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"Wetten, dass..?": Gottschalks letzte Show

Foto: Joerg Koch Pool/ dpa

Gottschalks letztes "Wetten, dass..?" Tschüs, Onkel Deutschland!

Das war alles? Der Moderator von Deutschlands beliebtester TV-Show tritt nach mehr als 20 Jahren ab, und alle bleiben ziemlich cool: Die großen emotionalen Momente fehlten bei Thomas Gottschalks letztem "Wetten, dass..?"-Auftritt. Immerhin - der Mann hatte diesmal richtig Spaß bei der Arbeit.

Hamburg - Irgendwann war klar, dass nichts mehr kommen würde. Nachdem er bei gedimmtem Licht seinem Publikum für die schöne Zeit gedankt hatte, schritt Thomas Gottschalk die Showtreppe hinauf und entschwand in jenen Tunnel, aus dem er zu Beginn der Sendung immer herausgekommen war. Den umgekehrten Weg hatte man ihn nie gehen sehen. Es wirkte wie eine Reise durch den Geburtskanal zurück in den Mutterleib, nur dass es in dem Tunnel viel heller war.

Bis dahin, also bis ungefähr Viertel nach elf, hatte man gehofft, es würde noch etwas Großes passieren in den letzten Minuten von Gottschalks letzter Ausgabe von "Wetten, dass..?". Wäre ja denkbar gewesen, dass das gesamte Team auf die Bühne stürmt, vom Beleuchter bis zur Sekretärin, und dem Star ein Ständchen bringt. Wie seinerzeit beim ersten großen Stabwechsel, als die Mannschaft sang: "Alles hat ein Ende, nur Frank Elstner nicht!" Dazu Feuerwerk. Konfetti. Irgend so was. Oder dass zwei Mainzelmännchen eine rosa Riesentorte hereinschieben, aus der Hape Kerkeling springt und ruft: Ätsch, reingelegt, ich übernehme doch! Oder eben Jörg Pilawa. Oder Joko. Oder Klaas. Womöglich hätte man sich für einen Moment sogar über einen aus einer Torte hüpfenden Wolfgang Lippert gefreut, im Saal saß er ja.

Nichts davon. Ein Abschiedslied hatte es schon in der November-Show gegeben, vorgetragen von Udo Lindenberg und weiteren prominenten Gästen. Eine Torte hatte Gottschalk von seiner Assistentin Michelle Hunziker bereits zur Begrüßung überreicht bekommen, obendrauf sie beide aus Marzipan, was eher an zwei mit Spaghetti bedeckte Penisse erinnerte, aber sicherlich genau so von Herzen kam wie das von Hunziker holprig aufgesagte, streckenweise reimfreie Gottschalk-Gedicht. Und einen Nachfolger? Gibt es schlicht noch nicht.

Zumindest Günther Jauch bewies in den letzten Minuten der Sendung so viel Gespür für Dramaturgie, dass er nach Gottschalks finalen Worten von seinem Platz auf der Gästecouch im Dunkeln nach vorn preschte und den alten Freund lieb umarmte, bevor dieser im Muttermund der Kulissen verschwand. Aber vielleicht muss man schon froh sein, dass der ZDF-Intendant nicht auf die Idee kam, einen Nekrolog auf seinen Duz-Freund Thomas zu halten, sondern still in der ersten Reihe der Friedrichshafener Messehalle sitzen blieb.

Aufgekratzt wie selten - Warum hat Gottschalk es nicht immer so gehalten?

Die Einsamkeit des Showmasters am Ende der Sendung befremdete deshalb so sehr, weil sie gar nicht zu diesem Abend passte, an dem Thomas Gottschalk aufgekratzt und gesellig war wie selten in den vergangenen Jahren. Und sichtlich Freude hatte an seinem Job. Was einen umso mehr überraschte, als man an diesem Adventssamstag nur aus Anstand und Staatsbürgerpflicht noch mal eingeschaltet hatte. Und um einem Menschen tschüs zu sagen, der einen einst begeistert hatte - bis man sich irgendwann auseinanderzuleben begann. Wer rechnete schon damit, dass Gottschalk sich mit 61 für seinen Abschied die Frechheit und Unbeschwertheit zurückerobert hatte, die ihn in seinen jungen Jahren auszeichnete?

