Serien-Meisterwerk "Gomorrha" Da hilft kein Beten und kein Ballern

Die alten Paten verheizen sich in Machtspielen, die Frauen übernehmen. Die zweite "Gomorrha"-Staffel ist ein furioses Krimi-Panorama über die Umbrüche der Macho-Mafia-Welt.

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Selbst der Titel "Pate" ist nichts mehr wert. Irgendwann in der zweiten Staffel von "Gomorrha" hockt Pietro Savastano (Fortunato Gerlino) auf ein paar Quadratmetern in der heruntergekommenen Sozialbausiedlung "Vele di Scampia", dort also, wo früher jeder des Mafiosos Hand geküsst hat, bevor sich seine einstigen Alliierten gegen ihn verbündeten.

Die Segel von Scampia, was für ein Euphemismus: In den Sechzigerjahren wurde den markant gestapelten, weiß gestrichenen Sozialbauwohnungen am nördlichen Rand von Neapel dieser Namen gegeben; damals glaubte man noch, man könne die Armen der "Vele di Scampia" in eine bessere Zukunft navigieren. Inzwischen sieht der verwitterte Gebäudekomplex in Segelform allerdings eher aus wie ein auf Grund gelaufenes Kreuzfahrtschiff.

Und nun ist eben auch der einst so mächtige Don Pietro hier gestrandet, in einem Loch im zehnten Stock. Nach der Flucht aus dem Knast haben ihn seine letzten treuen Gefolgsleute darin versteckt, er kriegt aufgewärmte Pasta serviert und muss zuschauen, wie seinem Clan die Drogengeschäfte unten auf der Piazza aus den Händen gleiten. Kurz, es herrscht Don-Dämmerung in der zweiten Staffel von "Gomorrha".

Kleiner Mafia-Exkurs nach Deutschland

2006 hatte der Italiener Roberto Saviano unter diesem Titel seine aufsehenerregende, dokumentarische Studie über die Umtriebe der neapolitanischen Mafia veröffentlicht, kurz danach wurde er wegen Drohungen der Camorra unter Polizeischutz gestellt. 2008 kam der Film zum Buch ins Kino, in dem der Stoff als Gangsterdrama aus den eher prekären Regionen des organisierten Verbrechens umgesetzt wurde. In der 2014 entstandenen ersten Staffel der Serie wurden dann die Geld- und Kraftströme aus dem lokalen Getto in die nationale Immobilienbranche und internationale Hochfinanz verhandelt.

Am Montagabend feierte im Teatro dell'Opera di Roma in Anwesenheit des immer noch unter Polizeischutz stehenden Saviano die zweite "Gomorrha"-Staffel ihre Uraufführung; ab Dienstag läuft sie bei Sky Atlantic. Don Pietro kehrt im Laufe der zwölf Folgen - eine von ihnen spielt übrigens komplett in Köln - zurück in den kriminellen Urschlamm von Scampia und versucht, die auseinanderbrechenden Familien der Comorra wieder unter seine Führung zu bringen. Schwierig, denn die junge Konkurrenz agiert zum Teil wie im Wahn, das macht sie unberechenbar.

Da ist Ciro (Marco D'Amore), der seinen Weg nach oben mit Leichen gepflastert hat und der nun in einem Anflug von Paranoia die eigene, geliebte Frau erwürgt. Da ist der streng gläubige Salvatore Conte (Marco Palvetti), der das Hemd bis zum Bauchnabel geöffnet trägt, sein wahres Ich aber versteckt. Seine Macht zeigt sich auch daran, dass er dem Pater des Viertels diktieren kann, wie das Gesicht der Heiligen Jungfrau bei einer Prozession auszusehen hat: Die Figur soll das Konterfei von Contes geheimer Liebe tragen, einer transsexuellen Sängerin.

"Mean Streets" in der 3.0-Version

Und da ist schließlich Don Pietros abtrünniger Sohn Genny (Salvatore Esposito), der dem Getto in Neapels Norden längst den Rücken gekehrt hat, um mit den Gewinnen aus Drogendeals in Rom unternehmerisches Neuland zu betreten. Gennys Schwiegervater mischt in der Baubranche mit; der junge Mafioso lernt schnell, dass Einkaufszentren und Luxushotels eine sicherere Währung sind als Koks und Heroin.

