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TV und Internet Willkommen im Web, Herr Gottschalk!

Siehe da: Gottschalks Sofa-Talk hätte funktionieren können, wie er am Donnerstagabend bei SPIEGEL ONLINE bewies. Dass es anders kam, ist ein Zeichen dafür, wie sich die Medienwelt verändert. Vielleicht ist nicht Gottschalk das Auslaufmodell, sondern das Konzept des TV-Programms.

Man kann wohl Entwarnung geben: Thomas Gottschalk wird das Fernsehen nicht hinter sich lassen, um künftig online zu strahlen. Sein Medium bleibt die Mattscheibe, auf der sein Name weiter Programm sein wird. Vielleicht wird er ein Gastspiel wie das, welches er am Donnerstagabend bei SPIEGEL ONLINE gab, noch einmal wiederholen. Aber es werden Gastspiele bleiben, weil er genau weiß, dass Internet eben nicht einfach Fernsehen mit anderen Mitteln ist. Wenn man so will, werden die Dinge also so bleiben, wie sie sind.

Gute zwei Stunden setzte sich der nach eigener Aussage gerade "im Vorabend verglühte" Moderator zu SPIEGEL ONLINE auf die Couch und talkte ein letztes Mal. Anfänglich merkte man ihm sein Fremdeln an: "Das Schlimmste, was passieren konnte, war, dass ich letzte Woche noch im richtigen Fernsehen saß und heute schon bei Euch." Natürlich war das ironisch gemeint, aber es war auch richtig: Bis zum Mittwoch war Gottschalk ein - wenn auch zuletzt sinkender - Star des richtigen Fernsehens. Donnerstag dann gab er sein Debüt im Falschen.

Von der Erfahrung konnten beide Seiten lernen. Zum Beispiel, was die Medien unterscheidet.

Online: Events ziehen, Programm nicht

Fernsehen ist da, wo einer wie Gottschalk sitzt. Nehmen Sie das ruhig wörtlich: Es geht hier um Typen. Es geht darum, wie und wofür ein Medium gemacht ist, wie wir Konsumenten das Medium nutzen und wozu. Für zwei Stunden verwandelte Gottschalk am Donnerstagabend einen Livestream in echtes Fernsehen - der Moderator ist da offenbar das Medium.

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Thomas Gottschalk: Im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE

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Doch wer am Donnerstagabend Gottschalk bei SPIEGEL ONLINE "einschaltete", tat dies nicht, um fernzusehen, sondern weil es Online-Event-Charakter hatte. Das funktionierte sehr gut, aber würde es auch funktionieren, wenn es täglich um 19 Uhr stattfände? Wenn nicht Gottschalk, sondern Florian Silbereisen auf der Couch säße? Wenn es irgendwann nicht mehr chaotisch und handgestrickt, sondern routiniert und "formatiert" wirkte?

Gottschalk ist ein Mann des Massenpublikums. Seine Fähigkeit, die ihn erfolgreich machte, umschrieb er mehrfach damit, dass er es schaffe, Nähe herzustellen, Distanz zu überbrücken, mit Duzen und Anfassen und jovialem Geplauder. Das sind die Fähigkeiten einer "Rampensau", und sie sind da absolut nötig und entscheidend, wo die Distanz groß ist: Sie schaffen einen gefühlten Dialog, wo nur einer redet. Das Fernsehen schafft auf diese Weise Stars, zu denen Zuschauer aufblicken. Online ist das anders.

Was ihm da in den letzten Monaten nicht nur von Journalisten, sondern auch von Nutzern an Meinungen und negativen Äußerungen um die Ohren gehauen wurde, hat Gottschalk irritiert und wohl auch verärgert. So ist das in einem Zwei-Wege-Medium, wo jede Reaktion unmittelbar sichtbar ist - und negative Reaktionen tatsächlich weit normaler sind als positive.

Auch im Forum von SPIEGEL ONLINE hatte es im Vorfeld der Sendung Hasstiraden gehagelt. Während der Sendung dann kippte diese Stimmung. Wer die begleitenden Tweets verfolgte, die Äußerungen im Forum, der fand da vor allem Beifall für "Tommy". Mehr als einmal wurde da geäußert, dass Gottschalks Vorabend-Talk ein Erfolg hätte werden können, wenn er so gewesen wäre wie der am Donnerstagabend.

Doch das ist ein Trugschluss. "Ich bin das Lagerfeuer", sagte Gottschalk einmal, und den Effekt konnte man an den Zuschauerreaktionen beobachten: Da setzt man sich hin, schaltet ab und lässt sich wärmen. Der Punkt ist nur, dass typische Web-Nutzer genau das normalerweise nicht mehr tun.

Die Medien unterscheiden sich nicht nur durch ihre Vertriebswege und technischen Möglichkeiten. Sie unterscheiden sich vor allem durch die Nutzungsintentionen des Publikums. Was sucht man im Fernsehen, was online? Gottschalk erscheint das Online-Medium kalt, sachlich, negativ gebürstet. Ein "SPIEGEL-ONLINE-Addict" sei er, "und jedesmal, wenn ich hineingucke, denke ich nachher, ach hättest Du es mal gelassen".

