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Grimme-Preisträgerin Müller: "Anarchie walten lassen"

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Grimme-Star Ina Müller "Ich bin die Chefin. Arrogant, ne?"

Sie ist die lauteste Geheimwaffe der ARD: Für ihre Late Night Show "Inas Nacht" bekommt Ina Müller den Grimme-Preis. Im SPIEGEL-ONLINE-Interview erklärt die Moderatorin und Sängerin, warum Gäste in ihrer Sendung rauchen dürfen, was die Arschlochliste ist - und warum sie die Primetime fürchtet.

SPIEGEL ONLINE: Frau Müller, Gratulation zum Grimme-Preis für Ihre Late Night Show "Inas Nacht". Wurde ja auch Zeit, oder?

Ina Müller: Finde ich auch. Vor zwei Jahren war "Bauer sucht Frau" nominiert, wir aber nicht. Da war ich schon ein bisschen enttäuscht. Da dachte ich: Jetzt geht es mit dem Grimme-Preis bergab. Wir haben bei der Konzeption von "Inas Nacht" immer schon im Hinterkopf gehabt, dass wir die Sendung für den Grimme-Preis entwickeln - aus Spaß und Ansporn.

SPIEGEL ONLINE: Muss es nicht nach hinten losgehen, wenn man eine Sendung auf einen Preis hin konzipiert?

Müller: Sie sehen ja, bei uns nicht. Den Grimme-Preis im Hinterkopf zu haben, hieß für uns auch, nur zwölf Sendungen im Jahr zu machen und Leute einzuladen, die noch nicht überall zu sehen waren.

SPIEGEL ONLINE: Besonders fällt das bei der Auswahl der Musiker auf, die bei Ihnen auftreten - kluge deutschsprachige Songwriter von Niels Frevert bis Jochen Distelmeyer. Leute also, von denen der NDR-Unterhaltungschef möglicherweise noch nie etwas gehört hat

Müller: Da unterschätzen Sie mal nicht Thomas Schreiber und den NDR! Es gibt sicherlich viele Dinge, für die man den Sender kritisieren kann, aber uns hat er freie Hand gelassen. Schreiber hat uns geradezu angespornt, in der Sendung Anarchie walten zu lassen. Zum Beispiel das Rauchen vor laufender Kamera: Eine Redakteurin bat, ob wir das nicht lieber sein lassen könnten, weil sie kein Personal hätten, die Beschwerdebriefe zu bearbeiten. Aber Schreiber hat uns machen lassen: "Raucht ruhig, sauft ruhig." Der wedelte am nächsten Tag auch nicht mit den Quoten.

SPIEGEL ONLINE: Was doch aber auch daran lag, dass man bei einem Sendetermin nach null Uhr sowieso unterm Radar fliegt - weil da Quoten kaum noch messbar sind.

Müller: Ja, die späte Sendezeit ist sicherlich hilfreich gewesen. Ein Idiot, wer da die Quoten ernst nimmt. Deshalb fühle ich mich in dieser Nische ja auch so sicher. Wobei die ARD schon wirklich sehr nachlässig mit uns umgegangen ist. Wir fahren einen Preis nach dem anderen für die ein, und die versenden uns irgendwann nach Mitternacht - und das dann auch noch an verschiedenen Tagen. Das war schon sehr bitter. Umso glücklicher bin ich jetzt, dass wir für die nächste Staffel von September bis Dezember immer den Platz am Donnerstag nach Harald Schmidt haben werden.

SPIEGEL ONLINE: Schon mal daran gedacht, noch weiter nach vorne zu rücken, in die Primetime gar?

Müller: Da bin ich zugegebenermaßen ein bisschen feige. Es gibt immer wieder Anfragen und Überlegungen, etwas für 20.15 Uhr zu machen. Aber ich merke dann, dass das immer mit unheimlich vielen Verpflichtungen und Vorgaben verknüpft ist.

SPIEGEL ONLINE: Einen Versuch mit einer großen Primetime-Show haben Sie schon gewagt: die Gala zum 100. Geburtstag von Heinz Erhardt. Zur einen Hälfte war das entfesselte Ina-Müller-Unterhaltung, aber zur anderen öffentlich-rechtliches Bestattungsfernsehen…

Müller: Immer nur feige geht nicht. Man muss auch mal etwas wagen, und deshalb habe ich das moderiert. Da gab es am Anfang viel zu diskutieren. Zum Beispiel sollten wir auf der Couch mit dem Rücken zum Publikum platziert werden, um uns dann gemeinsam die Heinz-Erhardt-Einspieler anzugucken. Ich mit dem Rücken zum Publikum? Das geht gar nicht. Womöglich hör ich dann von hinten den Anklatscher, der das Publikum animieren soll, da krieg ich Herpes! Aber ich weiß auch gar nicht, ob ich für 20.15 Uhr gemacht bin. Will man da wirklich so 'ne flapsige Person wie mich sitzen haben, die den anderen ins Wort fällt und alle Lieder mitsingen will?

