Flüchtlingstalk bei Jauch Trostlos, aber aufschlussreich

Wachleute in Asylbewerberheimen in NRW sollen Flüchtlinge misshandelt haben. Bei Günther Jauch schoben sich Politiker gegenseitig die Verantwortung zu - und wurden von einer jungen Syrerin blamiert.

Talkrunde: Bei Günther Jauch war diesmal Flüchtlingspolitik das Thema
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Talkrunde: Bei Günther Jauch war diesmal Flüchtlingspolitik das Thema


Es ist ein Elend mit der Flüchtlingspolitik. Dass es nun auch noch Anlass gibt, im Titel einer Talkshow zu diesem Thema den Begriff "Folter-Skandal" zu verwenden, illustriert das ganze Ausmaß - als wäre nicht ohnehin schlimm genug, was hierzulande und anderswo in Europa vielfach Menschen widerfährt, die nur ihr nacktes Leben vor Krieg und Mord zu retten versuchen.

Insofern knüpfte Günther Jauch jetzt folgerichtig an seine vorige Sendung über den islamistischen Terror an. Doch genau dieser wichtige Zusammenhang drohte immer wieder unterzugehen vor lauter bürokratisch-föderalistischer Rhetorik, die in erster Linie eins deutlich werden ließ: dass Flüchtlinge für die Politik angeblich eine "große Herausforderung" sind.

Wie erschreckend sich daran bereits in elementarster Hinsicht scheitern lässt, zeigen die Fälle von Misshandlungen und Schikanen in Flüchtlingsunterkünften durch dubioses Wachpersonal in Burbach und anderswo. Für die unhaltbaren Zustände bei der Unterbringung hatte ein früherer Security-Mann, der bei Jauch als eine Art Kronzeuge fungierte, nur einen Befund übrig: "Definitiv nicht menschenwürdig."

Traumatisierte treffen auf Ausgegrenzte

Grünen-Chef Cem Özdemir war an diesem Abend weitgehend allein für die erhellenden Momente zuständig und brachte das Drama dieser Konstellation auf den Punkt: Traumatisierte aus Kriegsländern treffen auf ihrerseits Ausgegrenzte in unterbezahlten Jobs, und das Ganze in Kommunen mit knappen Kassen.

Seine Kollegen vermittelten derweil auf durchaus anschauliche Weise einen Eindruck davon, weshalb die Flüchtlingspolitik so ist, wie sie ist. Pflichtschuldigst äußerte sich Ralf Jäger, der sozialdemokratische NRW-Innenminister, erst einmal "fassungslos" über die Vorfälle in Burbach, mochte aber aus der Tatsache, dass sie sich in seinem Verantwortungsbereich zutrugen, lediglich das Eingeständnis ableiten, dass man bisher "zu wenig hingeguckt" habe bei den Betreibern. Ansonsten sei er seiner Verantwortung ja schließlich durch die Offenlegung der Missstände gerecht geworden, und im übrigen müsse der Bund mehr für die Kommunen tun, damit sie des Flüchtlingsproblems Herr werden könnten.

Das fand nun Thomas Strobl, Vizechef der christlichen Kanzlerinnen-Partei, ganz und gar nicht. Befragt von Jauch, ob nicht der Föderalismus hier hintanstehen und bundesweite Standards für die Unterbringung gefunden werden müssten, fühlte sich Herr Strobl bemüßigt, die Strukturen eben jenes föderalen Systems zu beschreiben. Wie es konkret aussehen kann, ergab sich etwa aus dem Alltag von Michaela Vogelreuther, der Sozialamtschefin von Fürth, die die Umwidmung eines einstigen Möbelhauses in ein Flüchtlingsheim als "Notlösung und Glücksfall zugleich" bezeichnete - immerhin sei es dort nicht so eng.

Leibhaftige Blamage für die Flüchtlingspolitik

So wanderte denn die "große Herausforderung" munter hin und her, bis sie präsumptiv dann wieder einmal bei jenem Europa gelandet war, das sich bekanntlich abschottet und vor dessen Küsten die Flüchtlinge massenhaft ertrinken. Maya Alkhechen, eine junge Mutter aus Syrien, hat es mittels hoch bezahlter Schlepper aus den Trümmern nach Deutschland geschafft, wo sie einst aufwuchs, ihr aber das Medizinstudium verwehrt wurde. Mit ihrem Schicksal und ihrer Biografie konnte man sie durchaus als leibhaftige Blamage für eine allenfalls surreal existierende Flüchtlingspolitik empfinden.