Die Kritik macht klar, wofür man das mediale Gegengewicht braucht. Online ist ein einsames Medium, was es emotional verursacht, muss man allein verarbeiten. Fernsehen ist gefühlte Gesellschaft. Wenn Online gut ist, regt es auf, aber auch zur Debatte an. Wenn Fernsehen gut ist, lässt es den Zuschauer innerlich abschalten.

Das eine regt an und auf, das andere ab

TV und Internet kommen deshalb nicht zusammen, auch wenn es manchmal so scheint. Auch der Plauderabend mit Gottschalk bei SPIEGEL ONLINE war Information: Er zeigte, dass er es eben doch noch draufhat. Quod erat demonstrandum - was zu beweisen war. Deshalb kamen die Zuschauer.

Er zeigte nicht, dass solche Formate generell auch Online ähnlich erfolgreich sein können wie im Fernsehen. Als Event geht vieles, aber Programm ist dem Internet wesensfremd. Dass Gottschalk am Vorabend verglühte, liegt auch daran, dass die Zeit ihrem Ende entgegengeht, in der man sich zu festgelegter Stunde vor das Herdfeuer locken ließ.

Das gilt sogar für Gottschalk selbst, der nach eigener Aussage sehr wenig fernsieht. "Game of Thrones" sehe er und andere ausgesuchte Sendungen, die er gut fände. Die, bekannte er, "laden mir meine Kinder herunter" - natürlich "legal, immer nur legal".

Damit hat sich der klassische TV-Macher als typischer Neu-Fernseher geoutet, losgelöst vom Programm, ganz gezielt qualitativ hochwertige Inhalte auswählend. Willkommen im Internet, Herr Gottschalk: Sie haben sich als Konsument damit vom Fernsehen verabschiedet. Es ist ein langsamer, aber fortschreitender Trend, dem immer mehr folgen.

Haben in diesem "falschen" Fernsehen, in dem sich der Zuschauer nicht nur vom Diktat der Programmplanung löst, sondern auch vom Modell des Senders, der spezifische Angebote macht, Gottschalks und ihre Programme noch ihren Platz? Natürlich nicht, sie gehören auch nicht dorthin: Ihr Ort ist und bleibt das "richtige" Fernsehen. Live-Shows wie "Wetten, dass...?" funktionieren nicht on Demand.

Markiert Gottschalks Scheitern am ARD-Vorabend also eine Zeitenwende? Nein, so wichtig war das nicht: "Es geht um nichts", sagte Gottschalk gestern richtig, "es ist nur Entertainment."

Es ist eine Interessenverlagerung

Unzweifelhaft ist aber auch, dass die Dinge im Fluss sind, dass sich gerade vieles verändert. "Game of Thrones" war im deutschen Fernsehen vor allem deshalb ein Erfolg, weil RTL2 die Serie an einem einzigen Wochenende hintereinander weg versendete: Man hatte befürchtet, dass sich Zuschauer auf so eine zusammenhängende Geschichte nicht mehr eingelassen hätten, wenn man sie in wöchentlichen Häppchen gesendet hätte. Es gibt Millionen Zuschauer, die die Serie schon vorher gesehen haben - im Web, illegal, aber on Demand.

Es zeigt, wie sich "richtiges" und "falsches" Fernsehen gegenseitig verändern. Events - "Wetten, dass...?" hier, Gottschalk bei SPIEGEL ONLINE da - funktionieren in beiden. Getaktetes, regelmäßiges Programm aber ist ein Auslaufmodell mit einem wachsenden Risiko des Scheiterns.

Und Inhalte? Serien, Shows, Realtity-TV? Die Entwicklung ist absehbar. Die Verlagerung weg vom Programm hin zu on Demand erhöht den Qualitätsdruck brutal. Serien wie "Game of Thrones", "Mad Men" oder "Die Borgias" sind kleine Kino-Produktionen. Sie haben in der On-Demand-Welt beste Chancen, aber auch nur die Besten bringen Konsumenten dazu, sich zum Download zu entscheiden. Sender im eigentlichen Sinne braucht man dafür nicht. Nur: Wer finanziert das dann?

Free-TV fällt demgegenüber qualitativ deutlich ab, man kann das auch im deutschen Fernsehen beobachten. Das öffentlich-rechtliche Pay-TV produziert Trash in Serie, und die Privaten "verschwendete Lebenszeit" (Gottschalk über "Alarm für Cobra 11"). Sogenannte Events ("DSDS" etc.) sind bald so inflationär, das sie sich selbst erledigen. Reality-TV ist on Demand wohl chancenlos. Das Problem wird mittelfristig das Programm sein, weil sich Zuschauer immer schwerer programmieren lassen - das begünstigt die Abwanderung zu Angeboten via Web.

Am Ende entscheiden sich Erfolg und inhaltliche Gestaltung von "richtigem" und "falschem" Fernsehen dann nur an zwei Fragen:

  • Will ich künftig jeden Tag um 19 Uhr vor dem Fernseher sitzen, um "mein Programm" zu sehen?
  • Und wenn ich das nicht will: Rufe ich mir dann zu einem selbst gewählten Zeitpunkt das Programm auf, dass ich sonst um 19 Uhr gesehen hätte, oder etwas anderes?

Ich weiß, wie ich diese Fragen für mich beantworten würde. Und Sie?

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