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08. Dezember 2014, 08:43 Uhr

Jauch-Jahresrückblick bei RTL

Menschen, Bilder, Erektionen

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Die Adventsabende - Zeit, in sich zu gehen. Zeit, sich noch mal klar zu machen, wie geil wir sind. Also wir Deutsche, wir WM-Sieger, die Merkel haben und überall auf der Welt mit anpacken. Jauchs Rückblick wurde zu einer trunkenen Siegesfeier in Schwarz-rot-gold.

"Ein Hoch auf uns", das wird man ja wohl noch mal singen dürfen. Und so gab Andreas Bouranis am Sonntag breitbeinig vorgetragene WM-Hymne die besinnungslos egozentrische Stimmung vor, mit der Jauch für seine RTL-Show "Menschen, Bilder, Emotionen" in die letzten elf Monate eintauchte.

Der kleine Junge, der beim WM-Finale im Maracanã-Stadion in Rio de Janeiro als einziges deutsches Kind miteinlaufen durfte, fehlte ebenso wenig wie Manuel Neuer, Bastian Schweinsteiger, Christoph Kramer und, klaro, Joachim Löw.

Die Auftritte der WM-Helden wurden über die gesamte Sendung gestreckt; den quasi als Höhepunkt auftretenden Bundestrainer kündigte man vor den rund zehn Werbeblöcken immer wieder als Stargast an. Schweinsteiger machte in diesen üppigen kommerziellen Pausen dann übrigens wiederum Stimmung für Funny-Frisch-Chips. Dranbleiben, noch 'ne Tüte Salzgebäck aufreißen, weiterfeiern!

Menschen, Bilder, Erektionen: Dreieinhalb Stunden hielt man sich mit Ausschnitten von der WM in Erregung, befeuerte die feucht-fröhlichen Erinnerungen mit immer neuen Torschützen-Impressionen, über die dann wieder und wieder Bouranis Sektspritzer-Nummer gekübelt wurde. Zum Schluss gab es dann die Abkühlung: Jauch ließ sich gemeinsam mit Barbara Schöneberger effektvoll eine Wiege Eiswasser über den Kopf schütten - weil doch im Laufe des Sommer jeder halbwegs prominente Medienmensch bei der Ice Bucket Challenge teilgenommen hatte.

Jubel für La Merkelina

War da 2014 noch was außer WM und Eiseimer? Ach ja, Ebola. Relativ früh am Abend, als wollte man das unangenehme Thema schnell vom Tisch haben, sprach eine deutsche Kinderärztin über ihren Einsatz in Sierra Leone und wie sie ohnmächtig mitansehen musste, als das einzige Kinderkrankenhaus nach den ersten Ebola-Fällen im Land wegen mangelnder Ausstattung geschlossen werden musste. Doch sie machte weiter, half mit internationalen Kollegen beim Aufbau einer Isolierstation.

Das fand Jauch alles interessant und lobenswert, aber dann brach das Gespräch fast abrupt ab. Die Ärztin erzählte, dass am Tag zuvor ein Kollege aus Sierra Leone an der Epidemie gestorben sei. Es war kein Deutscher, es wurden keine weiteren Worte um ihn gemacht. Stille.

Zum Glück war danach wieder ein deutscher WM-Sieg zu feiern. Die Ski-Olympiasiegerin Maria Höfl-Riesch berichtete von den vergangenen glorreichen Tagen in Sotschi und ihrer zukünftigen Moderatorinnenkarriere bei der ARD (wo der allgegenwärtige Jauch an diesem Sonntag seinen Talkshowslot natürlich nicht wahrnehmen konnte). Da war die nach Ebola geknickte schwarz-rot-goldene Jubelstimmung wieder oben.

Einmal wurde auch eine Ausländerin gefeiert: die 16-jährige Maria aus Italien - die allerdings wenig Südländisches an sich hatte. Sie trug den Haarschnitt der jungen Angela Merkel und die Arme verschränkt wie die alte. Um den Hals wackelte niedlich eine Kette mit Konrad-Adenauer-Medaille. Verrückt, das Mädchen ist Fan der deutschen Politik im allgemeinen und der Bundeskanzlerin im Besonderen. La Merkelina wurde sie bei Jauch genannt, und sie sagte in entzückendem Deutsch Sätze wie: "Die Politiker in Deutschland arbeiten wirklich für Deutschland." Da jubelte das RTL-Publikum wieder.

Alles, was nicht zum Jubeln taugte, wurde dann auch tunlichst ausgeblendet in dem Jahresrückblick. Dass Europa angesichts der Lage in der Ukraine vor einer der schwersten geopolitischen Krisen seit Ende des Zweiten Weltkriegs stand und immer noch steht, dass der IS im Mittleren Osten ein Terrorregime errichtet, in dem auch junge Leute aus Deutschland mitwirken - das wurde in den Bilder-Schnelldurchlauf des Jahres verbannt.

Auch die Flüchtlingsdramen, die doch einen so großen Stellenwert in den Nachrichten des ausklingenden Jahres hatten, kamen nicht vor. Stattdessen waren drei junge deutsche Frauen zu Gast, die davon erzählten, wie sie auf einer Bootstour in Indonesien gekentert und fast ums Leben gekommen waren. Die Nacherzählung des traumatischen Erlebnisses war einfühlsam, wirkte aber vor dem Hintergrund der etlichen und alltäglichen humanitären Katastrophen im Mittelmeer zynisch.

Kenternde Schiffe auf hoher See, sowas interessiert Jauch nur, wenn auch Landsleute dabei zu Schaden kommen könnten.

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