SPIEGEL ONLINE: Unbedingt! Es war doch schon erschreckend, dass im letzten Jahr auf einmal eine Moderatorenkrise herrschte, nur weil Jörg Pilawa von der ARD zum ZDF wechselt. Gibt es wirklich keinen Nachwuchs?

Müller: Nehmen Sie Leute wie Hirschhausen, Schöneberger oder eben mich: Wir sind alle drei keine klassischen Moderatoren, uns fehlt das Seriöse, das Klassische. Wir sind bei allem immer viel zu persönlich involviert. Wer von uns könnte denn jahrelang dasselbe Quiz moderieren, ohne sich je zu versabbeln?

SPIEGEL ONLINE: Benötigt die ARD denn wirklich einen zweiten Pilawa?

Müller: Ein Sender braucht wohl immer ein Sendergesicht. Jemanden, den laut Umfragen alle mögen und der deshalb möglichst oft eingesetzt wird.

SPIEGEL ONLINE: Braucht Fernsehen - auch und im Besonderen das große Samstagsabendfernsehen - nicht eher mal jemanden, der einen unerwarteten Satz sagt, der sich in die Nesseln setzt?

Müller: Ja, aber dann bist du gleich die Sau, die durchs Dorf getrieben wird. Ein falscher Satz um 20.15 Uhr und du hast am nächsten Morgen gleich die großen Überschriften in den Boulevardzeitungen. Da sitz ich doch lieber in meiner kleinen Fernsehkneipe und sabbel drauf los.

SPIEGEL ONLINE: Sie vermitteln stets den Eindruck, als ob die Präsenz einer Kamera das Natürlichste auf der Welt wäre. Wie lebt es sich mit der Kamera im Rücken?

Müller: Prima! Aber das hat vor allem damit zu tun, dass ich bei allen eigenen Sendungen mit denselben Leuten arbeite. Ich sage durchaus Sendungen ab, wenn ich mit Regisseuren zusammenarbeiten muss, die ich nicht kenne. Mich stört die Kamera aber sowieso nicht, ich mag die irgendwie.

SPIEGEL ONLINE: Glauben Sie, das hat auch damit zu tun, dass Sie schon vor dem Fernsehen ein Leben hatten?

Müller: Klar, wenn ich mit 18 zum Fernsehen gekommen wäre, hätte ich alles euphorisch mitgemacht. (Macht eine Piepsstimme und große Augen:) Fernseeeehhhhn, tolllll! Ich wäre jetzt wahrscheinlich eine Verkäuferin in einem Shopping-Kanal, die begeistert teuren Nippes in die Kamera hält. Mir war immer klar: Gerne Fernsehen, aber nicht um jeden Preis.

"Wir haben eine Arschloch-Liste und eine Doppel-Arschloch-Liste"

SPIEGEL ONLINE: Bis Ende 20 waren Sie Apothekerin mit Reihenhaus. Eine gute Vorbereitung für die Unterhaltungskarriere?

Müller: Für mich war das genau richtig. Ich war ja eh eine Spätzünderin. Es war nützlich, als Apothekerin den Umgang mit Menschen zu lernen. Ich habe diesen Beruf geliebt. Es war auch nützlich, eine gewisse Disziplin zu entwickeln. Merkt man vielleicht nicht immer bei der leicht anarchisch wirkenden Sendung "Inas Nacht", aber die ist auf ihre Art ja sehr durchdacht.

SPIEGEL ONLINE: Wie wichtig ist das Prinzip Kollision? Der Restauranttester Rach und der Pop-Dichter Distelmeyer in einer Sendung ist eine gewagte Kombination.

Müller: Kollision ist vielleicht ein zu starkes Wort. Aber mir ist schon wichtig, dass da unterschiedliche Charaktere aufeinandertreffen. Einer muss es schon krachen lassen können.

SPIEGEL ONLINE: Wer darf auf keinen Fall in Ihre Sendung kommen?

