Schlagzeugerlegende Ginger Baker Höllenritt mit Drumsticks

"Krass asozial"? "Ziemlicher Junkie"? Oder schlicht genial? Eine Dokumentation feiert den berüchtigten Cream-Schlagzeuger Ginger Baker in seiner ganzen Widersprüchlichkeit.


Achtung vor Mr. Baker! Dass die Warnung keineswegs nur ein lustiger Spruch ist, der am Eingangstor der südafrikanischen Farm des Protagonisten prangt, muss der Filmemacher am eigenen Leib erfahren.

Als Regisseur Jay Bulger seinem Interviewpartner zum Abschied erzählt, er werde nun mit den Leuten reden, "die Teil deines Lebens sind", hält der das für keine gute Idee. Vor laufender Kamera rammt Baker dem anderen seinen Gehstock ins Gesicht, zertrümmert ihm das Nasenbein. "Ginger Baker hat mir gerade auf die Scheißnase gehauen", schreit der Getroffene im Schmerz und begutachtet im Auto-Rückspiegel den Schaden.

Bulger ist dann trotzdem ein sehr liebevolles Porträt des heute 77-jährigen Ex-Cream-Schlagzeugers gelungen - was an sich schon eine Leistung ist. Denn auch in den gefilmten Gesprächen mangelt es nicht an verbalen Entgleisungen: "What? Fucking asshole! Keine Ahnung, wie ich es schaffe, dir nichts an den Kopf zu schmeißen", herrscht der alte Baker, Kette rauchend und mit Sonnenbrille im Sessel sitzend seinen Interviewer an, derweil seine Beine unkontrolliert zucken und er kaum noch den Frühstückstoast zum Mund führen kann ("degenerative Osteoarthritis, du kannst nichts dagegen machen").

Doch mit der Schroffheit geht auch Ehrlichkeit einher - über ein Leben, in dem er wirklich nichts ausgelassen hat. Geboren am 19. August 1939 in London, verlor Ginger Baker im Alter von vier Jahren den Vater im Zweiten Weltkrieg. Eindrücklich erzählt er, von Drum-Sequenzen unterlegt, wie er sich an die Geräusche des Bombenhagels erinnert - "Ich liebe Explosionen!"

Erfinder des Rock-Drum-Solos

Schon in der Schule ein Trommler, führt ihn der Jazzer Phil Seamen Ende der Fünfzigerjahre in seiner Kellerwohnung in die Welt der afrikanischen Drummer und des Heroins ein. Nach Stationen bei Alexis Korners Blues Incorporated, wo er Rolling Stones-Drummer Charlie Watts ersetzte, und bei der Graham Bond Organization wurde er Mitbegründer von Cream - jener Band, mit der er von 1966 bis 1968 zusammen mit Jack Bruce und Eric Clapton Welterfolge und Exzesse feierte.

Baker galt als Naturgewalt, Archetyp, Erfinder des Rock-Drum-Solos. Es folgte eine weitere erfolgreiche Phase mit Blind Faith, bevor ein kontinuierlich in ein Drogenparalleluniversum abdriftete.

Dem Krückenschlag zum Trotz hat Bulger für seinen Film, der am Samstag bei Geo Television seine deutsche Fernsehpremiere feiert, eine illustre Liste von Weggefährten getroffen. So äußern sich Johnny Rotten, Charlie Watts, Jack Bruce, Eric Clapton, Lars Ulrich, Stewart Copeland, Mickey Hart, Carlos Santana und Femi Kuti, der Sohn des Afrobeat-Aktivisten Fela Kuti. Mit dem hatte Baker in den Siebzigerjahren in Nigeria ekstatisch zusammengespielt und die Flower-Power-Zeit ein zweites Mal durchlebt, bevor er eine bizarre Polo-Leidenschaft in sich entdeckte und fortan mit Fela Kutis politischen Feinden im Sportclub abhing.

Die Einlassungen der künstlerischen wie der privaten Wegbegleiter ähneln sich: Baker war offensichtlich einer, der nichts längerfristig betreiben oder an einem Ort bleiben konnte, ohne dass Konflikte auftraten. "Ginger war herablassend und krass asozial", sagt Weggefährte Clapton, und räumt ein, dass er sich immer "rausgezogen" habe, wenn es "beängstigend oder bedrohlich wurde". Privat künden davon vier Ehefrauen und zahlreiche zutiefst verletzte Kinder, karrieretechnisch hatte es zur Folge, dass seine Projekte nie lang währten.

Baker indes erzählt immer noch gern davon, wie Mick Jagger, "dieser verweichlichte Jüngling", damals "furchtbare Angst" vor ihm hatte, weil er, Baker, ein "ziemlicher Junkie" war. Oder wie er, mit drei "chicks" im Auto auf der Küstenstraße nach L.A. unterwegs, im Radio seine eigene Todesnachricht hörte: Ginger Baker, gestorben an einer Überdosis Heroin. "Haha! Ich dachte, ich muss im Himmel sein."

Neben viel imposantem Originalmaterial, das Baker mit flackerndem Blick und von Drogen ausgezehrt bei irrwitzigen Auftritten zeigt, hat Bulger seinen Film mit hübschen Animationssequenzen angereichert, die oft Kämpfe des rothaarigen Recken illustrieren und leitmotivisch trommelnde Galeeren-Sklaven zeigen. Und dann ist da noch das Motiv der verbrannten Erde, flackernde Feuer auf der Weltkarte, um Bakers zahlreiche Umzüge zu veranschaulichen. Unter anderem wohnte er in London, gründete ein Studio in Lagos/Nigeria, das pleite ging, lebte mit seiner zweiten Frau in einer Berghütte in Italien, zog nach Kalifornien, Colorado, Südafrika.

Ginger Baker ist definitiv kein Sympathieträger - dezente Versuche, ihn immerhin als späten Pferde- und Hundefreund zu zeigen, überzeugen nur bedingt. Und doch nötig der schiere Umstand, dass er noch am Leben ist, Respekt ab. Aktuell verkündet der Blog auf seiner Webseite, dass sich Baker, der Unbezähmbare, von einer Herz-OP erhole.


"Wer hat Angst vor Mr. Baker", Sonntag, 20.15 Uhr, Geo Television



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