Guttenberg-Talk bei Illner Affäre im Abklingbecken

Der Doktortitel ist weg, der Ministerjob nicht - was jetzt, Herr Guttenberg? Weil auch die Gegner des Copy-und-Paste-Politikers bei Maybrit Illner kaum neue Argumente vortragen konnten, scheint die Sache ausdiskutiert. Doch die wichtigen Fragen hat immer noch niemand beantwortet.

Maybrit Illner, "Bild"-Journalist Blome: Dramaturgie einer Selbstdemontage in Etappen
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Maybrit Illner, "Bild"-Journalist Blome: Dramaturgie einer Selbstdemontage in Etappen


Glaubwürdigkeit ist das Wort der Woche. Darum geht es schließlich in dieser Debatte. Die Diskussionen laufen zum Beispiel so: Wenn man als Ex-Playmate eine Nonne spielt, dann kann man sich nicht einfach in eine Kutte wickeln, sondern muss die "innere Haltung einer Nonne" rüberbringen, sonst ist man als Nonne nicht mehr glaubwürdig und…

Stopp! Richtiger Sender, falsche Show. Die Sache mit der Nonne wurde in Markus Lanz' Plauderverein besprochen, der im Anschluss an Maybrit Illners Talkrunde im Zweiten läuft. Dschungelcamp-Beauty Indira Weis referierte dort über die Mühen der Vorbereitung auf eine TV-Rolle. Lanz schaffte es irgendwie, die Causa Guttenberg selbst in dieser Sendung unterzubringen.

Da kommt man schnell durcheinander. Denn seit dem 16. Februar, dem Tag der ersten Plagiatsvorwürfe, gilt: Kein Gute-Nacht-Talk ohne Guttenberg! Bei Will, Maischberger, Plasberg, und am Donnerstag nun auch bei Illner ("Zu Guttenberg und die zweite Chance") wurde über die Affäre um des Verteidigungsministers Copy-and-Paste-Dissertation debattiert. Abend für Abend dokumentierten die TV-Treffen die Dramaturgie einer Selbstdemontage in Etappen, mit wechselnder Besetzung und sich wiederholenden Argumenten.

Welche Phase ist jetzt erreicht? Nimmt man die Illner-Runde als Stimmungsbild, ist für den Verteidigungsminister das Schlimmste überstanden. Der Sturm zieht weiter. Alles scheint ausdiskutiert. Dabei sind die wichtigen Fragen noch immer unbeantwortet.

Noch poltern die "Rücktritt!"-Rufenden, auch bei Illner. Michel Friedman, der mit dem CSU-Politiker zwar die Frisur teilt, ihn aber ansonsten für "politisch untragbar" hält, schimpft über Guttenbergs zögerliches Eingeständnis: "Direkt am Anfang die Hosen runter", das hätte des Ministers Glaubwürdigkeit vielleicht gerettet.

Die "taz"-Journalistin Bettina Gaus sagt, sie habe "wirklich versucht, nachzuvollziehen", wie man schon in der Einleitung einer Doktorarbeit kopieren könne. "Es ist mir nicht gelungen." Guttenberg müsse zurücktreten, er könne es auch jetzt noch. Jegliches Vertrauen für politische Überzeugungsarbeit im Parlament sei ohnehin verspielt.

Gab es wirklich keinen Ghostwriter?

Den Guttenberg-Befürwortern bleibt angesichts von Plagiatsspuren auf mindestens 270 Seiten der Doktorarbeit kaum mehr übrig, als um Nachsicht zu bitten. CDU-Innenpolitiker Wolfgang Bosbach mahnt, Guttenberg habe eine zweite Chance verdient. Niemandem täte die Affäre mehr leid als dem Minister selbst. Dann das Totschlagargument: "Die meisten Bürger wollen, dass er bleibt." Die Politik hätte "ein viel größeres Problem, wenn wir ihn nicht stützten. Die Menschen erwarten von uns, dass wir solidarisch sind."

