Sondierungs-Talk bei Jauch "Selten so viel Unsinn"

In Berlin wird sondiert - und getalkt. Bei Günther Jauch saßen Vertreter von Union und SPD und stritten die These kaputt, eine Koalition beider Lager sei eine heimliche Liebesheirat. Und was führt eigentlich Hannelore Kraft im Schilde?

NRW-Landeschefin Hannelore Kraft (Archivbild): "Mit dem Blick von Wanne-Eickel"
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NRW-Landeschefin Hannelore Kraft (Archivbild): "Mit dem Blick von Wanne-Eickel"


Das Spiel ist eröffnet, genauer gesagt, das Strategiespiel. Es könnte sich indes auch um eine Partie Doppelkopf handeln. Oder um Fußball. Aber noch ist nichts passiert. Man befindet sich einstweilen im Stand-by-Modus, sichtet das Blatt, wärmt sich auf - und einen Pott Gulasch gleich mit. Denn auch dieses Kesselgericht erinnert ja doch irgendwie an eine Koalition.

Meinte zumindest Michael Jürgs, der diesmal bei Günther Jauch die Rolle des Elder Journalist übernommen hatte und damit seinen Beitrag zur Metaphorik leistete, an der wahrlich nicht gespart wurde. Und das, obgleich ein im Prinzip nicht eben gesprächsfördernder Satz bereits nach ungefähr fünf Minuten gefallen war, nämlich vom christsozialen Elder Statesman Theo Waigel, der schon nicht weniger als fünf Koalitionsverhandlungen hinter sich bringen musste, und das auch noch mit der FDP. In diesem Sondierungsfrühstadium beim Ringen um eine neue Regierung gelte für alle Beteiligten die Devise "Klappe halten", gab Kohls einstiger Finanzminister zu wissen.

Würden sich alle immer strikt an diese Regel halten, dann hätten an diesem Abend allerdings zwei Stühle leer bleiben müssen. Erstens der von Umweltminister Peter Altmaier, der zwar nicht selbst an der ersten schwarz-roten Runde beteiligt war, aber als Kanzlerin-Vertrauter und sozusagen regierungsoffiziöser Lageerklärer momentan in kaum einer Talkshow fehlt.

Eine gewisse Schärfe

Zweitens und vor allem aber jener, auf dem Hannelore Kraft saß, die neuerdings alles andere als im Hintergrund, sondern sehr im Vordergrund agierende starke Frau der SPD. Altmaier, der zwar als Schwarz-Grün-Fan gilt, aber auch als ziemlich flexibler Kommunikator und ohnedies selbstverständlich allseitige Offenheit zu demonstrieren hat, brachte zunächst routiniert seine entsprechenden Statements unter. Es schien sich jenes situationstypische Geplänkel zu entwickeln, von dem Journalist Jürgs anfangs noch sicher war, dass es zur Anbahnung einer großen Koalition nun mal dazu gehöre.

Aber dann schlich sich doch eine gewisse Schärfe ein. Und das lag weniger an der nicht hundertprozentig plausiblen Anwesenheit des Philosophen und Pädagogen Bernhard Bueb, der sich als Kämpfer für das Gute und Wahre gerieren durfte, den angeblichen Verlust der Ehrlichkeit in der Politik beklagte, besorgt eine Entpolitisierung des Wahlvolks ausmachen zu können meinte und als Hauptindiz hierfür immer wieder die Blüte des politischen Kabaretts anführte.

Damit erntete er den einen oder anderen Widerspruch, doch das Ganze trug sich eher auf einem Nebenschauplatz zu. Umso mehr war es - um im Sinnbild des Spiels zu bleiben - die Dame, die zur interessantesten Figur wurde, immer wieder auch groß in Szene gesetzt von der Kamera.

Jedes Mal, wenn ihr Gesicht in einer Totale ins Bild kam und nicht allein dann, war da ein Lächeln um ihren Mund. Es war ein Lächeln, das nicht unbedingt nur freundlich aussah, sondern etwas schwer Ergründliches hatte und bisweilen auch etwas Maliziöses. Und wenn die Frau, die lächelte, das Wort ergriff, klang das meistens auch nicht sonderlich konziliant.

"Mit dem Blick von Wanne-Eickel"

Es wird ja dieser Tage viel geredet, geschrieben, gemutmaßt über das, was die NRW-Ministerpräsidentin umtreiben mag - was sie insgeheim vorhat und will, ob sie über einen Masterplan verfügt, um demnächst Kanzlerkandidatin zu werden, ob sie Frau Merkel in ein für diese problematisches schwarz-grünes Bündnis treiben, Schwarz-Rot in Wahrheit verhindern möchte, ob sie das ganze Szenario nicht am Ende auch "mit dem Blick von Wanne-Eickel" sieht, also mehr im Landes-, als im Bundesinteresse. Mit all dem wurde sie nun auch bei Jauch konfrontiert. Und die fast brüske Antwort lautete, sie habe "selten so viel Unsinn gehört".

