Thema Jugendgewalt bei Günther Jauch Zusammenprall mit der Realität

Der Bundesinnenminister, ein Jugendrichter, ein leibhaftiges Opfer: Eigentlich war es eine spannende Runde, die bei Günther Jauch zum Talk über Jugendgewalt erschienen war. Wenn der Moderator dem Gespräch nur eine Linie gegeben hätte.

Moderator Günther Jauch (Archiv): Seltsam unentschlossener Talkmaster
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Moderator Günther Jauch (Archiv): Seltsam unentschlossener Talkmaster


Vom Tatort U-Bahnhof zum Talk-Ort Jauch: Das Quotenkalkül dieser Sendung war leicht zu durchschauen. Das Thema Jugendgewalt birgt eben ein verlässliches Empörungs- und damit auch Aufmerksamkeitspotential.

Theoretisch hätte das sogar im Sinne der Erkenntnismehrung funktionieren können - wäre der Gastgeber nur willens und in der Lage gewesen, dem Ganzen eine Linie zu geben. Geladen war eine interessant anmutende Runde, vom Bundesinnenminister über einen Konfliktmanager und einen als besonders hart annoncierten Jugendrichter bis hin zu einem leibhaftigen Opfer. Es zeigte sich aber, dass spannende Diskutanten allein eben nicht ausreichen, wenn ein seltsam unentschlossener Talkmaster oft nicht recht weiß, was er eigentlich fragen soll; außer diesem und jenem und letztlich fast allem, was dazu zu sagen ist und im Prinzip schon oft gesagt wurde.

Das klingt jetzt ziemlich negativ. Doch es gibt auch Positives festzuhalten. Die Debatte blieb wohltuend frei von Ritualen der Entrüstung oder gar sicherheitshysterischen Tönen. Und das, obwohl Jauch mehrfach die Rede auf Aspekte brachte wie die sogenannten No-go-Areas oder den angeblich drohenden Überwachungsstaat infolge Videoaufrüstung im öffentlichen Raum; gern auch immer wieder mit Verweis auf den vorangegangenen "Tatort".

Keine simplen Antworten

Und dann war da ja vor allem das bestürzende Einzelschicksal in Gestalt von Andreas Responde. Der wurde, als er nahe einer S-Bahn-Station einer Gruppe Jugendlicher helfen wollte, von anderen Jugendlichen zusammengeschlagen und lebensgefährlich verletzt. Einer der Täter erhielt später eine Haftstrafe von neun Monaten auf Bewährung. Aber Responde erwies sich in dieser Runde als irgendwie verloren und überfordert. Es war dann ausgerechnet Andreas Müller, der angebliche "Richter Gnadenlos" aus Bernau, der dem Moderator erklären musste, dass dieser Fall entgegen dessen Annahme ganz und gar nicht zur Skandalisierung taugte, weil er juristisch gesehen alles andere als typisch war.

Es blieb nicht das einzige Mal, dass das Spekulative dieser Talkshow mit der Realität zusammenprallte. Denn da gibt es nun mal nicht immer simple Antworten und schon gar keine pauschalen Rezepte, wohl aber Erfahrungen und Kenntnisse aus der Praxis.

Genau diese repräsentierte der Jugendrichter, der sich im Gesprächsverlauf weniger als übermäßig rigoroser, sondern vielmehr als sehr engagierter Jurist zu erkennen gab. Für seinen Stand forderte er ein möglichst breites Instrumentarium an Maßnahmen, um junge Straftäter möglichst früh und notfalls auch mit Härte - Stichwort Warnschuss-Arrest - in die Gesellschaft zurückzuholen.

Keine Machtspielkonstellationen mit Frauen

Aber dass er damit nun das Gegenbild zur Sozialarbeiterin Petra Peterich verkörpert hätte, ließ sich auch nicht behaupten. Die nimmt seit Jahren straffällige Jugendliche bei sich zu Hause auf. Frauen kämen leichter mit den jungen Gewalttätern zurecht, sagte sie, da es nicht zur Konkurrenz- und Machtspielkonstellation komme. Selbst Richter Müller mochte solch ein Projekt nicht als reine Sozialromantik abtun.

Müller war es auch, der schon zu Anfang der Diskussion dazu beitrug, das Problem mit den brutalen jungen Männern - meist großstädtische Hauptschüler mit Migrationshintergrund - in die richtigen Proportionen zu rücken: Die Hälfte aller einschlägigen Delikte werde von Intensiv- und Mehrfachtätern verübt. Der oft erweckte Eindruck, die Jugend sei generell gewalttätiger geworden, sei schlicht unzutreffend.