Müller: Sag' ich nicht. Nur so viel: Wir haben eine Arschloch-Liste und eine Doppel-Arschloch-Liste. Von der Doppel-Arschlochliste darf natürlich keiner kommen, von der anderen Liste schon. Man braucht ab und zu ein paar Arschlöcher in der Sendung - auch um dann festzustellen: Sind gar nicht so schlimm. Nur einmal wurde es brenzlig. Da merkte ich schon nachmittags bei der Probe, dass ich mit der Person abends bei der Aufzeichnung ein echtes Problem haben würde. Haben wir dann durchgezogen, haute auch hin. Allerdings hörte mich diese Person dann auch nicht sagen, wie toll ich sie doch fände.

SPIEGEL ONLINE: Der große Hugo Egon Balder, den Sie mal vor laufender Kamera wegen seiner Schwerhörigkeit fröhlich niedermachten, war das aber hoffentlich nicht?

Müller: Nein, um Gottes Willen! Der läuft ja in der Kategorie "obersympathisches Arschloch". Der kannte die Sendung gar nicht und hatte wohl gedacht, er käme in eine Art "Schaubude". Dann merkte er: Mensch, hier kann ich rauchen, hier ist echter Schnaps in den Gläsern. Der taute dann auf und riss wahnsinnig schlechte Witze. Herrlich!

SPIEGEL ONLINE: Ehrensache, dass bei Ihnen echter Alkohol ausgeschenkt wird?

Müller: Alkoholfreies Bier geht gar nicht. Aber sagen wir mal so: Ich finde es nicht so erstrebenswert, am Ende einer Sendung besoffen zu sein. War ich auch noch nie. Naja, einmal schon. Und das war, als Dagmar Koller merkte, dass ich Wasser in meinem Schnapsglas hatte und es mit ihrem vertauschte.

SPIEGEL ONLINE: Sind Ihnen eigentlich auch schon mal Zuschauerbeschwerden zu Ohren gekommen, dass Sie zu laut sind?

Müller: Bin ich laut?

SPIEGEL ONLINE: Gelegentlich.

Müller: Stimmt wohl. Deshalb bin ich bemüht, mich relativ rar zu machen. So eine wie ich geht den Leuten schnell auf die Nerven. Obwohl sich meines Wissens nach bislang noch keine Aktionsgruppe "Stoppt Ina Müller" gebildet hat. Übrigens glaube ich, dass vor allem Männer Probleme mit lauten Frauen haben. Nach dem Motto "Ist ja ganz lustig, aber bitte nicht als Freundin!". Ingrid von Bergen, die sehr laut ist und sehr viele Männer hatte, hat in meiner Sendung den vielleicht schönsten Satz überhaupt dazu gesagt: "Immer wenn ein Mann keine Angst vor mir hatte, habe ich ihn sofort geheiratet."

SPIEGEL ONLINE: Apropos laut: Hatten sie Angst vor der Sendung, bei der Sie die Freundin und Kollegin Barbara Schöneberger zu Gast hatten?

Müller: Klar, das war schon ein Experiment, wir sind uns ja in einigen Punkten sehr ähnlich. Obwohl sie eher eine singende Moderatorin ist und ich eine moderierende Sängerin. Es war eine tolle Sendung, aber es potenzierte sich nun mal unweigerlich auf Doppel-D - äh: Doppel-Laut.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben einmal gesagt, dass Sie es bereuten, niemals Punk gewesen zu sein. Holen Sie da gerade etwas nach?

Müller: Ich glaube, da darf man sich nichts vormachen: ARD und Punk, das wird nie zusammenpassen. Die totale Anarchie kann es in so einem Apparat nicht geben. Man kriegt da höchstens ein paar Prozentpunkte Punk rein. Übrigens muss man aufpassen, dass man nicht in die Rolle des lustigen Nebendarstellers reingedrückt wird, der dann die eher biederen Primetime-Sendungen aufmischt. Aber ich bin kein Sidekick, ich bin die Chefin. Arrogant, ne?

SPIEGEL ONLINE: Nein, eher realistisch. Aber müssen Sie nicht gerade deshalb mal eine große Samstagabendshow übernehmen?

Müller: Aber wie soll die denn aussehen? Mal ganz ehrlich, mit meinem Regisseur und meinem Produzenten treffe ich mich demnächst und fahre drei Tage für ein Brainstorming ins schöne Scharbeutz. Um einfach mal alles zwanglos durchzuspielen, das machen wir öfter. Bei solchen Gelegenheiten wischen wir erst einmal alle Zweifel und Abgeklärtheit weg, aber am Ende ist alles nur so halb gut. Klar, "Inas Nacht" ist bei so einem Treffen entstanden, aber alles andere wurde begraben. Das Fernsehen lässt sich nicht neu erfinden, und schon gar nicht der Samstagabend.

Das Interview führten Christian Buß und Hannah Pilarczyk.

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