"Gottschalk liest?" Buchumsprechungen mit Kaffeesahne

Thomas Gottschalk spricht in "Gottschalk liest?" mit Autoren über neue Literatur. Für die scheint er sich allerdings nur mäßig zu interessieren.

BR

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Womöglich ist das Ganze nur ein Sketch.

Ein - zugegebenermaßen aufwändig produziertes - Kammerspielchen über einen im TV-Business beheimateten Schluderleser und eher mäßig leidenschaftlichen Lektüristen, dem man als Moderation-Altenteil ausgerechnet eine Literatursendung angedient hat. Und der nun mit leicht störrischer Resolutheit durch seine erste Sendung schippert, umringt von einheitlich schwarz gekleideten Autoren, die seine Havarie wie eine Schar interessierter, aber zu recht mitleidloser Rabenvögel beobachten.

Als Thomas Gottschalk zu Beginn der Sendung den Titel seiner neuen Sendung im Bayerischen Rundfunk mit einem in Kreide gemalten Fragezeichen zu "Gottschalk liest?" komplettiert, hält man das noch für Koketterie - und eine kleine Reminiszenz an seine andere, einst große und vergangene andere Show mit dem Fragezeichen im Namen.

Warum schließlich sollte er denn auch nicht lesen, es ist ja weder ein besonders schwieriger noch abwegiger Zeitvertreib, und schließlich hing in seiner Villa in Malibu ja auch dekohalber eine Handschrift des Rilke'schen Panther-Gedichts an der Wand, bevor sie im vergangenen Jahr bei den verheerenden Waldbränden verkohlte - der Moderator wirkt also erst mal durchaus glaubwürdig, wenn er erzählt, dass er sich nach der Lektüre eines Buches oft wünsche, er könnte nun seinen Autor oder seine Autorin kennenlernen und bei einer kleinen Plauderei näher zu möglicherweise versteckten Lesarten ihres Werks befragen.

Kuttner muss Gottschalk ständig korrigieren

Seine neue Büchersendung, deren Premiere in einem Augsburger Theater aufgezeichnet wurde, versuche nun also "die Aussöhnung von Literatur und Unterhaltung". Während man sich noch fragt, ob und bei welcher Gelegenheit sich die beiden denn überhaupt zerstritten haben, nimmt der Schluderleser-Sketch erstmals Fahrt auf: Gottschalk spricht mit Sarah Kuttner über ihr gerade erschienenes Buch "Kurt", und schon bei der Nacherzählung simpler Handlungsdetails ergibt plötzlich auch das Fragezeichen am Ende sehr viel Sinn.

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Ständig muss die Autorin den Moderator korrigieren, weil er sich falsch an den Plot erinnert, Figuren verwechselt und den Unterschied zwischen Erzählerin und handelnder Person nicht wirklich zu kennen scheint. Penetrant spricht er von "ihr", wenn er die Menschen im Buch meint: "Ihr geht zum Baumarkt und kauft sogar eine Hollywoodschaukel", staunt er schließlich, worauf Kuttner es ihm dann mit der Nachsicht eines geduldigen Labradors, dem schon seit Minuten ein täppisches Kleinkind ins Auge patscht, erklärt: "Wir nicht, aber die Protagonisten."

Die Aufgabe, die Zuschauer für ihr Buch zu interessieren, muss die Autorin allein wuppen, Kuttner reißt einige der Fragen an, um die ihr Buch kreist: In "Kurt" stirbt ein Kind, sie erzählt vom unsicheren Umgang mit der Trauer, dem bei solchen Lebensschlägen ja fast schon provozierend banalen Leben, das ja trotzdem weitergeht. Es ist interessant und könnte irgendwohin gehen, dann hakt Gottschalk fast schon loriothaft selbstparodistisch bei einem erzählten Detail ein und erklärt: "Ich bin ein großer Freund der Kaffeesahne."

Interessanter als die vorgestellten Bücher ist ab diesem Zeitpunkt dann eigentlich, wie die verschiedenen geladenen Autoren mit dieser Art der Buchumsprechung umgehen. Ferdinand von Schirach ("Kaffee und Zigaretten") lässt Gottschalk freundlichstmöglich mit herrlichen lapidaren Klötzchenantworten auflaufen und muss irgendwann ernsthaft erklären, dass Menschen ambivalente Wesen seien, die nicht nur wahlweise gut oder schlecht seien.

