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27. Juni 2016, 18:00 Uhr

Götz George als Schimanski

Komma her, Mensch!

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Mit Götz Georges Kommissar Schimanski bekam der deutsche Fernsehkrimi einen Ermittler, der nicht nur schamlos seine Körperlichkeit zur Schau stellte, sondern auch Schwächen zeigte. Eine TV-Revolution.

Schnauzer braun, Jeans eng, Jacke tailliert, Pulli in Augenfarbe: Schimmis Outfit ist bereits ein Alleinstellungsmerkmal. Dazu die Sprache, Satzanfänge wie "Hömma" oder "Sachma" oder "Komma her". Komma her, Mensch!

Schimanski: Als Figur das, was notwendigerweise folgt, wenn auch deutsche Autoren und Regisseure nach fast 30 Jahren Polizeifilmgeschichte verstehen, dass der ermittelnde Inspektor ein charakterliches Profil, Ecken, Kanten und Schwächen braucht, damit man sich ihm nähern, mit ihm mitfühlen kann. Dass er nicht nur einen Beruf, sondern auch eine Persönlichkeit haben muss.

In den Jahrzehnten davor standen Siegfried Lowitz und Horst Tappert, Klaus Höhne und Fritz Eckhardt mehr oder weniger herum. Lösten Fälle mit Köpfchen, mit "Wo waren Sie am Samstag zwischen 20 und 21 Uhr?", mit Kombinationsgabe. Ihre Leibesfülle blieb verborgen unter mehreren Schichten beige-braun-grauer Sechzigerjahrekleidung, die sie bis in die Siebziger und Achtziger hinein trugen.

Undenkbar, dass Tappert als Derrick Haut gezeigt hätte (allein die Stirn wurde höher und höher). Götz George alias Schimanski dagegen liegt in "Zweierlei Blut" von 1984 plötzlich splitterfasernackt mitten auf dem Rasen des Fußballstadions. Auf dem Bauch immerhin, im Mittelfeld. Er kommt zu sich, fasst sich an den blutigen Kopf, dann fährt die Kamera züchtig zurück, Schimanski steht langsam auf, hält die Hand schützend vor die Juwelen - und taumelt vom Spielfeld.

Seinen Körper zu zeigen bedeutet, verwundbar zu sein. Und so stellte sich bei Schimanski, dem bollerigen, saufenden, raufenden Frauennichtversteher der seltene Zustand ein, dass man ihm trotz aller Schlägerlaune keinesfalls die Sensibilität absprechen wollte. Die war immer da, schwang immer mit. Nicht erst, wenn er 1991 in der ersten Folge der "Schimanski"-Reihe (nachdem George ein paar Jahren Schimmi-Abstinenz betrieben hatte) am Grab von Kollege Thanner mit den Tränen ringt, den kleinen phallusförmigen (!) Kaktus, den er in den Pranken hält, nicht mal von der Verpackung befreit, bevor er ihn neben die Kondolenzkränze stellt: Es ist nur ein Kaktus, aber Schimmi lässt Blumen sprechen. Auch wenn sie wahrscheinlich "Komma, hömma, sachma" raunzen, weil sie stachelig sind wie ihr Verschenker.

Und überhaupt, dieses Prügeln immerzu - jetzt wissen wir längst, dass Schlägereien das "Sich Anfassen" des Klischeemannes sind, für den Gefühle zeigen immer gleich Schwäche zeigen bedeutet. So wie ADHS-Menschen sich gern anschreien lassen, denn auch Schimpfen ist eine Art Aufmerksamkeit, fallen Männer in den frühen Achtzigern höchstens beim Fußball übereinander her, ansonsten hauen sie sich für den körperlichen Kontakt ein paar Backpfeifen oder klopfen sich auf die Schulter.

In den TV-Produktionen der USA gab es den eigenwilligen Charakter-Ermittler schon länger: Rockford mit seinen unkonventionellen Methoden, seinen kleinen Notlügen, gefälschten Visitenkarten, dem unkonventionellen Vater, den er durchzieht. Auch die ebenfalls vom Rockford-Erfinder Roy Huggins konzipierte Detektiv-Serie "77 Sunset Strip" lebte bereits in den Sechzigern von der Spannung zwischen dem trotteligen, aber glänzend aussehenden Playboy Kookie und den echten, erfahrenen Kollegen.

Deutschland brauchte bis 1981, bis nach "New Hollywood" (mit Arthur Penn, Robert Altman, Coppola), um einen ambivalenten Charakter wie Schimanski im Fernsehen Fälle lösen zu lassen, einen mit Schwächen und Zweifeln. Einen, dessen Sprache und Spiel - trotz Georges legendärem Familienhintergrund - nichts mehr mit Bühne oder Schauspielschule zu tun hatte. Sondern durch Authentizität glänzte - vermeintliche, denn wie echte Ermittler und Ermittlerinnen aussehen, sprechen und sich verhalten, das ist noch einmal eine ganz andere Sache.

Im Fernsehen aber war die Figur Schimanski eine Klasse für sich. Im Schimmi-Kinofilm "Zahn um Zahn" von 1985 muss er kurz mal - kleiner Unterschied zwischen den Produktionsbudgets von Fernsehen und Leinwand - in Marseille ermitteln - und trägt dabei zuerst Sonny-Crockett-Beige und -Lachs, später das Hemd unter den Hosenträgern weit offen.

Er lädt uns damit ein, ihn anzuschauen, voll auf die breite Brust - denn eitel ist er natürlich auch irgendwie. Und wir, ob Mann, ob Frau, ob dazwischen, haben ihn wahnsinnig gern angeschaut.

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