»Harry Potter«-Reunion bei Sky Und am Ende kullern Tränen

Emotionen werden nur zugelassen, wenn sie von Liebe erzählen: Das Wiedersehen des »Harry Potter«-Ensembles gerät kitschig. Man hört von Schwärmereien, aber nicht von Rivalitäten. Und eine Person fehlt.
Emma Watson (Hermine Granger) und Daniel Radcliffe (Harry Potter) erzählen über die Dreharbeiten – und wie sehr sie sich mögen

Emma Watson (Hermine Granger) und Daniel Radcliffe (Harry Potter) erzählen über die Dreharbeiten – und wie sehr sie sich mögen

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nick wall / HBO / Sky

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Um das gleich am Anfang zu sagen: Dieses Special ist ausschließlich für Fans gedreht worden. Ausschließlich. Wer mit »Harry Potter« nichts anfangen kann und sich auch kein Stück für die Filme interessiert, sollte sich »Return to Hogwarts«, die Reunion der Schauspielerinnen und Schauspieler, auf keinen Fall ansehen. Auch nicht verkatert auf dem Sofa nach einer Silvesterparty. Denn sogar für Liebhaber der Bücher und Filmreihe ist es mitunter recht öde, den Darstellern dabei zuzuhören, wie sie über die Dreharbeiten sprechen. Das ist nämlich kein bisschen pikant oder überraschend, sondern allenfalls rührend. Aber der Reihe nach.

Vor wenigen Wochen feierte die »Harry Potter«-Filmreihe ihr 20. Kinojubiläum: Im späten Herbst 2001 kam der erste Teil, »Harry Potter und der Stein der Weisen«, in die Kinos. Um das zu feiern (und, klar, um an den ökonomischen Erfolg der Filme anzuknüpfen), trommelte Warner nun die Schauspielerinnen und Schauspieler zu einem Wiedersehen zusammen. Das hat vor Kurzem schon bei der Serie »Friends«  funktioniert. Jedenfalls war der Wirbel um das Zusammentreffen der sechs New Yorker Freunde recht groß, die Ernüchterung über den bedauernswerten Zustand von Matthew Perry ebenso.

Kein Raum für Geständnisse

Beim »Harry Potter«-Wiedersehen, das ab dem 1. Januar bei Sky zu sehen ist, muss man sich keine Sorgen über die körperliche oder seelische Verfassung der Schauspieler machen. Nicht weil es da keine Abgründe gäbe. Schließlich erzählte »Harry Potter«-Darsteller Daniel Radcliffe schon vor Jahren, dass ihn Ruhm, Druck und das Gefühl, permanent von der Öffentlichkeit belauert zu werden, in die Alkoholsucht getrieben hätten. Das Zusammentreffen wurde allerdings so geschliffen, dass kein Raum für etwaige Geständnisse entstand. Oder diese im Schnitt verschwanden.

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Klassentreffen in Hogwarts

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Nick Wall / HBO / Sky

Emotionen werden hier bloß zugelassen, wenn sie von Freundschaft, Liebe oder Zuneigung erzählen. Vielleicht kippt das Wiedersehen daher an einigen Stellen derart in den Kitsch, dass man auch als Fan seine ganzen Nostalgiegefühle bündeln muss, um nicht laut zu seufzen.

Im Schnelldurchlauf erzählt das Special von den Dreharbeiten der acht Teile. Aus dem Off und aseptisch in die alten Kulissen platziert, kommentieren die Filmemacher und Darsteller in verschieden besetzten Talkrunden ihre Arbeit. Dabei erfährt man allerlei nette Belanglosigkeiten.

Mentoren, Schwärmereien, erste Tänze

Dass Tom Felton, der Harrys fiesen Antagonisten Draco Malfoy mimte, äußerst klug und freundlich sei, Emma Watson (Hermine Granger) ihn schon immer sehr liebte. Dass sie mal ans Aufhören gedacht habe, dann aber doch weiterdrehte. Dass der ziemlich grandiose Gary Oldman (Sirius Black) für Radcliffe wie ein Mentor gewesen sei. Dass dieser für Helena Bonham Carter , die die psychopathische Bellatrix Lestrange fabelhaft irre gab, schwärmte. Und dass Rupert Grint (Ron Weasley) zum ersten Mal in seinem Leben gleich mit Dame Maggie Smith  tanzte.

Und natürlich sieht man die mehrere hundert Meter langen Schlangen von Kindern, die für eine Rolle in den Filmen vorsprachen. Und ihre überbordende Aufregung, möglicherweise ein Teil von »Harry Potter« zu werden.

Das sei auch beim anschließenden Dreh ein Problem gewesen, erzählt Chris Columbus, der Regisseur der ersten zwei Teile: Die ausgewählten Kinder seien so glücklich gewesen, dass sie sich häufig kaum auf eine Szene konzentrieren konnten. Man sieht sie miteinander blödeln, Hasenohren zeigen oder sich die Hände abklatschen, bis sie glühen.

J.K. Rowling fehlt

Das mitunter Interessanteste an diesem Wiedersehen dürfte aber die Tatsache sein, dass die Schöpferin des »Harry Potter«-Universums keine Rolle darin spielt: J.K. Rowling, die immer wieder (und auch von den Schauspielern) wegen angeblich transfeindlicher Aussagen  kritisiert wird, ist beim Klassentreffen nicht dabei. Britische Medien munkelten, dass sie deshalb ausgeladen worden sei. Man konnte allerdings auch nicht ganz auf sie verzichten. Dafür hat die Schriftstellerin auch bei der Produktion der Filme zu viel mitbestimmt.

Statt Rowling aktuell zu befragen, entschied man sich, sie durch Interviewfetzen aus dem Jahr 2019 zu Wort kommen zu lassen. Eine dürftige Pflichterfüllung. Die Ausschnitte wirken merkwürdig und bisweilen lieblos hineingequetscht. Sie lenken nicht von ihrer Abwesenheit ab, sondern betonen Rowlings Fehlen nur noch mehr.

Schade ist auch, dass das Special nicht mehr Making-of-Szenen enthält. Denn die Kinder- und schließlich Teeniedarsteller wuchsen am Filmset und miteinander auf. »Harry Potter« ist nicht bloß auf der Leinwand ihr Coming-of-Age. Hinter den Kulissen wird es nicht nur zu Schwärmereien und Freundschaften, sondern auch zu Rivalitäten gekommen sein. Und der Druck, den Idealen von Millionen Fans entsprechen zu müssen, wird für alle nicht gerade einfach zu tragen gewesen sein.

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Statt darüber zu sprechen, bestätigen sich die Darsteller gegenseitig, dass sie einander Familie seien. Man liebe sich, aber »wie Freunde«. Das fügen Watson und Grint, die mit Radcliffe wohl die meisten Stunden vor der Kamera verbrachten, lachend an. Am Ende kullern Tränen.

Manchmal ist man davon wirklich gerührt. Manchmal ist man von den schablonierten Emotionen irritiert. Und manchmal ist man von ihrer Trivialität genervt. Meistens aber erinnert man sich, warum man sich schon auf DVD nie die Interviews mit den Darstellern oder öde Tüfteleien aus der Set-Tischlerei ansah.

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