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Jauch-Talk: Was heißt "in den besten Jahren", bitte?

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TV-Talk über Social Freezing Fehlanzeige bei Onkel Jauch

Dürfen Unternehmen Frauen in die Familienplanung reinreden? Das Thema Social Freezing hätte bei Günther Jauch eine vielschichtige Debatte ergeben können. Doch der Moderator war so überfordert, dass ihn eine kluge Frau retten musste.

Dass an diesem Talkshow-Abend etwas gründlich schieflief, war spätestens klar, als aus Moderator Günther Jauch die Frage herausbrach, die ihn anscheinend am brennendsten interessierte: "Was passiert eigentlich, wenn der Strom ausfällt?" Thema der Sendung waren die Pläne der IT-Unternehmen Apple und Facebook, Arbeitnehmerinnen auf Wunsch die Kosten für das Einfrieren von Eizellen abzunehmen. Eigentlich ein ideales Thema für eine Talkshow, da es sich gleich auf mehreren Ebenen - von der emotionalen bis zur politischen - diskutieren lässt: Was bedeutet das sogenannte Social Freezing für die einzelne Frau? Was für ihre Beziehung? Und was für die Gesellschaft?

Günther Jauch und seine Redaktion waren aber leider halb zu unterbelichtet, halb zu reaktionär, um die Vielschichtigkeit ihres Themas in eine lebendige Debatte zu überführen. Social Freezing sollte hier eine Stunde lang als individuelle Herausforderung für Frauen diskutiert werden, weshalb sich zwar zwei Frauen, die sich für das Einfrieren ihrer Eizellen entschlossen hatten, in der Runde befanden, aber kein Familienpolitiker, der Maßnahmen zur besseren Vereinbarkeit von Beruf und Familie hätte einklagen können.

Als Entscheidung einer einzelnen Frau in einer spezifischen Situation verstanden, lässt sich Social Freezing jedoch nur schwer diskutieren, geschweige denn skandalisieren - denn wer würde heutzutage einer Frau schon ins Gesicht sagen, dass sowohl ihre Karriere- als auch ihre Familienplanung leider eine Katastrophe sind?

Entsprechend unkontrovers ging es dann auch die meiste Zeit der Sendung zu. Staunend wie ein schrulliger Onkel, der kurz aus seinem Hobbykeller herausgekommen ist, um den Kopf darüber zu schütteln, was sich junge Frauen jetzt schon wieder Verrücktes ausgedacht haben, lauschte Jauch den Berichten von Sharon Berkal, einer 37-jährigen Regisseurin, die sich bereits zwei Mal Eizellen hatte einfrieren lassen. Offen, ohne peinlich intim zu werden erzählte Berkal, dass sie zwar einen liebenden Partner hat, sich aber noch nicht bereit für ein Kind fühlt.

Kollege Yogeshwar steuert den Gruselfaktor bei

Ähnliches berichtete auch die Spezialistin für Arbeitsrecht Petra Dalhoff, die sich erst mit 40 Jahren bereit für ein Kind empfand. Was für ein gewandeltes Verständnis von Erwachsensein dahintersteckt, hätte man gut nachhaken können. Ob wir nicht gesamtgesellschaftlich der totalen Individualisierung verfallen sind, die jeden Schritt der Lebensplanung als emanzipierte Auswahl aus tausend Optionen begreift? Natürlich Fehlanzeige bei Onkel Jauch.

Stattdessen ließ er ARD-Moderationskollegen Ranga Yogeshwar lieber den Gruselfaktor beisteuern. Der Wissenschaftsjournalist und Vater von vier Kindern, wie mehrfach seine Kompetenz beschrieben wurde, beschwor immer wieder das Unnatürliche und Ungewisse des Eingriffs. Gesunde Frauen würden durch Social-Freezing-Angebote pathologisiert, außerdem müsse man auf chemische Zusätze bei der Vorbereitung und Durchführung des Eingriffs achten - hach, überhaupt würde hier ein unappetitliches Geschäft mit dem Privatesten, das wir haben, betrieben.

Dass sich Yogeshwar damit in gefährlicher Nähe zu Positionen von Sibylle Lewitscharoff und ihrem Ekel vor künstlich gezeugten Kindern befand, mussten ihm wieder die klugen Frauen in der Runde klarmachen. Jauchs anschließende Frage an Berkal war dagegen, ob ihr bewusst gewesen sei, dass das Einfrieren von Eizellen keine hundertprozentige Garantie für ein gesundes Kind sei. Nüchtern antwortete Berkal, dass sie sich - wie wohl die große Mehrheit der Frauen - vor dem Eingriff gut informiert hatte. Jauch schien davon verblüfft zu sein.

Das eigene Thema nicht durchstiegen

Und so blieb es an der tollen Elisabeth Niejahr, die Runde durch das Anmahnen der politischen Dimension des Themas auf Niveau zu halten. Die Wirtschaftsjournalistin der "Zeit", die selber Eizellen hatte einfrieren lassen, ihr Kind dann aber auf natürlichem Wege bekommen hatte, gelang der Wechsel zwischen diesen privaten Einblicken und deren gesamtgesellschaftlichen Implikationen mühelos. Was für die einzelne Frau ein Freiheitsgewinn sein könnte, würde in größerem Maßstab noch mehr Verantwortung für die Familienplanung weg vom Mann hin zur Frau verschieben, so Niejahr. Wenn sich wirklich etwas ändern sollte, müsste jedoch das Gegenteil eintreten, nämlich dass Männer Familie deutlich mehr als ihr Thema begreifen.

Ein echter Punktsieg gelang Niejahr zudem, als sie auf die sexistischen Formulierungen, die in der Debatte um Social Freezing häufig benutzt werden, hinwies. Immer wieder würden Moderatoren davon sprechen, dass Frauen "in ihren besten Jahren" davon abgebracht würden, Kinder zu bekommen. Was das denn genau heiße - dass es mit Frauen jenseits der Gebärfähigkeit bergab gehe?

Günther Jauch fühlte sich von dieser Kritik zu Recht getroffen und schwurbelte etwas davon, dass er damit den medizinisch besten Zeitrahmen für die natürliche Empfängnis gemeint hätte. Doch als Niejahr Yogeshwar attackierte und fragte, ob er als Mann sich denn jenseits des vermeintlich natürlichen Zeugungsalters als minderwertig empfinde, verbat sich Jauch diese Frage - das wäre jetzt zu persönlich.

Passend für einen Moderator, der sein eigenes Thema nicht durchstiegen hatte, bedankte sich Jauch am Ende der Sendung denn auch bei Berkal und Niejahr besonders für ihre persönlichen Einblicke. Dabei hätte er ihnen besser für das bisschen Politik, das dieser Polit-Talk hinkriegte, danken sollen.