedacht gewesen sein, deren Produktion Foht ohne Absprache mit dem MDR veranlasst habe.

Auch Burda-Manager Philipp Welte soll dem MDR-Mann 30.000 Euro geliehen haben. Angeblich ist das Darlehen - ebenso wie ein weiterer Kredit von 20.000 Euro, den Foht von einer Leipziger Produktionsfirma erbeten hat - an ein Berliner Unternehmen namens "Just for Fun" geflossen. Diese Firma gehört dem Immobilienkaufmann René Bohacek, welcher wiederum den TV-Moderator Carsten Weidling beschäftigte, der als Günstling des geschassten MDR-Unterhaltungschefs gilt. Foht hat Weidling, Sohn des DDR-Fernsehstars O.F. Weidling, immer wieder als Moderator bzw. Journalist beschäftigt - zuletzt in der Serie "Wir sind überall", die ostdeutsche Auswanderer porträtierte.

Warum Foht die kolportierten Transaktionen vorgenommen hat, ist unklar. Wie die "Mitteldeutsche Zeitung" am Montag unter Berufung auf einen internen Brief von Intendant Udo Reiter berichtet, soll Foht Zahlungen des MDR in sechsstelliger Höhe abgezweigt haben. Die Zeitung zitiert aus dem Schreiben Reiters: "Dabei geht es nach den vorliegenden Informationen um eine im MDR nicht projektierte Unterhaltungsshow, entsprechende Sendeplatzversprechen von Herrn Foht und Zahlungen zwischen verschiedenen Firmen in sechsstelliger Höhe. Aufgrund der bislang vorliegenden Unterlagen muss davon ausgegangen werden, dass die gezahlten Gelder von Herrn Foht oder anderen für private Zwecke verwendet wurden."

Offensichtlich hatte der 60-Jährige finanzielle Probleme - wie der MDR bestätigte, wurde zwischenzeitlich sein Gehaltskonto teilweise gepfändet.

2001 geriet Foht in den Verdacht, als "IM Karsten Weiß" für die Stasi tätig gewesen zu sein. Der MDR entlastete Foht allerdings nach einer internen Untersuchung offiziell von den Vorwürfen. Die "Bild"-Zeitung zitierte am vergangenen Dienstag anonyme "Freunde und Mitarbeiter", die mutmaßen, Foht könne wegen seiner "Stasi-Vergangenheit" erpresst worden sein.

Der Medienexperte der Linken in Sachsen-Anhalt, Stefan Gebhardt forderte angesichts der neuen Sachlage eine Sondersitzung des Fernsehausschusses, der sich mit dem "System Foht" befassen solle. "Es muss Schaden vom Sender abgewendet werden, wenn das überhaupt noch möglich ist", sagte der Politiker. Unterstützung erhielt Gebhardt vom sächsischen SPD-Generalsekretär Dirk Panter. "Ich halte eine Sondersitzung für ganz wichtig", sagte Panter der Zeitung.

Der Fernsehausschuss überwacht unter anderem die Einhaltung des MDR-Staatsvertrages und kann dem Intendanten Empfehlungen zu Programmangelegenheiten geben.

twi/dapd



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