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Kritik an "Wild Girls": Achtung, die Fernsehaffen kommen!

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Kritik an RTL-"Wild Girls" Übles Spiel mit Kolonial-Klischees

Alles prima in Namibia? Finden die Grünen gar nicht - und kritisieren RTL für die Doku-Soap "Wild Girls", in der deutsche TV-Blondinen bei dem Himba-Stamm einfallen. Der Sender versteht die Kritik nicht: Man habe doch alles ganz freundschaftlich mit dem Häuptling ausgehandelt.

Hamburg/Berlin/Köln - Die zweifelhafteste Showidee des Jahres stammt bisher von RTL: Der Kölner Sender warf für seine Dokusoap "Wild Girls - Auf High Heels durch Afrika" eine Ladung Fernsehblondinen im afrikanischen Busch ab - ausgerechnet in Namibia, der ehemaligen Kolonie des Deutschen Kaiserreichs, in dem grausame Verbrechen an den Einheimischen begangen worden sind. Ausgerechnet im Gebiet der Himba, eines bedrohten Nomadenvolkes. Ausgerechnet für ein Format, das der Sender selbst als "Comedy" einordnet.

Aber ist es wirklich lustig, wenn zwölf Vertreterinnen des deutschen Fernseh-Trash auf Zugehörige eines Stammes treffen, der über keinerlei Kenntnisse moderner Medienkommunikation verfügt? Können die Himba überhaupt wissen, an welchem Zirkus sie da teilnehmen? Muss ihre Mitwirkung an einer Unterhaltungssendung dieser Art nicht automatisch wie eine Vorführung wirken? Und wie wird ihr Einsatz vor der Kamera überhaupt vergütet?

Fragen, die auch die Bundestagsabgeordnete Ute Koczy, die entwicklungspolitische Sprecherin der Grünen, bewegen. Sie stellte RTL eine Anfrage, in der sie Auskunft über die kritischen Produktionspunkte des Formats forderte. In dem Fax, das SPIEGEL ONLINE vorliegt, betonte die Politikerin noch einmal die an die Kolonialzeit erinnernden Aspekte des Formats: "Wie Sie sicherlich wissen, wurden während der deutschen Kolonialzeit massive Verbrechen an den indigenen Völkern in Namibia begangen. (...) Es erscheint mir daher mehr als unpassend, eine derart auf kulturellen Klischees basierende Sendung ausgerechnet in Namibia spielen zu lassen."

Kein Platz für politische Reportagen

Die Grünen-Politikerin kritisiert, dass die kolonialen und postkolonialen Implikationen in der Sendung keinerlei Berücksichtigung finden: Die Himba, so Koczy, seien zudem von Menschenrechtsverletzungen besonders betroffen - "dies hat 2012 bereits die Sonderberichterstatter über die Rechte der indigenen Völker auf den Plan gerufen."

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Wüstencamp "Wild Girls": Die RTL-Resterampe

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Und so fragt Koczy an, ob RTL plane, sich auch kritisch mit der aktuellen Situation und der Geschichte der Ausbeutung der Himba auseinanderzusetzen. Eine Anregung, die der Sender negativ beantwortet. In einem Schreiben, das SPIEGEL ONLINE ebenfalls vorliegt, erklärt RTL-Pressesprecherin Anke Eickmeyer stattdessen noch einmal das auf Unterhaltung abzielende Konzept von "Wild Girls": "Was wir nicht geplant hatten, war eine Geschichtsdokumentation, ein Porträt über Afrika bzw. die Himba oder eine politische Sendung über Menschenrechtsverletzungen - dafür gibt's genug andere Formate, in denen diese Themen besser aufgehoben sind."

Auf Nachfrage von SPIEGEL ONLINE muss Eickmeyer allerdings einräumen, dass RTL für solcherlei politische Reportagen gar keinen Platz hat.

Umso mehr fragt man sich natürlich, weshalb in "Wild Girls" selbst nicht thematisiert wird, wie die Dreharbeiten mit der geschützten, medienunerfahrenen indigenen Bevölkerung verliefen, wer die Verhandlungen mit dem Stamm führte und wie die Himba überhaupt entlohnt wurden. RTL-Sprecherin Eickmeyer sagte zu SPIEGEL ONLINE: "Es gab Verhandlungen mit dem Häuptling. Er wusste genau, was er verlangen kann. Es war eine sehr freundschaftliche Atmosphäre."

Überhaupt sei Namibia - trotz seiner unheilvollen kolonialen Verbindungen mit Deutschland - ein ideales Setting für den forcierten Kultur-Clash. "Da Fernsehen natürlich auch von schönen Bildern lebt", erklärt Eickmeyer in ihrem Antwortschreiben an Koczy, "ist es unser Bestreben, unseren Zuschauern auch einen Eindruck von der unglaublichen landschaftlichen Schönheit und Vielfalt des Landes zu vermitteln." So habe es auch das "Namibia Tourism Board" begrüßt, dass in dem Land gedreht würde. Also alles prima in Namibia.

RTL kann beim besten Willen nicht erkennen, was daran problematisch sein soll, bei einem geschützten Naturvolk einzufallen, um dann ein paar Trash-Trullas auf dieses loszulassen. "Sehen Sie es von dieser Seite", rät Eickmeyer am Ende ihres Antwortschreibens an Grünen-Politikerin Koczy, "wahrscheinlich gibt es in Deutschland viele Menschen, die noch nie von den Himba gehört haben und auch eher keine Fans von Dokumentationssendungen sind. Durch 'Wild Girls' besteht die Chance, dass diese Zuschauer durch das Format neugierig auf Namibia und die Himba werden und sich weiter informieren."

Dauerhaften Bestand dürfte diese Art von Bildungsanregung bei RTL allerdings nicht haben. Die Quoten von "Wild Girls" sind so schlecht, dass eine zweite Staffel wohl kaum in Auftrag gegeben wird.

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