Fotostrecke

ARD-Film "Es ist alles in Ordnung": In der Reihenhaushölle

Foto: ARD

ARD-Film zu häuslicher Gewalt Vater, Mutter, Opfer

Das Drama "Es ist alles in Ordnung" erzählt von einem Vater, der seine Stieftochter verprügelt, und einer Mutter, die lieber wegschaut. Der kluge ARD-Film zeigt, wie Sehnsucht und Frust im Reihenhausidyll in die Katastrophe führen können.

Alle wollen, keiner kann. Andreas (Mark Waschke) versucht, ein richtig guter Vater sein, kauft seiner 13-jährigen Stieftochter Sarah (Sinje Irslinger) ein fabelhaftes weißes Rennrad, damit die beiden gemeinsam auf Tour gehen können. Das Mädchen absolviert denn auch absurd lange Strecken mit dem Stiefpapa, und nach ihren Touren fallen die beiden erschöpft in die Sitze einer Eisdiele. Mutter Birgit (Silke Bodenbender) lächelt selig: endlich eine richtige Familie.

Der Frieden trügt. Irgendwann knallt Sarah das fabelhafte Rennrad gegen die Kellerwand des Ökoreihenhauses. Und später knallt Andreas dann Sarah gegen die Kellerwand, bis seine Stieftochter mit Blutergüssen auf dem Boden liegt.

Das ARD-Drama "Es ist alles in Ordnung" ist eine Geschichte von häuslicher Gewalt, typischer öffentlich-rechtlicher Problemstoff also. Dass diese Geschichte auch den geübten Konsumenten solcher Problemstoffe kalt erwischt, liegt unter anderem an der klugen Struktur des Plots (Buch: Christina Ebelt und Ingo Haeb). Eben noch sieht man Stunk und Groll, wie sie in jeder Familie vorkommen können, dann kippt die Situation. Norm und Ausnahme liegen hier dicht beisammen.

Der Dampfkochtopf namens Familie

Dafür muss man dem verantwortlichen WDR Respekt zollen: Schlichtere Gemüter unter den Zuschauern könnten diesem klugen, unbequemen Film Relativismus vorwerfen, weil in der unübersichtlichen Gemengelage, aus der die Gewalt erwächst, erst mal keine klassische schuldhafte Instanz auszumachen scheint. Der Stiefvater ist ein bisschen verbohrt, die Mutter schaut lieber weg statt allzu genau hin, die Tochter ist in ihrer pubertären Wut zu echten Gemeinheiten fähig. Das Mädchen weiß um die Schwächen der Erwachsenen - und spielt sie gegeneinander aus.

Aber so ist die Situation ja in vielen Familien mit halbwüchsigen Kindern, ohne dass sie gleich eskaliert. "Es ist alles in Ordnung" zeigt den Dampfkochtopf Familie - nur um ein paar gefährliche Grad überhitzt. Auslöser ist der Umstand, dass Sarah eben nicht die leibliche Tochter von Andreas ist. Die Situation ist fragil - und doch sehnen sich alle Beteiligten nach Verbindlichkeit und Normalität. Um sie herzustellen, konstruiert man sich das Leben zurecht, bis das familiäre Soziotop dramatisch aus dem Gleichgewicht gerät.

Regisseurin Nicole Weegmann hat zuvor mit "Mobbing" gezeigt, wie äußerer Druck radikal eine Familie zerstört; in ihrem neuen Film ist es nun der innere. Die beiden erwachsenen Hauptdarsteller Mark Waschke und Silke Bodenbender haben schon mal in dem furiosen Generationendrama "Mitte 30" ein Paar gespielt, das der Wirklichkeit einen illusionären Lebensentwurf abgerungen hat; hier nun kippt das erzwungene Reihenhausglück in die Katastrophe.

Denn natürlich geht alles Unglück von den beiden Erwachsenen aus. In Andreas tobt die Gewalt, und je mehr er diese Gewalt in den Griff zu bekommen versucht, desto mehr tobt sie. Irgendwann bricht sie aus, in solchen Momenten wird einfach nur geprügelt. Birgit wird von einer bedingungslosen Sehnsucht nach Stabilität getrieben, und je mehr diese herbeigesehnte Stabilität bröckelt, desto tiefer zementiert sie sich in ihrer Illusion ein. Yoga-CD anwerfen, Umfeld ausblenden, heißt es dann.

Tochter Sarah mag in ihrer pubertären Parallelwelt, wie das in dem Alter eben so ist, dem einen oder anderen Hirngespinst hinterherrennen. An der Gewalt trägt sie - falls das ein besonders schlichter Zuschauer denken sollte - natürlich nicht die Schuld. Die erwächst aus den unerfüllten Träumen der Erwachsenen. Ein fataler Wirkungsmechanismus, der selbstverständlich auch Nicht-Patchworkfamilien befallen kann. Und genau das verleiht diesem Film seine Wucht. Wo Mütterchen Sehnsucht auf Väterchen Frust trifft, ist Gefahr in Verzug.


"Es ist alles in Ordnung", Mittwoch, 20.15 Uhr, ARD

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.