Er äffte den Stakkato-Lispel-Duktus des neben ihm sitzenden Karl Lagerfeld nach, empfahl Michelle Hunziker einen Deutschkurs, fragte Dirk Nowitzki, ob er im Stehen pinkle, küsste eine Kandidatin auf den Mund und talkte herzlich mit einem blinden, erfrischend schlagfertigen Teenager, der als Siebenjähriger bei "Wetten, dass..? Telefonnummern am Tastenton erraten hatte.

Stolz wies Gottschalk darauf hin, dass er diesmal ohne die Stichwort-Kärtchen aus seiner Redaktion moderiere, an die er sich mangels eigener Fragen immer gekrallt hatte. Es war, als könnte ein Rollstuhlfahrer mit einem Mal wieder gehen. Man fragte sich, warum Gottschalk es in den vergangenen zwei Jahrzehnten nicht immer so gehalten hatte. Das mit den Kärtchen. Und das mit der Freude am Job.

Bei seinem Finale musste Gottschalk nicht mehr so tun, als stünden für ihn die Wetten im Mittelpunkt (Klospülung am Rauschen erkennen, Bälle einlochen). Oder die Prominenten, die diesmal alle alte Bekannte waren: Iris Berben mit gefühlt 50, gezählt aber doch nur zehn Besuchen in der Show; und zum neunten Mal Til Schweiger.

Maoistische Ausmaße des Personenkults

Nein, diesmal ging es nur um Gottschalk. Das war zwar irgendwie immer so gewesen in den 23 Jahren seiner Gastgeberschaft. Diesmal aber war es auch offiziell, und an einem TV-historisch bedeutsamen Abend wie diesem darf der Personenkult durchaus maoistisches Ausmaß annehmen.

In Ischgl, Tirol, dem Ort der Außenwette, hatten sie einen riesigen Gottschalk-Kopf aus Schnee gebaut. Zuschauer im Saal hatten sich Gottschalk-Perücken aufgesetzt. Eine Kandidatin konnte anhand von Gottschalk-Kostümen aus der gesamten Zeit seines Schaffens Datum und Austragungsort der Sendung zuordnen. Wer oder was dieser Thomas Gottschalk eigentlich alles ist, dazu gab es an diesem Abend viele Deutungsversuche. "Eine Legende" (Ansage zu Beginn der Show). "Mein Lieblings-Showmaster" (Dirk Nowitzki). "König von Deutschland" (Til Schweiger). "Der letzte Clown, der unterwegs ist" (Gottschalk selbst).

Die beiden treffendsten Definitionen lieferte jedoch Michelle Hunziker: "Er ist der Onkel Deutschlands, alle lieben ihn." Und: "Er ist ja für alles dabei."

Noch einmal brachte Gottschalk vor einem Millionenpublikum seine Fähigkeit zur Meisterschaft, bei Gesprächen mit Gästen grundsätzlich mehr über sich zu erzählen als über sie. Um zu verdeutlichen, wie sehr Günther Jauch inzwischen mit dem RTL-Quiz "Wer wird Millionär" verwachsen sei, bemühte Gottschalk als Analogie sich selbst: "'Wetten, dass..?' - das bin ich." Genau darin liegt auch das Problem bei der Suche nach einem Nachfolger. Jauchs in der Sendung abgegebenes Versprechen, bis Sonntagabend über die Moderation von "Wetten, das..?" nachzudenken, war da nicht mehr als ein Werbeblock für seinen heutigen Jahresrückblick bei RTL.

Thomas Gottschalk muss das alles nicht mehr kümmern. Ab Montag arbeitet er mit seiner neuen Redaktion in Berlin an der Vorabendsendung, die im Januar im Ersten startet.

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