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"Günther Jauch" zu Flüchtlingen: Schweigen statt Talken

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Jauch-Talk über Flüchtlingsdrama Als alle schwiegen

Wie soll Europa auf die Flüchtlingskatastrophen im Mittelmeer reagieren? - Darüber debattierten die Talkgäste bei Günther Jauch eine Stunde lang. Am Ende reichte weniger als eine Minute, um unsere moralische Pflicht greifbar zu machen.

700 ertrunkene Menschen sind keine Tragödie, sondern ein weiterer Akt in einem bereits laufenden Stück. Im Mittelmeer spielt sich eine permanente Katastrophe ab. Europa steht unter Verdacht, damit überfordert zu sein oder, mehr noch, die Toten wissentlich und willentlich in Kauf zu nehmen. "Das Flüchtlingsdrama: Was ist unsere Pflicht?", fragte Günther Jauch, und er fragte die Richtigen.

Schleuser waren keine im Studio, die über ihr Geschäftsmodell oder ihr Gewissen hätten Auskunft geben können. Aber da war Maya Alkhechen, die den Schleusern dankbar ist. Die Frau ist in Nordrhein-Westfalen aufgewachsen, hat dort das Abitur gemacht und musste dann zurück nach Syrien, bevor dort die Hölle losbrach.

Mit ihren Kindern auf dem Schoß floh sie in Todesangst mit dem Schiff von Ägypten nach Italien: "Sie wissen nicht, wie man sich fühlt, wenn man keine andere Wahl hat. Ich wusste, dass ich sterben könnte, so oder so. Da habe ich noch einen Hoffnungsschimmer gesehen. Und diesen Hoffnungsschimmer über das Mittelmeer wollen Sie auch noch schließen?"

Köppel warnt vor "muslimischen Massen"

Roger Köppel meinte durchaus, man müsse diesen "Todeskanal" mal richtig dichtmachen. Für den konservativen Schweizer Journalisten und neuerdings auch Politiker ist es "natürlich der Fall, dass Europa schuldig ist an diesen Todesfällen, um genauer zu sein: die politischen Eliten", weil sie die illegale Einwanderung nicht stoppten.

Mit Blick auf Syrien und "muslimische Massen" forderte Köppel reiche Länder wie Saudi-Arabien, Oman oder Kuwait auf, selbst mal einen Flüchtling aufzunehmen. Die müssten doch nicht alle nach Europa kommen, oder? Die Türkei, Jordanien oder den Libanon, die Millionen Flüchtlinge aufgenommen haben, erwähnte er nicht.

Neben dem scharfrichterlichen Köppel wirkte Ex-Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich (CSU), selbst Vertreter der politischen Elite, wie ein Vorstreiter der Willkommenskultur. Friedrich plädierte dafür, "die Probleme" vor Ort zu lösen. Es könne doch "nicht so weitergehen", dass Schleuser die Menschen aufs Meer hinauslockten. Außerdem sollte die "Integrationsfähigkeit" von Asylsuchenden in den Kommunen nicht überschätzt werden.

Worin er von einem pensionierten Maschinenbauer namens Christian Haase bestärkt wurde, der sich als Sprecher einer Bürgerinitiative aufopferungsvoll gegen die Erweiterung eines Heimes für 360 Flüchtlinge in Bautzen (40.000 Einwohner) engagiert und in der Sendung kaum zu Wort kam.

Die eigentliche ideologische Front verlief ohnehin zwischen Köppel und Heribert Prantl, der unter Verweis auf die gekürzte EU-Mission "Triton" kürzlich in der "Süddeutschen Zeitung" schrieb : "Diese Union tötet; sie tötet durch Unterlassung, durch unterlassene Hilfeleistung". Demnach locken nicht Schleuser, sondern zwingt die Europäische Union die Menschen auf Schiffe - weil alle Landesgrenzen dicht sind. Rettung und Aufnahme sei ein Gebot der Christlichkeit oder wenigstens Menschlichkeit.

Köppel ließ dies nicht gelten. Er verwies auf die "Armutsmigration", der "unter dem Titel des Asylrechts" Vorschub geleistet würde und argumentierte gewitzt, gerade aus humanitären Gründen müsste den Wirtschaftsflüchtlingen ein Riegel vorgeschoben werden. Übrigens würden diese Leute, sofern es dort wieder lebenswert sei, in ihren Heimatländern dringend gebraucht, nicht wahr?

"Sie wollen kein besseres Leben", steuerte Prantl gegen, "sie wollen überleben!" Köppel ließ sich nicht von Kurs abbringen: "Das ist richtig, aber wir haben eine Rechtsordnung!" Außerdem sei im Grunde Prantl als führender Journalist verantwortungslos, wo nicht sogar persönlich verantwortlich für das Elend, indem er mit seinen Kommentaren lockende "Anreize" an Ausreisewillige sende.

Asyl sei, so die Rechtsordnung, reserviert für an Leib und Leben gefährdete Menschen, und das könne ein Prantl "nicht einfach ausweiten" auf Leute, die in Europa mehr Geld verdienen wollten: "Sie sind ein wohlhabender Mann", erklärte Köppel dem verdutzten Kollegen: "Dann müssen Sie in München Flüchtlinge bei sich zuhause aufnehmen!"

"Eine Minute Zeit, um dieser Menschen zu gedenken"

Angesichts dieser rhetorischen Meisterleistung blieb Prantl nur noch die argumentative Frontbegradigung. Aber ja doch, wir in Europa müssten unseren Reichtum teilen lernen, warum nicht? Köppel aber, einmal im Fahrt und seinen kommenden Wahlkampf im Sinn, wies auf weitere Gefahren hin. Was beispielsweise, "wenn aus Syrien vielleicht auch IS-Leute eingeschleust werden?" Prantl müde: "Herr Köppel. Ich bitte Sie".

Günther Jauch ließ die Streithähne weitgehend machen, so geht Debatte in Deutschland. Zuletzt stellte der Moderator noch Harald Höppner vor. Der Mann aus Brandenburg hat ein Schiff gekauft. Und fährt nun einfach los, Leute retten. Jauch wollte von Höppner wissen, was diese lustige Idee mit dem Mauerfall zu tun habe und ob sein Fischerboot überhaupt hochseetauglich sei. Höppner wehrte beide Fragen resolut ab: "Das ist jetzt nicht die Frage".

Er wolle eben einfach "die Menschen retten und zeigen, was man machen kann. Da gibt es nichts zu diskutieren", sprach's, stand auf und forderte eine Gedenkminute für die Opfer der aktuellen Katastrophe. Dazu sollten alle Gäste und auch das Publikum aufstehen, jetzt. Jauch zaghaft: "Herr Höppner …" - "Nein!", wehrte Höppner ein drittes Mal ab: "Deutschland sollte eine Minute Zeit haben, um dieser Menschen zu gedenken. Jetzt. Bitte."

Und dann standen alle, wirklich alle, und schwiegen. Sogar Roger Köppel. Für die Dauer fast einer ganzen dieser sehr teuren Sendeminuten war sie plötzlich greifbar, die moralische Pflicht.

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