Ob das auch Christdemokrat Strobl so sah, blieb allerdings zweifelhaft. Der gefiel sich darin, mit Rankings und Statistiken aufzuwarten, die allesamt dem Nachweis dienen sollten, wie gut Deutschland in puncto Flüchtlingsaufnahme dastehe und dass es sich hier "nicht zu verstecken braucht". Und damit auch wirklich deutlich rüberkam, dass die Herausforderung nicht zu groß werden darf, legte er noch mit einem Scholl-Latour-Zitat nach, dass man die Probleme der Welt nicht lösen könne, indem man "Kalkutta herholt", sprich alle Flüchtlinge reinlasse. Dass wir hier nicht das Sozialamt der Welt sind, hat er dann aber wenigstens doch nicht gesagt.

Und von "allen" Flüchtlingen kann sowieso kaum die Rede sein. Dem Grünen-Politiker Özdemir blieb letztlich vorbehalten, darauf hinzuweisen, wie es sich in Wahrheit mit den Menschen verhält, die Rettung vor dem Terror suchen: Die größten, millionenfachen Fluchtbewegungen finden innerhalb Syriens statt, gefolgt von jenen in die Nachbarländer; allein die Türkei hat binnen kurzer Zeit schon eine Million Flüchtlinge aufgenommen. Angesichts dieser Relationen bleibt die Frage, ob die Herausforderung für den reichen 80-Millionen-Staat Deutschland, 200.000 Notleidende menschenwürdig aufzunehmen, tatsächlich so groß ist.

Der teilweise trostlose, aber aufschlussreiche Abend bei Jauch könnte dazu beigetragen haben, die Zahl der Ausflüchte schrumpfen zu lassen.



insgesamt 121 Beiträge
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Seite 1
wiealle 06.10.2014
1. Es ist...
...eine Schande! Menschlich sowieso, aber auch volkswirtschaftlich. Wieso sind alle so blöd, das große Potenzial an Arbeits- und Kaufkraft mit geringem Durchschnittsalter nicht zu erkennen?
t.struppi 06.10.2014
2. Flüchtlings-Talk bei Jauch
So langsam reicht mir diese Art von Diskussionen. So erschütternd und menschenunwürdig diese Bilder auch sind. Letztlich dreht es sich doch in Deutschland nur um die Finanzierung irgendwelcher Leistungen. Im Falle der Flüchtlinge stellen sich die Verantwortlichen hin und behaupten, sie hätten es nicht gewusst obwohl sie verantwortlich sind für die Finanzierung. Der billigste bekommt den Zuschlag. Bundeswehr, Bildung, öffentliche Verwaltung, Polizei, Feuerwehr die Liste ließe sich noch mühelos erweitern. Wir "sparen" uns kaputt und wir das Volk schaut zu.
walu 06.10.2014
3. Trostlos, aber präsumptiv
Der Autor liegt mit seiner (fast) Generalkritik an den Sprechblasen produzierenden Etablierten überhaupt nicht falsch. Ziemlich doof sind nur seine eigenen Sprechblasen, wie z.B. die von der "christlichen Kanzlerinnen-Partei". So bleibt unterm Strich dann doch ein tendenziöses Geschmäckle.
bumminrum 06.10.2014
4. Millionen Menschen
sind weltweit auf der Flucht oder haben schlechte Lebensbedingungen. Diese alle hierher zu holen kann kein Konzept sein. Somit werden auch die letzten Länder komplett destabilisiert. Profitieren tuen nur die kriminellen Schleuserbanden. Die Zustände in den Flüchtlingsheimen oder die Toten im Mittelmeer sind nur Ausdruck dieser völlig gescheiterten Politik. Hilfe muss ausschließlich vor Ort erfolgen, die Grenzen müssen dicht sein!!!
ketzer2000 06.10.2014
5. Blamabel
Der Skandal der Politik ist, dass unterbezahlte Mitarbeiter von Privatfirmen beschäftigt werden, die sich an der Flüchtlingspolitik bereichern. Es gab in der Vergangenheit immer wieder Berichte in Magazinen wie Monitor, Report ... über Zustände in Asylbewerberheimen, die als Unterkunft untauglich sind. In letzter Konsequenz hat sich nichts geändert. Die Regierungen von Bund und Ländern sind nicht in der Lage brauchbare Konzepte zu entwickeln, um menschenwürdige Unterkünfte für Flüchtlinge und Asylsuchende bereitzustelle. Ursache sind m.E. die mittlerweile unsinnigen Sparprogramme, die öffensichtliche Lethargie in den Ministerien und die Inkompetenz von Ministern, die sich auf medienwirksame Auftritte zwecks Wiederwahl konzentrieren. Wir Bürger müssen uns in Zukunft darauf vorbereiten, dass wir am eigenen Leibe spüren - wir leben auf Verschleiß von Infrastruktur (Zustand von Autobahnen, Straßen Schulen, Nahverkehr, ...), Altersarmut durch geringfügige und schlecht bezahlte Beschäftigung und steigende Lasten durch eine unsinnige EU-Politik der Integration korrupter Staaten.
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