Gurlitt-Talk bei Jauch Ali Baba und die tausend Bilder

Versagen der Politik, fragwürdiges Auftreten der Justiz: An solchen Aspekten arbeitete sich Günther Jauchs Talkrunde über den Kunstfund von München ab. Dass der Fall Gurlitt zwar speziell, aber sicher kein Einzelphänomen ist - darin waren sich die Teilnehmer einig.

Talk-Moderator Günther Jauch (Archiv): "Spannender als jeder Krimi"
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Talk-Moderator Günther Jauch (Archiv): "Spannender als jeder Krimi"


Hamburg - Erst der "Tatort" - dann der Talk zum Fall Gurlitt: Für Günther Jauch schien es da wohl naheliegend, erst mal im Genre zu bleiben. Folgerichtig hieß es im Trailer zu seiner Sendung, die Story vom sensationellen Münchner Kunstfund sei "spannender als jeder Krimi".

Das ist sie in der Tat, doch sie ist eben auch noch sehr viel mehr. In den Abgründen der deutschen Historie nahm diese nach wie vor unglaubliche Geschichte ihren Anfang, und ein Ende hat sie noch immer nicht, schon gar keine Auflösung. Und so wurde es keine der üblichen Talkshows, die vom Streit leben, sondern eher eine Stunde des Forschens und Suchens. Dass das immer noch notwendig ist, blieb als bedrückende Quintessenz. Die Folgen des Nationalsozialismus sind eben alles andere als aufgearbeitet.

Dies ins Bewusstsein gerückt zu haben, war das Verdienst der Sendung, bei der man sich allerdings gelegentlich fragen durfte, ob ihr Zuschauer ohne große Detailkenntnisse durchweg folgen können. Es waren Experten geladen, kluge Köpfe, die zu dem komplexen Thema Erhellendes zu sagen hatten. Gleichzeitig waren sie bemüht, die Bedeutung dieses unvollendeten Kapitels sichtbar werden zu lassen, das auch vom Versagen der Politik erzählt - denn die schenkte ihm über Jahrzehnte hinweg nicht die angemessene Beachtung. Und aktuell ging es natürlich auch um das fragwürdige Agieren der bayerischen Justiz.

Glauben an eine vernünftige Verwaltung geraubt

"Sehr verdrossen, sehr erstaunt" sei er gewesen, als er gehört habe, was da zwei Jahre unter der Decke gehalten wurde, bekannte der Publizist und frühere Kulturstaatsminister Michael Naumann. Peter Raue, Rechtsanwalt und Kunstliebhaber, sprach von "Zynismus, einem Skandal", der einem den Glauben an eine vernünftige Verwaltung raube.

Doch man war sich auch einig, dass der Fall des Cornelius Gurlitt zwar ein sehr spezieller ist, aber kein Einzelphänomen. Vielmehr hänge "Diebesgut in vielen deutschen Wohnstuben über den Sofas" - und nicht nur dort, sondern vor allem in den Depots der Museen. Kunstfachmann Stefan Koldehoff vom Deutschlandfunk fand lediglich die Menge und den Zeitpunkt des Münchner Fundes ungewöhnlich. Er meinte überdies, man solle sich weniger mit der Person des Sonderlings beschäftigen, dieses "Ali Baba in seiner Höhle mit seinem Schatz", wie Naumann ihn nannte.

Damit indes stand er ziemlich allein. Denn die Aufmerksamkeit, die sich auf Gurlitt richtet, hat ihre Gründe - der Sache nach, aber auch angesichts der Beschaffenheit dieses Menschen, der schier aus einer anderen Welt zu stammen scheint. Als "wie aus der Zeit gefallen" beschrieb ihn Özlem Gezer vom SPIEGEL, die als vorerst einzige Journalistin ein ausführliches Gespräch mit ihm geführt und ihn mehrere Tage begleitet hatte. Ihre Schilderungen muteten an wie eine kaum zu glaubende Geschichte innerhalb dieses schwer fassbaren Stücks Zeithistorie.

Wer weiß schon, was wirklich verloren ging?

Einfach oder eindeutig ist fast nichts an diesem Thema. Um unrechtmäßige Aneignung geht es, um Raub, unklare Besitzverhältnisse, Verjährung, Erben, Ansprüche, Herkunft und Restitution. Wer weiß schon, was wirklich verloren ging, was alles noch wiedergefunden werden könnte? Es wirkte bezeichnend, wie Nana Dix, als sie mit einem Bild ihre Großvaters aus dem Gurlitt-Bestand konfrontiert wurde, einräumen musste, dass sie es gar nicht kannte.

Umso deutlicher wurde allerdings, dass die Umstände, unter denen all die Fragen nun verhandelt werden müssen, dringend einer rechtlichen Regelung bedürfen. Ein Restitutionsgesetz muss her, etwa nach dem Beispiel Österreichs. Einhellig war man der Auffassung, dass die moralische Selbstverpflichtung, wie sie in der sogenannten Washingtoner Erklärung von 1998 eingearbeitet wurde, endlich in juristisch bindende Abmachungen überführt werden müsse.

