40 Jahre Schimanski Endlich war am Pott mal was cool

Duisburg jubiliert: Vor 40 Jahren gab Horst Schimanski in der »Tatort«-Folge »Duisburg Ruhrort« seinen Einstand. Für unseren Autor war er der Größte – aber nur ein paar Jahre lang. Man muss seine Idole auch ziehen lassen.
Götz George als Schimanski: angehimmelt und ein bisschen geschämt

Götz George als Schimanski: angehimmelt und ein bisschen geschämt

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Martin Athenstädt / picture-alliance/ dpa

Ich habe Schimanski mal nackt gesehen. Also, halb nackt. Und genau genommen nicht Schimanski, sondern seinen Darsteller Götz George. 1990 war das, bei Dreharbeiten zu der Tatort-Folge »Bis zum Hals im Dreck«. Also neun Jahre nach der Ausstrahlung seines Debüts mit der »Tatort«-Folge »Duisburg Ruhrort« vor genau 40 Jahren.

Ich war 20 und begeistert. Das habe ich meinen Freunden gegenüber natürlich nicht zugegeben. Ich stand kurz vor dem Abitur, da hatte sich der kulturelle Horizont zu weiten begonnen, Schimanski war längst nicht mehr der strahlendste Stern am Firmament. Eher so etwas wie der Onkel, den man als Kind angehimmelt hatte und für den man sich nun ein bisschen schämt wegen seines Schnauzers und der Macho-Sprüche.

Ohne ihn hätte etwas gefehlt: »Schimmi« mit seinem korrekten Kollegen Thanner (Eberhard Feik)

Ohne ihn hätte etwas gefehlt: »Schimmi« mit seinem korrekten Kollegen Thanner (Eberhard Feik)

Foto: Horst Ossinger / picture alliance / dpa

Meine Gefühlslage war also durchaus kompliziert, als George da stand mit seinem nackten Oberkörper vor dem Pfarramt von Kloster Kamp, wo ich einige Jahre zuvor zur Kommunion gegangen war und bis vor Kurzem noch sonntags zum Gottesdienst.

Peinlich, dem Idol so nahe zu sein

Irgendwie cool, dem Idol meiner Kindheit plötzlich so nahe zu sein. Und auch peinlich, zumal George eine goldumrandete Brille trug, die so gar nicht zum Schimanski-Image passen wollte. Und er sichtlich genervt war von der neugierig glotzenden Landbevölkerung. Also von mir.

»Bis zum Hals im Dreck« wurde im Juni 1991 ausgestrahlt, die Figur war da schon ziemlich ausgelaugt. Zwei Folgen später, im Dezember 1991, schied George aus dem »Tatort«-Dienst aus. Erst sechs Jahre später kehrte er als Schimanski für die gleichnamige Reihe auf den Bildschirm zurück.

Aber die Wucht, mit der er 1981 mit der Debüt-Folge »Duisburg Ruhrort« in das westdeutsche Fernsehprogramm knallte, mit der er seine kreuzbraven Ermittler-Kollegen an die Wand polterte und aus einem aus heutiger Sicht unendlich biederen TV-Krimi-Format einen Action-Thriller mit gesellschaftlicher Brisanz machte, die stellte sich nie wieder ein.

»Scheiße«, fluchte Schimanski gern und oft und war natürlich allein deshalb mein Held. Dann war da die Jacke, eine beige M-65-Feldjacke der US-Streitkräfte, wie ich per Internet-Recherche erfahre. Für uns hieß sie einfach »Schimanski-Jacke«, sogar mein Vater trug eine. Und natürlich der Wirbel und die Schlagzeilen, für die er regelmäßig sorgte. »Ruhrpott-Rambo« nannte die Boulevard-Presse ihn. Für die Region war das ein Kosename, kein Schimpfwort.

Endlich war mal was cool am Ruhrgebiet. Allein der Titel der ersten Folge: »Duisburg Ruhrort«. Welche Chuzpe, diesen Ort mit seiner Nennung quasi zu adeln, ihn weltläufig klingen zu lassen wie »Die Straßen von San Francisco«. »Duisbuach« gehörte nun wirklich nicht ins Fernsehen. Dort wurde malocht, dort war es hässlich, dort bliesen die Fabrikschlote graue Abgase in einen grauen Himmel.

Die Schornsteine des Krupp-Werks in Rheinhausen sieht man schon in der ersten Einstellung von »Duisburg Ruhrort«. Dazu der Song »Leader of the Pack« von den Shangri-Las und die Eier, die Schimanski sich roh in den Hals gießt, damit er in seinem Saustall von Küche nicht erst eine Pfanne spülen muss – »Schimmis« Einführung ist ikonografisch so dicht wie ein Thriller von Sam Fuller, dessen in der dreckigen Realität gebadeten Filme unverkennbar Pate standen für diese Explosion (und der mit »Tote Taube in der Beethovenstraße« 1973 selbst einen »Tatort« gedreht hatte).

Einerseits, wie man heute sagen würde: authentisch. Andererseits das genaue Gegenteil davon, nämlich künstlerisch überhöht. Ganz offensichtlich hatte das Wirkung, denn Schimanski wurde ja nicht nur in Duisburg geschaut, sondern auch in Berlin und München. Genau für dieses Gesehen-Werden liebte man Schimanski im Ruhrgebiet. Wohlgemerkt: Schimanski. Nicht Götz George.

Götz George soll Duisburg nicht geliebt haben

Der Schauspieler trat in der regionalen Wahrnehmung völlig hinter der Rolle zurück, und das kann George nicht gefallen haben, diesem Schauspiel-Berserker, der selbst sichtbar sein wollte in seinem Kampf mit seinen Rollen und sich selbst.

Er soll Duisburg nicht gerade geliebt haben, kein Wunder bei der tödlichen Umarmung. Es gibt in der Stadt auch keine Götz-George-Straße, wohl aber eine Horst-Schimanski-Gasse. Und die Stadt Duisburg, so teilt sie am Montag in einer Pressemitteilung mit, bietet Interessierten Merchandise-Artikel wie »T-Shirts, Hoodies, Tassen, Aufnäher und Aufkleber«. Den Film-Dienstwagen des TV-Kommissars setzt sie auch zu Werbezwecken ein.

Was aber bleibt von Schimanski jenseits alberner Marketing-Gags? Natürlich der Mut, gegen die Konvention im deutschen Fernsehen anzustinken. Denn Konventionen regieren nach wie vor im deutschen Fernsehen, allen angeblichen kreativen Freiheiten zum Trotz.

Und für mich ein halb nackter Mann mit Goldrand-Brille und genervtem Blick, teils Schimanski, teils Götz George, der mir zeigt, wie schön es ist, Idole zu haben. Und wie wichtig, sich von ihnen zu lösen.

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