Damit war im Grunde das Wichtigste zum Thema gesagt. Die Statistik spricht ohnehin eine eindeutige Sprache: Seit fünf Jahren geht die Zahl der von Jugendlichen verübten Gewalttaten zurück. Aber die öffentliche Wahrnehmung deckt sich nicht mit der Wirklichkeit und suggeriert immer wieder Bedrohungsszenarien, die kaum ein Mensch jemals real erlebt.

Das machte auch Ralf Bongartz deutlich, ein ehemaliger Kriminalhauptkommissar, der heute als Trainer für die Handhabung von Konfliktsituationen arbeitet. Er sprach von "sehr seltenen Situationen", in denen es tatsächlich zu solchen Gewaltexzessen komme, wie sie in den letzten Jahren Schlagzeilen machten. Gewalt habe es im Übrigen immer gegeben - nur seien ihre Bilder erst in neuerer Zeit mit solcher Wucht und Wirkung allgegenwärtig.

Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich mutmaßte an dieser Stelle etwas von einer allgemeinen Gewöhnung an die Gewalt durch entsprechende Spiele und natürlich die Medien, was ein bisschen nach Klischee klang. Ansonsten fiel er vor allem dadurch auf, dass er sich zurückhaltend und höchstens ganz neutral staatstragend äußerte, wenn er überhaupt das Wort ergriff.

Wie ein wahlkämpfender Law-and-Order-Politiker von der CSU wirkte er jedenfalls nicht. Und das war dann doch ein wenig überraschend.

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insgesamt 143 Beiträge
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Seite 1
curti 09.09.2013
1. Passt wie die.....
Zitat von sysopDPADer Bundesinnenminister, ein Jugendrichter, ein leibhaftiges Opfer: Eigentlich war es eine spannende Runde, die bei Günther Jauch zum Talk über Jugendgewalt erschienen war. Wenn es nur einen Moderator gegeben hätte, der dem Gespräch eine Linie gibt. http://www.spiegel.de/kultur/tv/guenther-jauch-talk-ueber-jugendgewalt-mit-innenminister-friedrich-a-921100.html
....Faust auf´s Auge! Im Wahlkampfendspurt das Thema innere Sicherheit thematisieren, vor allem mit Friedrich in der talk-Runde, kommt immer gut an beim Wähler. Jauch ist jeden cent "wert"!
janne2109 09.09.2013
2. ....
ach der stramm SPD - nahe Herr Jauch, wir hätten gern eine Sendung zum Einsatz der USA in Syrien gehabt, Jugendgewalt hatten wir schon so oft und mir liegt im Moment der Konflikt etwas näher. Könnte ja sein, wir betrauern nachher unsere Jugendlichen ( in der Bundeswehr) die bei einem Flächenbrand ihr Leben lassen müssen.
jujo 09.09.2013
3. ...
Zitat von sysopDPADer Bundesinnenminister, ein Jugendrichter, ein leibhaftiges Opfer: Eigentlich war es eine spannende Runde, die bei Günther Jauch zum Talk über Jugendgewalt erschienen war. Wenn es nur einen Moderator gegeben hätte, der dem Gespräch eine Linie gibt. http://www.spiegel.de/kultur/tv/guenther-jauch-talk-ueber-jugendgewalt-mit-innenminister-friedrich-a-921100.html
Jauch ist halt untauglich für dieses Format!
schaeferreiner 09.09.2013
4. optional
"Die Statistik spricht ohnehin eine eindeutige Sprache: Seit fünf Jahren geht die Zahl der von Jugendlichen verübten Gewalttaten zurück." Die Statistik in der Sendung verdeutlichte aber auch, dass die Straftaten, die sich seit 1992 bis 2008 verdreifacht hatten nunmehr immer noch doppelt so häufig verzeichnet sind. Entwarnung kann ohnehin nicht gegeben werden, denn selbst der Stand von 1992 war ja hoch genug, um sich aktive Maßnahmen zu überlegen. Richter "Gnadenlos" (warum eigentlich?) verlangte ein breiteres Instrumentarium und schnellere Wege bis zur Verurteilung...nichts Neues, denn das ist seit dem immer langsameren Mahlen der Mühlen ein Dauerthema. Das geeignetste Mittel wäre sicher, junge Menschen, die auffällig werden, früher als bisher aus ihrem Umfeld in ein geordneteres zu überführen und nicht abzuwarten, bis sich die Straftaten weiter anhäufen. Schnellere Inobhutnahme durch das Jugendamt und geeignete Betreuungsformen lassen sicher in einigen Fällen vermeiden, dass aus Tätern Intensivtäter werden.
r.muck 09.09.2013
5. ARD-Obere
An jeden Sonntagabend, an dem ich mir Jauch antue, frage ich mich, welcher Teufel die ARD-Oberen geritten hat, dieses an sich anspruchsvolle Format einen einfach, besser einfältig strukturierten Quizonkel anzuvertrauen.
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