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24. April 2014, 18:45 Uhr

Rassismus gegen "GNTM"-Kandidatin

Aminatas Mission

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Aminata Sagona, Kandidatin der ProSieben-Show "Germany's Next Topmodel", wird im Netz rassistisch beschimpft. Der Sender löscht die Kommentare auf seiner Facebook-Seite, sie selbst lässt sie auf ihrer Fanpage stehen, als Mahnmal. Welcher Weg ist der richtige?

Das Bild eines Mädchens, eine Träne läuft über ihre Wange. Die Reaktion vieler Betrachter: Hohn, Spott, Verachtung. Sie solle sich nicht so anstellen, steht dort sinngemäß. Einige Kommentatoren gehen noch weiter.

Erschienen ist das Foto auf der ProSieben-Seite bei Facebook. "Quotenneger" und "gorilla fresse" war unter dem Bild der 19-jährigen Aminata Sagona, die an der Elfenbeinküste geboren ist, zwischenzeitlich zu lesen. Immer wieder kommen neue dazu, wie etwa: "Es ist wie mit Bananen. Keiner mag die Schwarzen." Als wollten sich die Kommentatoren mit rassistischen Geschmacklosigkeiten überbieten.

ProSieben sieht durch die Beleidigungen und Entgleisungen eine rote Linie überschritten. Noch nie sei eine Kandidatin der Klum-Show derart angegangen worden, teilt der Sender mit. Deshalb postete er ein Stoppschild mit der Ansage: "Das können wir nicht dulden! Das wollen wir nicht dulden!" Eine Pressemitteilung wurde herausgegeben, das Problem so weiter transparent gemacht. Die rassistischen Bemerkungen, die in den Kommentarspalten auftauchen, löscht ProSieben sukzessive, die Verfasser werden blockiert. "Und natürlich prüfen wir, wie wir gegen die Absender juristisch vorgehen können", teilt der Sender-Sprecher Christoph Körfer mit.

Aminata, die Kandidatin, gegen die sich die Hetze richtet, hat sich für einen anderen Weg entschieden. Auf ihrer Fanpage, die sie bei Facebook selbst kuratiert, lässt sie auch die rassistischen Sprüche stehen. Als eine Art digitales Mahnmal. "Ich will Deutschland zeigen, dass heute Menschen noch so denken", sagt sie. Auf einem Selfie streckt sie an ihre "Hater" gerichtet die Zunge heraus. "bin schwarrrrrrrrz meine zunge pink und was wollt ihr jetzt machen?!", schreibt sie dazu. "Aminata hat den Umgang mit diesen Anfeindungen zu einer persönlichen Mission gemacht", sagt Körfer zu SPIEGEL ONLINE.

Betreuung, wenn nötig

Aber sollte der Umgang mit Rassismus in den eigenen Facebook-Foren nicht auch eine Mission der Sender sein? Schließlich profitieren sie von den Hoffnungen der jungen Mädchen, die teils minderjährig ins Scheinwerferlicht der Castingshows drängen. Nach Angaben von ProSieben werden die Kandidatinnen vorgewarnt, dass ihnen dort eben nicht nur Bewunderung, sondern auch Spott und im schlimmsten Fall Hass entgegenschlagen kann. "Grundsätzlich werden Kandidatinnen dann betreut, wenn es nötig ist", sagt Körfer.

Vor dem Problem steht freilich nicht nur der Sender aus Unterföhring. Rassistische Kommentare seien in sozialen Netzwerken keine Seltenheit, erklärt die Organisation "jugendschutz.net". Auch die RTLII-Soap "Berlin Tag&Nacht" sah sich dem ausgesetzt; eine der Darstellerinnen wurde ebenfalls bei Facebook unter anderem als "Thainutte" beschimpft. Auch hier wurden die Beiträge gelöscht. So wird zwar verhindert, dass die vor allem junge Zielgruppe damit konfrontiert wird, die Frage nach dem richtigen Umgang bleibt dennoch weiter offen. Auch SPIEGEL ONLINE löscht bei Facebook rassistische Kommentare und blockiert deren Verfasser.

"Der Rassismus existiert ja auch, wenn die Kommentare nicht geschrieben werden", sagt Julia Seeliger. Die Journalistin schreibt gerade ein Buch über Trolle im Netz. Deren Kommentare definiert sie als besonders entblößend, provozierend, drastisch und unnötig verkürzt. Das kann auch purer Rassismus sein. "Trollerei ist nicht nur lustige Spaßmacherei", sagt sie. Für die Medien, die davon in den Kommentarspalten ihrer Social-Media-Seiten betroffen sind, sei es wichtig, sich deutlich zu distanzieren. Die Debatte an sich sollte aber nicht erstickt werden: "Es werden eh schon zu viele Debatten nicht geführt." Das gesellschaftliche Problem ist so oder so da, die Kommentare machen es eben nur sichtbar.

Schweigen oder in die Offensive gehen?

Das sieht Facebook ähnlich. Ein Sprecher des Netzwerks sagte dem "Tagesspiegel": "Wir sind der Überzeugung, dass auch kontroverse Diskussionen, solange sie unseren eindeutigen Richtlinien entsprechen, auf Facebook stattfinden sollen." "Rassistische Hetze" werde allerdings nicht toleriert. Auch ProSieben hat offenbar noch keine eindeutige Position gefunden. "Schweigen über ein schwieriges Thema? Oder in die Offensive gehen?", fragt Körfer. Man habe sich in Absprache mit der Kandidatin für einen offensiven Umgang entschieden. Auch wenn das in dem Fall heißt, dass der Sender weiterhin löscht, die Betroffene nicht.

Nicht nur in anderen Medien werden die Anfeindungen derweil diskutiert, die Nutzer selbst werden zum Korrektiv. So stehen den rassistischen Beleidigungen zahlreiche Posts entgegen, die die Verfasser in die Schranken weisen. "Ihr solltet euch schämen!!!", ist zu lesen. Der "Stop"-Post von ProSieben war für den Sender der mit der größten Reichweite des Jahres.

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