"Bild"-Hauptstadtchef Nikolaus Blome folgt einer ähnlichen Logik - Guttenberg würde bei einem Rücktritt mehr Schaden anrichten als wenn er im Amt bliebe. "Er ist ein guter Minister." Die "Glaubwürdigkeitsproblematik" werde nicht seine Arbeit überschatten.

Vielleicht nicht sofort. Doch die Universität in Bayreuth prüft einen möglichen Vorsatz der Täuschung. Auch der Vorwurf des Amtsmissbrauchs steht nach wie vor im Raum. Zudem liegt gegen Guttenberg eine Strafanzeige wegen möglicher Verstöße gegen das Urheberrecht vor.

Die Kernfragen können auch bei der x-ten Talkrunde zum Thema nicht geklärt werden. Hat Guttenberg mit voller Absicht abgekupfert, Quellen bewusst verschleiert? Gab es wirklich keinen Ghostwriter? Und - ein Einwurf von Bettina Gaus - wie erklärt Angela Merkel eigentlich ihrem Mann, einem Chemieprofessor, "dass sie die Wissenschaft in die Tonne getreten" hat?

"Diese Sache wird ihn einholen"

Blome will aus der Fehlbarkeit des Ministers gar eine Abschreckfunktion ableiten. Kein Plagiator könne sich in Zukunft sicher fühlen, man sei nun sensibilisiert. Öffentlich seine Fehler zuzugeben, sagt Bosbach, das stünde den meisten Politikern gut. Außerdem könne man sich langsam anderen Problemen im Land zuwenden.

Journalistin Gaus ist sich sicher: "Diese Sache wird ihn irgendwann einholen." Auch Friedman meint: "Guttenberg muss nicht zurücktreten, weil er noch gehalten wird. Aber dieser Schutz kann schnell zusammenfallen." Unionspolitiker Bosbach bescheinigt Guttenberg die Fähigkeit zu "Fleiß, Bodenständigkeit, Kompetenz", die es in den kommenden Monaten und Jahren zu beweisen gelte. Die Aufregung werde verblassen, zu einer diffusen "Da-war-doch-mal-was-mit-Fußnoten"-Erinnerung.

Könnte Bosbach Recht behalten? Bei Illner wird vorsichtig der Sack zugemacht, Markus Lanz ist schon einen Schritt weiter: Er demonstriert die Kür des Debatten-Recyclings und lässt ehemals heiße Kontroversen als lauwarmes Talkrundengebräu wieder auferstehen. Thilo Sarrazin sitzt im Studio, einst schockierte er mit kruden Migranten-Thesen, nun nickt er Indira zu. Auch der Dschungelcamp-Diskurs und die gute alte Castingshow-Debatte werden wiederbelebt. Zwischendurch Kalauer. Ob beim Anmoderieren "nicht die Fußnote vergessen" wurde, und ja, Hellmuth Karasek habe einen echten Doktor, "keinen gefälschten."

Wird das alles sein, was von der Plagiatsaffäre übrig bleibt? Bitte nicht!

