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IS-Talk bei Jauch: Und der Imam lächelt dazu

Foto: Paul Zinken/ dpa

Islam-Talk bei Jauch "Da helfen keine Lichterketten"

Gewalt im Namen Allahs - Günther Jauch lud zu einem heiklen ARD-Talk. Es kamen: ein humorvoller Konservativer, ein umstrittener Imam - und Heinz Buschkowsky, der seinen Blutdruck in den Griff zu bekommen versuchte.

Es ist in diesen Tagen schwer, über den Islam zu reden, ohne dabei die Bilder brutalen Mordens im Kopf zu haben - es sei denn, man ist der Imam Abdul Adhim Kamouss. Nein, ein Hassprediger ist er nicht, sondern, ganz im Gegenteil, ein Friedensprediger, doch das macht seinen Auftritt bei Günther Jauch nicht weniger irritierend.

Bürgermeister von Berlin-Neukölln zu sein ist gleichfalls schwer, doch irgendwann in dieser denkwürdigen Talkshow unter dem Titel "Gewalt in Allahs Namen - wie denken unsere Muslime?" wird der streiterprobte Heinz Buschkowsky bekennen, es gehe ihm jetzt vorrangig darum, seinen Blutdruck in den Griff zu kriegen. Und als dem CDU-Innenpolitiker Wolfgang Bosbach der Satz entfährt "Ich war noch nie Imam, ich war nur Messdiener", wird das die einzige halbwegs lustige Bemerkung des Abends bleiben.

Womit nicht gesagt sein soll, dass das Element des Frohsinns zu kurz kommt. Doch es ist eine sehr spezielle Art von Heiterkeit, in der sich der Imam gefällt, überaus wortreich und nicht unbedingt ansteckend. Über weite Strecken gerät das Ganze zu einem veritablen Solo, inspiriert von einem geradezu euphorischen Bemühen, den Islam als eine "wunderbare, warmherzige Religion" darzustellen, Tötungsverbot, Toleranz und Gleichberechtigung der Geschlechter selbstverständlich inklusive.

"Da helfen keine Lichterketten"

Dass Herr Kamouss auch regelmäßig in der berüchtigten Neuköllner Al-Nur-Moschee anzutreffen ist, die als Hort der Hasspredigten schlechthin gilt, erklärt sich seinem Bekunden zufolge dadurch, dass er eben alle zu erreichen versuche, Radikale wie Liberale, wobei seine Botschaft aber stets die des radikalen Friedens sei. Und was die mittlerweile grassierende Skepsis und die Vorurteile gegen den Islam "wegen all dieser Debatten" (gemeint ist die Empörung über IS und Co.) angehe, so habe er dagegen ein bewährtes Mittel, nämlich das Gespräch.

Doch so ganz scheint das in diesem Fall nicht zu fruchten. Ein paarmal sieht man in Großaufnahme das blasse Gesicht Buschkowskys, der sichtlich an sich halten muss, nicht nur, weil dies seine erste leibhaftige Begegnung mit einem Imam ist, noch dazu mit einem, der von den Behörden als Salafist eingestuft wird, selber aber bestreitet, einer zu sein. Und während die erkennbar größte Sorge des Herrn Kamouss darin besteht, dass die Islamophobie weiter zunehmen könnte, platzt Bosbach dann doch endlich der Kragen: "Darauf habe ich gewartet. Sie sind nicht in der Opferrolle!" Der Imam möge bitte einmal bedenken, wie es den Christen in der muslimischen Welt ergehe.

Der wackere Konservative ist es auch, der erfrischend energisch dafür sorgt, dass an einige eigentlich selbstverständliche Grundsätzlichkeiten erinnert wird, das Grundgesetz und den Rechtsstaat sowie gewisse Unvereinbarkeiten und die Grenzen der Toleranz betreffend. Die freiheitlich-demokratische Grundordnung könne nicht dulden, dass das Gesetz des Propheten über die Verfassung gestellt werde. Da gelte es dann notfalls, "klare Kante" zu zeigen, etwa im Umgang mit jenen reisenden Dschihadisten, die auch in Deutschland rekrutiert werden. Schließlich würden auch gegen Hooligans Reisesperren verhängt - warum also nicht gegen religiös motivierte Gewalttäter? Und gegen die Gräuel der islamistischen Terroristen in Nahost lasse sich nun mal nur mit Gewalt etwas ausrichten. "Da helfen keine Lichterketten."

Auch als Loser noch eine Chance haben

SPIEGEL-Redakteurin Özlem Gezer und TV-Journalist Stefan Buchen von "Panorama" haben sich mit jenen hierzulande beginnenden todbringenden Karrieren beschäftigt, die nicht so recht ins heile islamische Weltbild des Imams Kamouss passen wollen. "Psychisch labil und leicht zu beeindrucken" seien diese jungen, meist ungebildeten Männer - durch Macht, die Aussicht, auch als Loser noch eine Chance zu haben, und eben durch Prediger, sagt Buchen.

Gezer berichtet von regelrechten Wettbewerben darum, wer der bessere Muslim sei, und von Prozessen der Suche nach Gruppenzugehörigkeit, die sich oft ohne Wissen der Eltern vollzögen. Es sind Erklärungsversuche, wie sie inzwischen vielfach zu hören und zu lesen sind angesichts eines Phänomens, das zwar begrenzt sein mag, doch deshalb nicht weniger verstörend und beunruhigend anmutet für eine aufgeklärte Zivilgesellschaft. Muss man sich wundern, wenn eine Umfrage über die Einschätzung der Deutschen bezüglich des Islam, wie Jauch sie präsentiert, nicht gerade positiv ausfällt, auch wenn sie erwartungsgemäß dem Imam nicht gefällt? Huntingtons "Clash of Civilizations" zu zitieren, wie der "Panorama"-Mann es denn auch tut, liegt da nicht fern.

Bei aller sich selbst zugeschriebenen Lernfähigkeit ("Ich sage heute nicht mehr 'Ungläubige', sondern 'die anderen Mitmenschen'") und Dialogbereitschaft ist übrigens auch Abdul Adhim Kamouss schon an Grenzen seiner friedensstiftenden Wirkungsmacht gestoßen. Da gab es unter seinen Leuten einen Rapper, der ebenfalls eines Tages auszog, um das Töten zu lernen. Auf einem Video preist er den heiligen Krieg als "Event, der Spaß macht".

Nun ja, sagt der Imam mit bedauerndem Lächeln, der Mann sei für ihn leider nicht mehr zu erreichen gewesen.