Ackermann und Cohn-Bendit bei Jauch Zwei Herren haben's kuschelig

Bürgerschreck contra Banker! Günther Jauch stellte die Weichen mit der Einladung von Josef Ackermann und Daniel Cohn-Bendit auf Krawall. Doch was ein hitziges Ideologie-Duell werden sollte, entwickelte sich zum herzerwärmenden Kamingespräch zweier älterer Herren.
Günther Jauch: Gäste, die brav alle Fragen des Moderators beantworteten

Günther Jauch: Gäste, die brav alle Fragen des Moderators beantworteten

Foto: dapd

Josef Ackermann versus Daniel Cohn-Bendit: Vorhang auf für ein Duell statt der üblichen Talkrunde, hieß es diesmal bei Günther Jauch. Da beide Namen jeweils über programmatischen Beiklang verfügen, hat mancher TV-Zuschauer womöglich gedacht, dass bei dieser Konstellation ganz schön die Fetzen fliegen würden.

Hier der Kapitalist mit der Bilderbuchkarriere, der es als Chef der Deutschen Bank zum Feindbild linker Systemkritik brachte - dort der Straßenkämpfer und Bürgerschreck a.D., der einst im Mai als Student und "anarchistischer Marxist" in Paris auf die Barrikaden stieg, während der andere an der Eliteuniversität St. Gallen voller Ehrgeiz sein Studium der Wirtschafts- und Sozialwissenschaft absolvierte. Zwei Männer, die auf sehr verschiedene Weise die 68er-Zeit erlebten. Zwei Welten, nämlich die des real existierenden Finanzkapitalismus und jene des umstürzlerischen Glaubens an eine bessere Welt, und das Ganze in einem lautstarken Zusammenstoß - irgendetwas in dieser Art sollte offenbar der sensationsheischende Sendungstitel "Banker gegen Revoluzzer" suggerieren.

Doch bereits nach wenigen Minuten war klar, dass es sich bei dem, was sich da abspielte, weniger um einen ideologischen Zweikampf handelte, sondern um eine ziemlich entspannte, freundliche Konversation zweier netter älterer Herren, die brav alle Fragen des Moderators beantworteten, einander nicht ins Wort fielen und weit davon entfernt waren, alles falsch zu finden, was der andere sagte.

So entstand alsbald die für Talkshows sonst völlig unübliche Atmosphäre eines abendlichen Kamingesprächs. Und das lag nicht allein daran, dass der Ex-Sponti, der sich vom "Roten Dany" längst zum grünen Realissimo gewandelt hat, den Ex-Deutschbanker spontan sympathisch fand, obschon für ihn eigentlich alle Banker "Mephistos" sind. Diesem aber bescheinigte er gerne, dass er das "warme, freundliche, teuflische Gesicht des Kapitals" verkörpere - was durch ein fast einstündiges Dauerlächeln quittiert wurde.

Gemütlicher kapitalistisch-antikapitalistischer Zweiergipfel

Es lag vor allem daran, dass man einander ohne sichtbare Voreingenommenheit begegnete und auch keine Scheu vor Gemeinsamkeiten erkennen ließ. Und davon gab es einige, vor allem, wo es mit leichtem Pathos um grundsätzliche Fragen und Sorgen bezüglich der Zukunft Europas ging, um den im Zeichen der Krise gefährdeten Zusammenhalt. Der Banker sprach von der Notwendigkeit, dass die Politik Regeln setze und die Wirtschaft in den Krisenländern investiere, damit die "soziale Kohäsion" gewährleistet werde.

Das war der Moment, in dem die ohnehin beiderseits reichlich verwendeten Zustimmungsformeln wie "da haben Sie recht" und "da bin ich bei Ihnen" dem Grünen nicht mehr genug zu sein schienen und er fast kumpelhaft vorschlug: "Wollen wir nicht einen Pakt machen?" Dass es zu einer Fraternisierung dann doch nicht kam, war dem Umstand zu verdanken, dass außer den Anwesenden zwei weitere Personen beteiligt waren, wenn auch nicht leibhaftig.

Der eine war Peer Steinbrück, dessen Papier zur Bankenbändigung in Form der Zitierung durch den Gastgeber immer wieder als Streitstoff angeboten wurde. Aber für eine richtige Kontroverse reichte selbst das nicht. Prompt war man sich einig, dass die Banken eine Mitverantwortung an der Krise trügen und auch die Frage, ob der Verfasser der bestmögliche Kanzlerkandidat der SPD sei, wurde von Ackermann ohne Zögern abgenickt.

Ein bisschen unharmonisch wurde es vorübergehend, als man zu den Details der Regulierung kam, etwa der Aufspaltung in Geschäfts- und Investmentbanken. Da blockte der Banker erst mal ab, verwies andererseits aber auch gleich darauf, dass Regelungen im nationalen Alleingang ohnehin nutzlos seien und mindestens auf europäischer Ebene gelten müssten. Und schon sah Cohn-Bendit wieder einen Ansatz zur Gemeinsamkeit: "Da haben Sie eine Tür aufgemacht." Nein, es war wirklich nicht einfach, diesen gemütlichen kapitalistisch-antikapitalistischen Zweiergipfel mit Zoff und Zunder zu versehen.

Revoluzzer im Mainstream, des Bankers grüne Jugendträume

Und wäre da außer ihrem Herausforderer nicht auch noch die Kanzlerin selbst sozusagen virtuell als Reizfigur miteinbezogen worden, wäre es wohl noch schwieriger geworden. Über die musste sich der Kämpfer von einst, der in puncto Systemkritik im Mainstream angelangt zu sein scheint, dann doch in einem Rückgriff auf das altbewährte Temperament herzhaft aufregen. "Frau Merkel hat keine Ahnung von Europa", wetterte Cohn-Bendit. Eine "Katastrophe" sei ihre hegemoniale Politik. Das fand Herr Ackermann, der laut Eigenauskunft nach wie vor auf bestem Fuß mit ihr steht, nun ganz und gar nicht und bemängelte im Gegenteil, Deutschland habe zu lange gezögert, seine Führungsrolle wahrzunehmen. Damit war das Konfliktpotential aber auch schon aufgebraucht.

Immerhin gab es da noch das Thema Managergehälter, bei dem der nette Herr Ackermann sich auf überhaupt keine Debatten einlassen wollte, mag auch die große Mehrheit der Bevölkerung genau wie Steinbrück und Cohn-Bendit es für noch so richtig halten, diese zu deckeln. Angesichts des globalen Wettbewerbs und der spärlich gesäten Talente müssten es sich die Firmen nun mal etwas kosten lassen, die besten Leute zu halten.

Das war für Cohn-Bendit natürlich eine Steilvorlage. Wieso denn die tollen Talente die Finanzkrise nicht vorausgesehen hätten, wollte er wissen. Das konnte ihm auch Herr Ackermann nicht sagen. Dafür hatte er zur Beschreibung der Zockerei, die in die Krise führte, einen Satz parat, zu dem selbst Cohn-Bendit nichts einfiel: "Bis 2007 wurden Produkte generiert, die zum Teil zu komplex waren."

Da sprach dann wieder der Banker als solcher, Protagonist jener Branche, über die der Revoluzzer, der keiner mehr ist, im Verlauf der Veranstaltung gesagt hatte, sie bilde eine Parallelgesellschaft. Doch zum guten Schluss wurde auch dieses Klischee noch dementiert, als Ackermann bekannte, er habe sich auch vorstellen können, in die Politik zu gehen. Und mit 18 wäre er gewiss ein Grüner gewesen.

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