Anja Rützel

»Denn sie wissen nicht, was passiert« Gottschalk und die acht Jauchetten

Acht Frauen müsst ihr sein, um einen Jauch zu ersetzen: Bei »Denn sie wissen nicht, was passiert«, fand man eine überraschende Lösung, um den coronakranken Moderator zu ersetzen.
Günther Jauch und Thomas Gottschalk (Archivbild)

Günther Jauch und Thomas Gottschalk (Archivbild)

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POOL/ REUTERS

Vorab noch schnell eine neue Showidee, die hier zur freien Verfügung fix abgelegt sei. Ihr Arbeitstitel wäre »Wer rockt, verliert«, ihr Aufbau ist stark an das aktuelle und überraschend lustige »LOL – Last One Laughing« auf Amazon Prime angelehnt – mit dem entscheidenden Unterschied, dass bei »Wer rockt, verliert« nicht zehn Comedians zusammen weggesperrt werden, die nicht lachen dürften, stattdessen wird ein Thomas Gottschalk mit seinen Lieblingsbands Status Quo, The Kinks und so weiter interniert, die dann nach und nach ihre größten Hits anspielen oder auch nur -summen.

Die Sendung würde so lange dauern, bis Gottschalk der Versuchung erliegt, dabei mitzusingen oder imaginäre Gitarren zu begniedeln, also etwa fünf Minuten, auf keinen Fall aber viereinhalb Stunden, wie die jüngste Ausgabe von »Denn sie wissen nicht, was passiert«.

Die geriet am Samstagabend noch eine Spur unvorhersehbarer als ohnehin schon angelegt, denn Günther Jauch, der neben Gottschalk und Barbara Schöneberger zur festen Besetzung dieser Auf-Zuruf-Unterhaltung gehört, war an Corona erkrankt. Sein Ersatz wurde erst zu Beginn der Livesendung bekannt gegeben und bestand überraschenderweise aus gleich acht Jauchetten: weiblichen RTL-Showgesichtern, die sich bei ihrem Einmarsch ins Studio allerdings hinter riesigen Günthermasken verbargen und aus denen Gottschalk sich für jede Spielrunde eine Partnerin aussuchen durfte – Schöneberger moderierte seinen Wettkampf gegen Langstreckenläuferin Sabrina Mockenhaupt und Schauspielerin Caroline Frier.

Die Güntherinnen enttarnten sich – die meisten durchaus vorhersehbar – im Lauf der Sendung als Sonja Zietlow, Motsi Mabuse, Laura Wontorra, Victoria Swarovski, Lola Weippert (die selbstverständlich nicht ohne eine von Gottschalk angesungene Referenz an den vornamensgleichen Kinks-Hit davonkam), Frauke Ludowig, Evelyn Burdecki und Amira Pocher, und die Idee dahinter ist gleichzeitig gut und enttäuschend. Gut, weil die gebündelte Frauenpräsenz und -dominanz angelernte Sehgewohnheiten umkehrt und angreift (und weil man sich insgeheim vor der Sendung schon damit abgefunden hatte, dass Oliver Pocher den Ersatzjauch geben würde). Enttäuschend, weil man das vielfältige Frauenteam auch als Beleg dafür lesen könnte, dass man keiner Einzelfrau zutraute, die Vertretung komplett zu übernehmen.

Durch den drehtürartigen Dauerwechsel litt auch die gewohnte Dynamik der Sendung ein wenig, die ja auch davon lebt, wie gut oder schlecht sich die Teams im Laufe der Stunden aufeinander einspielen können. Sonja Zietlow beispielsweise hätte man gern länger und mit variierenden Herausforderungen gesehen, sie durfte in Runde eins nur ein paar Minuten lang zeigen, wie gut sie Wattebäuschchen ohne Hände transportieren kann, indem sie ihre eingecremte Nase in eine Bäuschchenschüssel stippt.

Der eigene Blickwinkel entschied schließlich, ob man diese Ersatzidee als positive Präsentation des RTL-Showfrauenportfolios sah – oder ob eher die Botschaft ankam, dass es eben doch acht Frauen braucht, um einen Mann zu ersetzen. Der erkrankte Jauch wurde dann auch kurz per Videoschalte eingebunden, er berichtete von Kehlkopf- und Gliederschmerzen und rückte kurz die möglichen Irritationen zurecht, die entstehen könnten, da er gerade auch auf Plakaten der »Impfluencer«-Kampagne der Bundesregierung mit Post-Pieks-Pflaster zu sehen ist: Er sei nicht trotz Impfung an Corona erkrankt, sondern schlicht noch nicht wirklich geimpft gewesen, weil er altersmäßig noch nicht an der Reihe gewesen sei, erklärte Jauch. Er habe es aber unbedingt vor, und zwar egal mit welchem Impfstoff.

Viereinhalb Stunden lang ließ man im Studio mit Kaktushelmen Luftballons zerplatzen, bemühte sich, Süßigkeiten grammgenau abzuwiegen und ordnete eingeschickte Zuschauerfotos den Mini-Soziogrammen ihrer Besitzer zu, dann gewannen Gottschalk und die United Jauchs.

Zwei weitere Dinge waren über die Frauenfrage hinaus an diesem Abend bemerkenswert: Erstens die sauerbierige Anpreiserei, mit der man den vergangene Woche gekrönten »Deutschland sucht den Superstar«-Gewinner Jan-Marten Block live im Studio nach jeder Werbepause übergangsweise das immer gleiche Fitzelchen seines Siegesliedrefrains singen ließ – Demütigung hat viele Gesichter. Und zweitens die anfassfrohe Abstandslosigkeit, mit der die (freilich getesteten) Jauchfrauen um Mitternacht auf den Geburtstag von Motsi Mabuse anstießen.

Bei der Frauenfrage mag man unentschieden sein, welches Signal diese Idee sendet – bei diesen Bildern ist die Wirkung klar.

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