Die schönste Anekdote stammt dann nicht aus seinem Buch, sondern aus einem Hotelaufenthalt. Im Bayerischen Hof, erzählt von Schirach, habe man ihm einmal hofierungshalber die Thomas-Gottschalk-Suite angeboten. Die sehe aber genauso aus wie Gottschalk gerade angezogen sei (ein vage sakral wirkender Bordüren-Mantel mit weinroter Wohnzimmercouch-Lederhose), und er habe dann ersatzweise um eine kleine Kammer gebeten. Ja, das sei doch ein schöner Schlusspunkt für ihr Gespräch, findet Gottschalk.

Vea Kaiser ("Rückwärtswalzer") hält anschließend stoisch aus, wenn Gottschalk ein bisschen an ihrem Buch herummansplaint. Als er sich wundert, wie präzise sie über Geschehnisse aus der Vergangenheit schreibt - "Sarahs Buch ist dagegen ja sehr heutig, die geht in Supermärkte, in Baumärkte!" - erklärt sie ihm geduldig, dass heute tatsächlich immer noch Menschen an Vergiftungen durch Silage-Gärgase sterben; dann deklamiert Gottschalk mit der studierten Altphilologin Ovids "Metamorphosen" im lateinischen Original. Schließlich liebt er ja Literatur, man hatte es schon fast vergessen.

In rascher Taktung - nicht einmal 15 Minuten bleiben für jeden Gast - wird noch ein Bildband von Daniel Biskup über die deutschen "Wendejahre" abgearbeitet, dann sollen alle nach und nach auf dem Sofa verstauten Autoren noch ein wenig miteinander plaudern. Gibt es Quotendruck, schreibt man ein Buch möglichst marktgefällig, will Gottschalk wissen. Außerdem: "Wie lange schreibt man an so einem Buch?" Und sei nicht eigentlich über alles eh schon geschrieben worden?

Nach der abgegriffenen Klage, Kinder würden heute ja keine Bücher mehr lesen wollen, bleibt Gottschalk am Ende nur noch das schwerste Geschütz eines leidenschaftslos über Literatur Plappernden: Er imitiert Marcel Reich-Ranicki mit dem Satz "Ein Buch darf mich nicht langweilen". Gilt lustigerweise auch für Fernsehsendungen.

insgesamt 56 Beiträge
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Seite 1
fatherted98 20.03.2019
1. War klar....
....die Hoffnung frischen Wind ins Literaturprogramm zu wehen ist leider "verweht" worden. Gottschalk ist halt Gottschalk....und der hört sich selbst am liebsten reden...und er und seine Meinung sind ihm am wichtigsten....Chance vertan.
NoBrainNoPain 20.03.2019
2. Klingt so schlimm,
dass man es eigentlich gesehen haben müsste. ..
VadidWyle 20.03.2019
3. Furchtbar!
Ich habe dort reingeschaut und musste nach kurzer Zeit feststellen, dass es leider weniger um die literarischen Inhalte ging. Gottschalk folgte seinem ewigen Muster und betrieb eine simple Talkshow. Um die Bücher selbst ging es leider weniger... Bitte absetzen!
dasfred 20.03.2019
4. Was ist noch schlimmer als Trash TV?
Das scheint der Inhalt von Frau Rützels Rezension zu sein. Man liest hier die Anstrengungen heraus, die es gekostet hat, dem Gottschalk Format zu folgen und dazu noch Worte zu finden. Ich kann mir bei Gottschalks banalem Fragestil sehr gut vorstellen, wie diese Runde gelaufen ist. Da können eimem die anwesenden Schriftsteller, die lediglich ihre Lektüre promoten wollten schon sehr leid tun. Eine Literatursendung auf dem Niveau einer Gummibärchen Werbung ist das letzte, was das Fernsehen noch braucht.
siben 20.03.2019
5. Was ist nötig?
Zu wissen, was sein Platz ist und wann Schluß ist.
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