Lebensmittel-Talk bei Günther Jauch Bauer Willi im Billigland

Der Wutausbruch eines Landwirts bot Günther Jauch den Anlass, über die Deutschen und ihren Umgang mit Lebensmitteln zu debattieren. In der Talkshow wurden viele Fragen zwar angeschnitten, aber nicht ausdiskutiert.
Talkshow-Moderator Günther Jauch: "Lauter Schuldzuweisungen"

Talkshow-Moderator Günther Jauch: "Lauter Schuldzuweisungen"

Foto: Paul Zinken/ dpa

Lange hatte Landwirt Willi Schillings geschwiegen. Doch eines Tages platzte ihm der Kragen. Da hatte er "endgültig die Schnauze voll", und zwar speziell, als er mitbekam, wie einem Kollegen umgerechnet nur ein einziger lächerlicher Cent für das Kilo Kartoffeln gezahlt wurde.

Auf seiner Webseite  machte "Bauer Willi", wie er sich neuerdings als Blogger nennt, seinem Unmut Luft und holte zu einer veritablen Verbraucherschelte aus. Das brachte ihm nicht nur jede Menge Aufmerksamkeit im Netz ein, sondern auch eine Einladung zu Günther Jauch, der sich zu der Frage veranlasst sah: "Die Wut der Bauern - sind unsere Lebensmittel zu billig?"

Der Verdacht ist ja nicht ganz neu. Bekanntlich sind die Deutschen beim Lebensmittelkauf besonders knauserig und lassen sich ihre Ernährung weit weniger kosten als andere Völker. Grund genug also wieder mal für Ursachenforschung, auch damit der so heftig-deftig angeklagte bundesdeutsche Endverbraucher vielleicht mal etwas dazulernt.

Wer ist schizophren - der Bauer oder der Verbraucher?

Ob der nach dieser Sendung wesentlich klüger geworden ist, darf indes bezweifelt werden - und das nicht nur, weil ihm von Bauer Willi attestiert wurde, er sei schizophren, weil er einerseits als Bürger gewisse Produktionsmethoden - Stichwort Massentierhaltung - kritisiere, während er andererseits als Konsument hartnäckig Billigware bevorzuge.

Ohnehin klang das eher ratlos als richtig unfreundlich, zumal der genervte Agrarier im Grunde eher dem Typ rheinische Frohnatur entsprach. Per Einspieler schwärmte er inmitten seines malerisch blühenden Rapsfelds vom bäuerlichen Lebensgefühl, das einem "das Herz aufgehen" lassen könne, was den ehemaligen Aldi-Manager Thomas Roeb prompt zu der Replik veranlasste, schizophren seien, wenn schon, die Landwirte selbst, weil sie die Idylle von gestern romantisierten und den Fortschritt der Lebensmittelherstellung nicht wahrhaben wollten. Dass die Deutschen immer weniger für ihre Nahrung ausgeben, erklärte er schlichtweg als Folge wachsenden Wohlstands.

Damit waren die Fronten klar. Auf der einen Seite Roeb, heute Marketing-Professor und ebenso wie sein Mitstreiter Jürgen Abraham der felsenfesten Überzeugung, dass sich alles, ob Preise, Produktionsverhältnisse oder Verbraucheransprüche, "aus dem Markt heraus" regele - und auf der anderen die Kritiker eben dieser Sicht der Dinge, verkörpert durch Renate Künast, die frühere Landwirtschaftsministerin, sowie die sachkundige Autorin Tanja Busse. Als diese mit Adressierung an Abraham, der sich einen Namen als Schinkenhersteller gemacht hat und von dem unter anderem zu lernen war, dass Parma-Schinken nicht unbedingt aus Parma stammen muss, die Rede auf Preisabsprachen brachte, regierte der ein bisschen ungehalten.

Die Grünen-Politikerin echauffierte sich derweil darüber, dass Katzenfutter heutzutage teurer sei als Hackfleisch, und offenbarte, dass sie ihr Essen in Bioläden und auf dem Markt zu kaufen pflege, wegen Backpapier oder Dosentomaten aber durchaus auch schon mal einen Discounter aufsuche.

Jauch beklagt "lauter Schuldzuweisungen"

Abgesehen von diesem bisschen Privaten ging es aber natürlich in erster Linie um das große Ganze, das Politische, das System, an dem, so Künast und Busse, so vieles falsch ist ("überall Schieflage") - zum Nachteil der unter Druck stehenden Landwirte ebenso wie letztlich der Verbraucher, die für ihre vermeintlich billig erworbenen Produkte anderweitig zahlen müssten, etwa in Form von Umwelt- und Gesundheitsschäden.

Das Problem bestand allerdings darin, dass keiner der vielen Aspekte wirklich zu Ende diskutiert und über das weite Feld der Fragen wie mit einem Mähdrescher hinweggegangen wurde, noch dazu oft im Insider-Jargon sowie mit Thesen und Behauptungen, bei denen der ganz normale Talkshow-Konsument das Gütesiegel der Verifizierbarkeit vermissen musste.

Anschaulicher und konkreter wurde es allenfalls, wenn Willi Schillings und dann auch noch Timo Wessels aus dem Brandenburgischen zu Wort kamen. Milchbauer Wessels berichtete, wie er angesichts eines Preises von 27,5 Cent pro Liter bei eigentlich benötigten 40 Cent seinen Viehbestand wider Willen immer mehr vergrößern müsse. Wessels forderte analog zum Mindestlohn einen Mindestmilchpreis und gelangte zu dem Schluss, dass es in seinem Metier eigentlich gar keine Marktwirtschaft gebe.

Während die Handels-Vertreter Roeb und Abraham das selbstverständlich völlig anders sahen, gab es von Ex-Ministerin Künast wenigstens gutgemeinte Ratschläge. Mehr und bessere Gegen-Organisation sei gefragt. "Sie müssen als Bauern Druck machen." Und dem bloggenden "Bauer Willi" empfahl sie, sich doch lieber mit den Verbrauchern zu verbünden, statt sie zu attackieren.

Der sah am Ende einer Stunde voll von "lauter Schuldzuweisungen" (Jauch), jedoch wenig Anlass für Optimismus. Seine Hoffnung auf Besserung der Verhältnisse sei "nach diesem Abend relativ gering".

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