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paretooptimal 25.02.2011
1. Dafür gibt es kein Abklingbecken!
Der Fall Guttenberg ist noch nicht ausgestanden. Wenn man in der Talkrunde dem Bosbach (CDU) genau zuhörte, war zu merken, wie auch er an der Redlichkeit von Guttenberg zweifelt. Der, der den klarsten Blick in dieser Runde hatte, war Friedmann. Etwas mehr hätte ich mir von Prof. Lenzen erhofft, der in seinen Antworten doch etwas vorsichtig war. Es wird jetzt auf alle Fälle alles daran gesetzt, Guttenberg vorsätzliche Täuschung nachzuweisen, was nicht schwer ist, wenn jemand Zitate ändert, aber dann die Quellenangabe unterschlägt. Und vielleicht, was für Guttenberg erheblich schlimmer wäre, meldet sich doch ein Ghostwriter. Guttenberg ist nicht der große Macher in der Regierung. Es war "Denn das ist alles nur geklaut. Das ist alles gar nicht meine..."
tschili 25.02.2011
2. Post von Wagner!
Wie kann man sowas erbämliches, wie diese Glosse von BILD-Wagner stoppen. http://www.bild.de/BILD/news/standards/post-von-wagner/2011/02/25/post-von-wagner.html Hier werden deutsche Soldaten von Wagner instrumentalisiert. Guttenberg ist ein Betrüger. Auch die Universität Bayreuth bezichtigt Guttenberg mittlerweile des Betrugs. http://www.ftd.de/politik/deutschland/:copygate-affaere-bayreuther-professor-bezichtigt-guttenberg-des-betrugs/60017110.html Wagner und BILD schützen einen Betrüger, sowas ist erbämlich! Ich erinnere an Wagners Glosse aus 2009: http://www.bild.de/BILD/news/standards/post-von-wagner/2009/08/28/post-von-wagner.html Was für ein erbärmlicher Opportunist!
ABN 25.02.2011
3. Kunduz/Gorch Fock
Zitat von sysopDer Doktortitel ist weg, der Ministerjob nicht - was jetzt, Herr Guttenberg? Weil auch die Gegner des Copy-und-Paste-Politikers bei Maybrit Illner kaum neue Argumente vortragen konnten, scheint die Sache ausdiskutiert. Doch die wichtigen Fragen hat immer noch niemand beantwortet. http://www.spiegel.de/kultur/tv/0,1518,747626,00.html
Der eigentliche Punkt, der bisher auch von der Opposition immer nur am Rande gestreift wird, ist doch gar nicht das Plagiat als solches, sondern sein Umgang damit: Am Anfang erklaert er alles fuer abstrus, dann gesteht er Fehler ein, dann gibt er den Titel zurueck. Dabei gibt es nur 2 Moeglichkeiten: entweder er hatte einen Ghostwriter oder er hat die Arbeit selbst zusammenkopiert. In jedem Fall hat er aber gelogen, als er die Vorwuerfe als abstrus bezeichnet hat. Er wusste ja, wie seine eigene Arbeit zustandegekommen ist. Und genau dies laesst doch die Affaere um die Luftangriffe in Kunduz und die Gorch Fock in voellig anderem Licht dastehen. Hat er dort handstreichartig die Karrieren von 3 Spitzensoldaten zerstoert, nur um von eigenen Fehleinschaetzungen abzuleiten? Es ist gar nicht mal so sehr das Plagiat als solches, es ist vor allem die offene Luege hinterher, die Guttenberg absolut unhaltbar macht. Hoffentlich wird das noch zu einer Belastung fuer die ganze Union. Aber bis auf den Oppermann gibt die Opposition hier auch ein trauriges Bild ab. Jede leidige Bonusmeilengeschichte wird zum Skandal stilisiert, aber Betrug und offene Luege laesst man durchgehen.
humble_opinion 25.02.2011
4. So einer ist das
Der NDR hat doch schon vor einiger Zeit darüber berichtet, wie glaubwürdig Guttenberg ist. 4:43 Minuten, die das mehr als deutlich machen. Nehmt Euch die Zeit. http://www.youtube.com/watch?v=lu-DBai3Kok&feature=watch_response Einen ähnlichen Beitrag gibt es auf youtube auch von der Redaktion Panorama, ARD. humble_opinion
sniffinthetears 25.02.2011
5. Augen geöffnet
für mich wird das Thema so lange aktuell bleiben, bis Herr zu Guttenberg zur Rechenschaft gezogen wird und die Konsequenzen trägt. Mir wurden durch diese Affaire entgültig die Augen über Frau Merkel und die Union geöffnet und ich hoffe, es geht vielen Deutschen ebenso und sie geben denen die Quittung bei den nächsten Wahlen. Ich hoffe, dass die Presse (und damit meine ich nicht die Springerpresse) nicht aufhört, nachzuhaken, dran bleibt und uns weiterhin aufklärt. Irgendwann müsste doch auch mal der "Dümmste" merken, was in unserem Land abgeht - ich lasse mich jedenfalls von Merkel und Co. nicht länger für dumm verkaufen, ich lasse mich nicht zum unmündigen Bürger machen.
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