Mit einigem Sarkasmus beklagte Ex-Minister Naumann "unseren schönen Kulturföderalismus", der sich bislang immer wieder als Hindernis erwiesen habe. Aber die Rede kam dann auch noch auf einen anderen Faktor, der beim Umgang mit Nazi-Raubkunst wohl nicht selten mit im Spiel ist, soweit sie sich in den Kellern von Museen befindet. Moderator Jauch war es, der diesen Aspekt zur Sprache brachte, indem er eine provokante Frage stellte: Ob es denn nicht manchmal eine ganz gewisse Reaktion auf Rückgabebegehren gebe - nach dem Motto: "Sie rufen Holocaust und meinen Geld."

Ja, es herrsche eine verbreitete Schlussstrichmentalität, sagte Kunstexperte Koldehoff, und nicht nur das. "Wenn Sie hören würden, was Museumsleiter oft so reden - Sie würden sich schämen."



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renap 25.11.2013
1. Unverantwortliche Ignoranz
Ungeheuerlich und unverschämt, daß solche Raubbilder, wenn keine Erben gefunden wurden, in deutschen Ministerien aufgehängt wurden und zwar in solche ohne Publikumsverkehr. Vorbildlich: Österreich liess und lässt diese, b.z.w. die Erlöse daraus den Israelis für soziale Zwecke zukommen. Gerade die Deutschen, die vieles wiedergutmachen müssen. Man denkt daran, daß solche Politiker mit derartigen Entscheidungen unsere Geschicke lenken. Kein Wunder, daß viele soziale Defizite bei uns unbeachtet bleiben, von Beginn an nicht konstruktiv behandelt werden, dann zu spät noch immer nicht das Richtige getan wird. Die Sendung fand ich hochinteressant, sehr aufschlussreich und verständlich. Wenn ich als Bürger das alles verstehe, schon zuvor mir eine gewisse solche Logik zusammenbastelte, dann müssten Verantwortliche, die sich damit beschäftigen sehr gute verantwortliche Lösungen schon lange und gleich gefunden haben, wie mit derartigen Raubwaren umgegangen werden muss.
jujo 25.11.2013
2. ...
Zitat von sysopAFPVersagen der Politik, fragwürdiges Auftreten der Justiz: An solchen Aspekten arbeitete sich Günther Jauchs Talkrunde über den Kunstfund von München ab. Dass der Fall Gurlitt ist zwar speziell, aber sicher kein Einzelphänomen ist - darin waren sich die Teilnehmer einig. http://www.spiegel.de/kultur/tv/gurlitt-talk-bei-jauch-tv-diskussion-um-muenchner-kunstfund-a-935411.html
Es wurde auch der juristische Begriff "ersessen" genannt, man war der Meinung, das damit gemeint ist, das man nur etwas lange genug im Besitz haben muss ( auch wenn es gestohlen wurde ) um es dann nicht mehr zurückgeben zu müssen. Ich denke so ist das falsch! "Ersitzen" kann ich nur etwas wenn mir jemand etwas freiwillig (!) überlässt, es lange Zeit nicht zurückverlangt, dann hat er seine Rechte aufgegeben und ich habe den Gegenstand dann "ersessen"!
jamon 25.11.2013
3. ...
Zitat von sysopAFPVersagen der Politik, fragwürdiges Auftreten der Justiz: An solchen Aspekten arbeitete sich Günther Jauchs Talkrunde über den Kunstfund von München ab. Dass der Fall Gurlitt ist zwar speziell, aber sicher kein Einzelphänomen ist - darin waren sich die Teilnehmer einig. http://www.spiegel.de/kultur/tv/gurlitt-talk-bei-jauch-tv-diskussion-um-muenchner-kunstfund-a-935411.html
bei diesem tamtam bekommt das gefühl, hier gehe es um menschenleben. es sind nur bilder......wertvoll ok, doch es sind und bleiben schlicht und einfach bilder! keine menschen....
kritischer-spiegelleser 25.11.2013
4. Die Bilder gehören Gurlitt
so lange, bis jemand berechtigtes Interesse vorweisen kann. Und die Justiz hat hier nichts einzuziehen und zu verteilen. Klar, dass an solchem Wert ein grosses Interesse besteht und es viele gibt. sie sich gerne eine Scheibe davon abschneiden würden!
c++ 25.11.2013
5.
Zitat von jujoEs wurde auch der juristische Begriff "ersessen" genannt, man war der Meinung, das damit gemeint ist, das man nur etwas lange genug im Besitz haben muss ( auch wenn es gestohlen wurde ) um es dann nicht mehr zurückgeben zu müssen. Ich denke so ist das falsch! "Ersitzen" kann ich nur etwas wenn mir jemand etwas freiwillig (!) überlässt, es lange Zeit nicht zurückverlangt, dann hat er seine Rechte aufgegeben und ich habe den Gegenstand dann "ersessen"!
Haben Sie mal eine Verlinkung für die These, dass für abhanden gekommene Sachen keine Verjährung gilt. Wenn das so wäre, müsste der bayerische Justizminister nicht mit seinem mehr als anrüchigen und rein populistischen Vorschlag kommen, mit einem neuen Gesetz rückwirkend die Verjährung aufzuheben.
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