Es folgte eine kurze Betrachtung jener Themen, bezüglich derer Parteichef Gabriel gerade eben schon Verständigungsmöglichkeiten angedeutet hat - Europa, Mindestlohn, Rente, Infrastruktur -, und Frau Kraft legte sehr nachdrücklich und mehrfach größten Wert darauf, dass allein die Inhalte entscheidend seien und es keinesfalls eine große Koalition um jeden Preis geben werde. Gewiss seien Steuererhöhungen kein Selbstzweck, aber die Finanzierung müsse nun mal gesichert sein. Sie sagte das sehr bestimmt und schnörkellos, so dass man sich fast an eine gewisse klare Kante erinnert fühlen konnte.

Mitgliederbefragung oder Parteitag: Wo ist der Unterschied?

Kritik an der beabsichtigten Mitgliederbefragung über einen etwaigen Koalitionsvertrag tat sie knapp ab und behauptete einfach: Ob es nun diese gebe oder, wie sonst üblich, ein Parteitag entscheide, mache keinen großen Unterschied. Und eine persönliche Erklärung grundsätzlicher Art gestattete sie sich dann auch noch. Sie habe ein "sehr entspanntes Verhältnis zur Macht" und strebe diese ausschließlich an, um zu gestalten, die Verhältnisse zu verbessern, die Reformen anzupacken, die bisher versäumt worden seien.

Es kam, wie es kommen musste. Irgendwann war man noch einmal im Wahlkampf-Modus. "Aber Sie haben doch...", "Sie müssten doch wissen...", ging es zwischen SPD-Frau und CDU-Mann ziemlich hitzig hin und her. Fast hätte man denken können, die größte Sorge von Philosoph Bueb, dass die große Koalition der Demokratie schade, sei gerade dabei, sich von selbst zu erledigen.

Selbst Schwarz-Rot-Prophet Jürgs geriet am Ende ins Zweifeln und meinte, nach einer Liebesheirat sehe das nun nicht gerade aus. Sowieso sei dies aber das letzte Mal, dass nach den alten Mustern über eine Regierungsbildung verhandelt werde. Nach der nächsten Bundestagswahl werde alles anders sein, dann gebe es bei den Koalitionsoptionen kaum noch Beschränkungen.

Es war ein Moment, in dem das Lächeln der Hannelore Kraft ganz besonders passend wirkte.



insgesamt 134 Beiträge
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thunderstorm305 07.10.2013
1. Das soll die SPD einmal erklären.
Vielleicht kann man einmal die Logik erklären, weshalb nach dieser Legislaturperiode die SPD eine gemeinsame Regierung mit den Grünen und den Linken machen darf? Haben sich die unannehmbaren Standpunkte der Linken in der Politik dann aufgelöst? Es geht der SPD doch um die völlig absurden Vorstellungen der Linken.
Baron Riedesel 07.10.2013
2. Ist doch längst klar wer mit wem
Spiegel Online sollte nicht so tun, als wäre der Ausgang dieser Gespräche offen. Selbstverständlich wird es eine große Koalition geben. Schwarz-Grün werden weder die Union noch die Grünen ihren Wählern antun. Alles, was die Beteiligten jetzt so reden, ist Kalkül und Taktik, um die eigene Position zu verbessern -- legitim, aber es muss niemand darauf hereinfallen.
schwarzwaelder 07.10.2013
3. Hellseher
Herr Zschaler, was hier so alles rein interpretiert wird ist ja phantastisch. Man könnte meinen sie sind Hellseher. Nur aussagekräftig ist das leider nicht. Ein weiterer Artikel der von Spekulationen lebt.
frankmerkel 07.10.2013
4. neue starke Kraft ?
Die neoliberale Bankkauffrau hätte in einer sozialdemokratischen Partei keinen Fuß auf den Boden bekommen. Koaltionsverhandlungen? Da wird das Fell verteilt! Natürlich wollen sich Kraft und Gabriel etc. die zum Greifen nahe (ministerialen) Pfründe nicht durch einen Mitgliederentscheid wieder wegnehmen lassen.
vordenken 07.10.2013
5. Hoffentlich
passiert es nie, dass Frau Kraft Bundeskanzlerin wird. Die Katastrophe, die sie in NRW anrichtet waere auf Bundesebene zu viel fuer das Land.
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