"Marseille" mit Gérard Depardieu

Wie in der gerade gestarteten Netflix-Produktion "Marseille" wird in der zweiten Staffel von "Gomorrha" mustergültig gezeigt, wie sich im Serienformat mit Panoramablick die wirtschaftlichen Dynamiken im Krieg um eine Stadt nachzeichnen und sich dabei gleichzeitig ein üppiges, vielschichtiges Figurenensemble entwickeln lässt.

Bemerkenswert zum Beispiel, mit welcher Genauigkeit und Grausamkeit die Showrunner (Stefano Sollima, Francesca Comencini, Claudio Cupellini und Claudio Giovannesi) davon erzählen, wie der streng gläubige Drogenboss Conte zwischen Kirche, Männerbund und queerer Liebe aufgerieben wird. So könnte "Mean Streets", Martin Scorses Coming-of-Age-Gangsterdrama über das Zusammenspiel von Katholizismus, Machismo und Gewalt, in der 3.0-Version aussehen.

Die Männer habe da längst nicht mehr das absolute Sagen. Schon in der ersten "Gomorrha"-Staffel hatte die Patin Immacolata Savastano einen zentralen Part und dafür gesorgt, dass man die Einnahmen aus der Koks-Schattenwirtschaft in seriöse Branchen pumpt. Am Ende wurde sie erschossen, wohl auch, weil die alten Männer mit ihren dreckigen Drogengeldbündeln ihr Felle davon schwimmen sahen. In der zweiten Staffel rücken nun weitere kluge weibliche Charaktere nach.

Eine der interessantesten ist eine Patin (Cristina Donadio), die "Scianel" genannt wird, angelehnt an die Duftmarke Chanel. Als ihr ein Kleingangster mit vorgehaltener Maschinenpistole ein Haufen Scheine abnimmt, den sie gerade beim Pokern gewonnen hat, sagt Scianel: "Weißt du, weshalb ich meinen Namen trage? Ich kann jedes Parfüm erkennen. Und du riechst nach Tod." Ein anderes Mal erhält die Mafia-Blondine von einer Boutiquenverkäuferin ein Kompliment, das sie in Rage bringt - sie sähe in ihrem neuen schwarzen Kleid wie ein Panther aus. Scianels schneidende Anwort: "Panther? Ich bin ein Hyäne! Unter Hyäenen regieren die Frauen."

Die Männer in "Gomorrha" können beten und ballern soviel sie wollen, ihr Machismo hat sich erledigt. Ihre Körper zucken noch, aber die Hyänen sind schon da, um sie zu verspeisen.


"Gomorrha", zweite Staffel ab Dienstag, 21.05 Uhr bei Sky Atlantic

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Saima Altunkaya
Christian Buß ist Kulturredakteur bei SPIEGEL ONLINE mit dem Schwerpunkt Medien und Gesellschaft.

E-Mail: Christian_Buss@spiegel.de

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insgesamt 26 Beiträge
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Seite 1
nolabel 10.05.2016
1. Interessant,
aber nicht genug, um in der Sky-Apotheke einzukaufen. Dagegen ist Netflix ja Discount.
AliceAyres 10.05.2016
2.
Ich freu mich drauf. Die erste Staffel hat meine Erwartungen schon weit übertroffen und gezeigt, wie eine zeitgenössische Mafia-Serie aussehen kann, die nicht alle bekannten Klischees wiederholt. Schön, dass Genny überlebt hat, obwohl dessen Wandlung von Weichei zum Psychopathen in der ersten Staffel vielleicht etwas zu rasant verlief.
kamaone1 10.05.2016
3. Eine der besten
Serien in den letzten Jahren. Grandios. Hoffentlich nimmt sich ARTE auch der zweiten Staffel an.
erlenstein 10.05.2016
4. noch kaum bekannt
Diese noch kaum bekannte grandiose Serie sollte man nicht verpassen, sie stellt viele andere in den Schatten.
chuckal 10.05.2016
5. Spoiler
Geht nicht ohne, oder? Warum muss der Autor sein Herrschaftswissen, wie eine Monstranz vor sich hertragen und uns TV Fussvolk verraten, dass Ciro seine Frau erwürgt? Ich verstehe das nicht. Man kann doch eine Kritik schreiben, ohne so ein Handlungsdetail zu verraten.
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