Jauch-Talk über Jugendgewalt "Knast ist doch eigentlich ganz chillig"

Eine Talkshow zum "Tatort" - kann das gutgehen? Theoretisch ja, praktisch nein: Das Thema Jugendgewalt hätte Potenzial für gute Diskussionen gehabt, doch die Chance wurde bei Günther Jauch vertan.
Günther Jauch: Einer fiktiven Geschichte reale Brisanz abringen

Günther Jauch: Einer fiktiven Geschichte reale Brisanz abringen

Foto: Rainer Jensen/ dpa

Ja, es gibt schlimme Jugendliche, im Film wie im richtigen Leben. Sie begehen böse Taten, die empören und deren bloßer Anblick schon wehtut. Mit dem Thema exzessiver Jugendgewalt lässt sich nach wie vor ein bestimmtes Verstörungspotenzial aktivieren, auch wenn die Zahl der tatsächlich Betroffenen - Täter, Opfer, Eltern - vergleichsweise gering und die Statistik der von Jugendlichen begangenen Delikte rückläufig ist. Die Gesellschaft des im Prinzip friedfertigen Sozial- und Rechtsstaats mit seinen Verhinderungs- und Regelungsroutinen erträgt es offenbar schwer, wenn ausgerechnet bei den Nachwachsenden, auf denen ja die Zukunftshoffnungen ruhen, etwas ganz eklatant falsch läuft.

Es war das Muster, nach dem der "Tatort" funktionierte. Doch damit war es für die ARD nicht getan. Wieder einmal musste der Stoff, aus dem ein Krimi war, anschließend auch noch für Günther Jauchs Talkshow herhalten.

Das Kalkül, der fiktiven Geschichte gesprächsweise zusätzliche reale Brisanz abzuringen, ging allerdings nicht auf. Um es etwas weniger wohlwollend zu sagen: Es wurde eine seltsam zerfahrene Veranstaltung, ohne erkennbare Linie und ohne den Versuch, das Problem aus dem Kleinklein der diversen Aspekte auf eine abstrahierende Ebene zu heben. Stattdessen war die Runde vornehmlich von dem Bemühen des Gastgebers geprägt, irgendwie den einen oder anderen spektakulären Moment zu produzieren und dabei notfalls auch recht tief in die Klischeekiste zu greifen - beispielsweise, um den mittlerweile tausendfach gehörten Befund hervorzuholen, dass Schlägereien unter Jugendlichen früher endeten, wenn einer am Boden lag, während heutzutage gern noch gegen den Kopf getreten werde.

Geholfen hat den Tätern nur die eigene Einsicht

Da konnte der ohnehin eher wortkarge Kiez-Polizist Addick Dase aus Bremerhaven nur bedächtig zustimmend sein Haupt wiegen. Außer ihm waren als Fachleute noch die Berliner Jugendrichterin Corinna Sassenroth sowie der Kinder- und Jugendpsychiater Volker Schmidt zugegen, die ebenfalls aus ihrem Alltag zu berichten hatten. Dabei erwies sich die Richterin als besonders untauglich für die Bestrebungen des Moderators um durchsichtige Dramatik und gab eher entspannt zu Protokoll, die Jugendzeit sei nun mal eine schwierige Zeit, "da tickt man schon mal aus". Außerdem erteilte sie - auch mit Blick auf das "Tatort"-Drehbuch - ein bisschen offenkundig notwendige Nachhilfe bezüglich des Sinns und Zwecks des deutschen Jugendstrafrechts, das nun einmal vorrangig vom Erziehungsgedanken geleitet ist.

Wie es darum in der Praxis bestellt ist, wenn man es am eigenen Leib erfährt, durften zwei ehemalige Jugendstraftäter schildern, der eine in Begleitung seiner Mutter, mitsamt welcher er von Jauch nach kurzer, relativ unergiebiger Einvernahme auf eine Bank im Abseits verbannt wurde. Übereinstimmend erklärten beide Ex-Delinquenten, nicht der mehrjährige Gefängnisaufenthalt habe ihnen auf den Weg eines fortan straffreien Lebenswandels geholfen, sondern einzig die eigene Einsicht, "Mist gebaut zu haben". Außerdem müsse man zugeben, dass es im Knast eigentlich "ganz chillig" sei.

Wirklich Neues kam nicht zutage

Damit war man dann, im Zuge des unentwegten Jauchschen Themen-Hoppings, bei den Problemen der Resozialisierung angelangt, zu denen Psychiater Schmidt immerhin ein paar Bemerkungen der etwas belangvolleren Art beisteuern konnte, indem er auf die wesentlich intensivere Betreuung straffälliger Jugendlicher in der Schweiz im Gegensatz zu hiesigen Verhältnissen verwies. Opfer-Täter-Ausgleich, Warnschuss-Arrest, häusliche Erziehungsmethoden, Milieuprägungen, Faszination des Bösen und Verbotenen - alles wurde mal kurz angesprochen, doch wirklich Neues kam dabei mangels Tiefgang nicht zutage. Und wenn ihm sonst nichts mehr einfiel, half sich Jauch mit einem kurzen Einspieler aus dem vorangegangenen Krimi weiter, so als solle bloß nicht der Anlass für die Talkshow in Vergessenheit geraten.

Die zugleich banalste und für die Verhältnisse dieses Abends originellste Erkenntnis galt der Frage, ab wann und ob möglicherweise schon im Kindergartenalter festzustellen sei, dass jemand zur Gewalttätigkeit neige. Die Antwort des Psychiaters: Gerade in jenem Alter seien alle Kinder gewalttätig - kratzten, bissen, schlügen. Zu sozialen Wesen würden sie erst durch die Erziehung. Und die habe dann so auszusehen, dass sie dem einzelnen Kind gerecht werde und bei aller Liebe auch Grenzen setze.

Tja, wer hätte das gedacht?

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