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Jauch-Talk über Fifa und Blatter: Roth aufgeregt, Reif unvorbereitet

Foto: Paul Zinken/ dpa

Jauch-Talk über den Fifa-Skandal Ein laufendes Verfahren

Noch einmal Fifa, noch einmal die gesamte Empörungsmaschine: Die heiklen Punkte sparte Günther Jauch in seiner TV-Runde lieber aus - dass zum Beispiel ARD und ZDF fast eine halbe Milliarde Euro für die WMs in Russland und Katar ausgeben.

Jetzt also auch noch er. Das Problem, das der Talkshow-Moderator Günther Jauch in der öffentlichen Wahrnehmung zuweilen hat, hängt ja nicht immer und ausschließlich nur mit seiner Person zusammen. Manchmal ist es auch der unflexible Ausstrahlungstermin, der ihm zur Last fällt.

Zum Beispiel, wenn zum Thema Fifa und ihrem Chef Joseph Blatter seit dem vergangenen Mittwoch in der medialen Dauerschleife eigentlich schon alles gesagt worden ist, und diesmal auch von allen. Und der arme Jauch am späten Sonntagabend dann doch noch einmal versuchen muss, die Empörungsmaschine anzuwerfen.

So musste das ARD-Fernsehpublikum eben noch einmal durch die gesamte Mühle hindurch: Dass in der Fifa Korruption herrscht, ist zwar mittlerweile der allgemeinplatzigste Allgemeinplatz, der sich vorstellen lässt, aber solange der ewige Joseph Blatter Präsident dieses Weltverbandes ist, ist es ja auch in Ordnung, dass das immer wieder thematisiert wird.

Dass dies allerdings stets dann geschieht, wenn ein WM-Turnier möglichst weit entfernt ist, gehört ebenso zu den Regelmäßigkeiten. Wahrscheinlich wäre es zu viel verlangt, eine ARD-Talkshow über Fifa-Korruption und WM-Boykottpläne mitten in die Schland-Begeisterung hinein als Vorprogramm zum WM-Finale am 13. Juli des Vorjahres in Brasilien anzusetzen, aber das wäre wirklich mal ein mutiges Zeichen gewesen.

So drehte sich am Sonntag wieder alles um die sattsam bekannten risikoarmen Fragen: Was wusste Blatter? Ist er verantwortlich? Warum gibt es keine vernünftige Opposition? Fragen, die vor allem der stellvertretende Fifa-Kommunikationsdirektor Alexander Koch hätte beantworten müssen. Dafür jedoch war Koch entweder ein zu kleines Licht in der Fifa-Administration, oder ihm fehlte schlicht das Format.

Sein Schweizer Chef Walter De Gregorio, ein ebenso alerter wie gewiefter Schönredner, hatte Jauch als Gast kurzfristig abgesagt, so musste der Deutsche Koch den Platzhalter des Blatter-Verteidigers geben. Und dazu hätte es eines anderen Kalibers bedurft. So erschöpfte er seine Argumentation in dem lahmen Hinweis, die Fifa sei ja "so organisiert wie die Vereinten Nationen", dort könne man ja auch nicht für jedes Mitglied die Hand ins Feuer legen, "da sind ja auch Länder wie Nordkorea dabei".

Tognoni hat den Beruf des Fifa-Kritikers geschaffen

So blieb es den beiden Fachleuten in der Runde vorbehalten, die richtigen Fragen zu stellen und sie teilweise auch noch zu beantworten. Guido Tognoni war einst Blatters Marketingchef, hat es mittlerweile geschafft, für sich das Berufsbild des Fifa-Kritikers zu erfinden und ist daher derzeit der gefragteste Mann überhaupt.

Er erinnerte an die Bestechungsvorgänge, die es schon 1998 rund um Blatters erste Präsidentenwahl gab, und er brachte, sekundiert von ARD-Fifa-Reporter Florian Bauer, die Zahlung von zehn Millionen US-Dollar im Umfeld der südafrikanischen WM-Bewerbung ins Gespräch - beides Vorgänge, die Koch mehr oder weniger ins argumentative Stottern brachten. Es handele sich bei der Zehn-Millionen-Dollar-Zahlung "um ein laufendes Verfahren", wich er aus. Den Hinweis auf ein laufendes Verfahren - das haben Pressesprecher schließlich gelernt, wenn sie keine Antwort geben wollen.

Da aber nicht nur Kompetenz, sondern auch Prominenz in eine solche Runde gehört, hatte die Jauch-Redaktion auch Grünen-Politikerin Claudia Roth eingeladen, die ihre fußballerische Sachkunde unter anderem daraus zieht, dass sie einmal gemeinsam mit Uli Hoeneß zu einem Grillfest bei Manfred "Reporterlegende" Breuckmann geladen war, ein Nachmittag, der anschließend zu einem Buchprojekt verwurstet wurde. Roth mit ihrem bewährten Aufregungsgestus - "In Katar, das ist eine gekaufte WM, ich werde 2022 stattdessen auf den Weihnachtsmarkt gehen und Glühwein trinken" - erfüllte ihre folkloristische Rolle immerhin ebenso wie Sky-Chefreporter Marcel Reif, der den kritischen Geist zu geben hatte.

Reif ist ein kluger Mensch, er lebt zudem in der Schweiz, der Heimat der Fifa, aber die Sportpolitik ist nicht unbedingt seine Domäne. Dass er nicht wusste, dass die Fifa schon vor Jahren ihre Kriterien für WM-Vergaben verändert hat, spricht nicht gerade für eine perfekte Vorbereitung auf die Sendung.

Jauch malte das Bild des alleinigen Bösewichts Blatter

Und dann war da noch der Gesprächsleiter, der frühere Sportstudio-Moderator Jauch, der sich redlich an den Vorwürfen gegen Blatter abarbeitete, aber die heiklen Themen bestenfalls anriss. Blatter ist nun einmal so eine Art Claus Weselsky des Weltfußballs. Jeder haut drauf auf den Bösewicht, Blatter tut ja auch alles dafür, das ist ein leichtes Geschäft, da konnte auch Jauch problemlos mittun.

Aber wenn Bauer hervorhebt, dass "man von Glück sagen kann, dass die ARD Geld in die Hand nimmt, um kritisch über die Fifa und Katar zu berichten", dann hätte man sich über einen Einwurf gefreut, dass es dieselbe ARD ist, die gemeinsam mit dem ZDF 218 Millionen Euro für die WM in Russland ausgibt und 214 Millionen Euro für die WM in Katar. Und damit mithilft, das System Fifa grundlegend zu stützen.

Ebenso kein Wort darüber, dass die Bundeskanzlerin Blatter das Bundesverdienstkreuz umgehängt hat, dass die Sommermärchen-WM 2006 auch durch dubiose Umstände an Deutschland vergeben wurde, dass Roth 2011, als die Frauen-WM nach Deutschland gegangen war, voller Lob für den Ausrichter Fifa war. Lieber nicht.

Am Montag übernimmt dann Frank Plasberg. Thema: "Wie schmutzig ist unser Fußball?" Eine Antwort darauf wird es wahrscheinlich auch hier nicht geben. Es ist ein laufendes Verfahren.