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"Hart aber fair" über späte Mutterschaft: Weg mit den Stereotypen

Foto: WDR/Dirk Borm

"Hart aber fair" über späte Mutterschaft "Die Männer werden auch nicht besser"

Bei "Hart aber fair" ging es endlich mal um ein Frauenthema, um späte Mutterschaft. Statt befürchtetem Anti-Frauen-Krawall entstand eine gewinnbringende Talkrunde. Die Sendung im Check.

Die Sendung: Es war, als würde die Doku, die direkt davor gesendet wurde, schon alles vorwegnehmen: "Die Wüste blüht", hieß es aus dem Off, "ein Naturwunder." Nach all den Wochen mit Polittalks rund um Erdogan-Populismus-Ende-der-Demokratie endlich mal wieder was fürs Herz bei "Hart aber fair". Ein Frauenthema: "Alles erreicht, dann noch ein Baby - Kinderwunsch ohne Altersgrenze?" Was sich Frank Plasberg da auf die Agenda setzte, klang von vorneherein nach einer rhetorischen Frage. Vor allem beim Blick auf die Runde, die er sich eingeladen hatte.

Die Gäste: Die Moderatorin Caroline Beil, mit 50 gerade im sechsten Monat schwanger, die sich wie viele andere ältere Mütter ihre Verantwortungslosigkeit vorwerfen lassen muss; die Filmemacherin Ina Borrmann, Jahrgang 1969, die ihre jahrelange Kinderwunschbehandlung in der Doku "Alle 28 Tage" begleitete und jetzt einen neun Monate alten Sohn hat; der Reproduktionsmediziner Jörg Puchta; die katholische Theologin Michaela Freifrau von Heeremann, die Kind Nummer sechs mit 40 bekam; und Giovanni Maio, Medizinethiker an der Freiburger Universität, der in seinen Aufsätzen für eine "Medizinkultur der Besonnenheit" plädiert.

Und ja, da saßen zwei Ü40-Mütter - um "späte Eltern" an sich ging es also von vornherein nicht. Sonst hätte Plasberg ja seine ARD-Kollegen fragen können, here's looking at you, Uli Wickert und Jan Hofer. Aber wahrscheinlich wollte der Moderator diese Rolle gleich mit abdecken: Als er zuletzt Vater wurde, war er 53.

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"Hart aber fair" über späte Mutterschaft: Weg mit den Stereotypen

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Die Diskussion: Es gab eigentlich keine. Ja, für "Hart aber fair" überraschend, aber alle waren sich irgendwie einig. Und gerade deshalb war eine vielschichtige Unterhaltung möglich, die vor allem eines ganz fraglos scheinen ließ: In unserer heutigen Gesellschaft muss es möglich sein, dass Frauen ihr Leben selbstbestimmt gestalten. Und sich nicht von anderen sagen lassen, was geht und was nicht, während alten Vätern wie Wickert, Mick Jagger und, hm, Donald Trump auf die Schulter geklopft wird.

"Die Männer werden auch nicht besser", sprich die Spermaqualität mit zunehmendem Alter, stellte Reproduktionsmediziner Puchta dann auch unumwunden fest. Man müsse endlich die ollen Stereotype von 1900 über Bord werfen und kapieren, dass sich "die Lebensphasen verschoben haben".

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Sofern sich die Redaktion vom Medizinethiker Maio mehr Kontra erwünscht hatte: Da kam nix. Dafür aber Beistand für angefeindete Mütter wie Beil: "Das sind Ansätze von Diskriminierung", diese individuellen Lebensprojekte seien "selten eine Wahlbiografie". Zumal Männer mitschuldig seien, sie setzten oft auf Verzögerungstaktiken, um das mit der Familie noch rauszuschieben. Erst werde den Frauen gesellschaftlich erschwert, Kinder zu kriegen, da der Karriereknick programmiert sei, später werde es ihnen dann vorgeworfen: "Das ist doppelt unfair."

Und die Einigkeit ging noch weiter, sodass die Sendung teils eher einer Aufklärungsstunde glich. Es wurde klargemacht, dass das künstliche Befruchtung ins Geld geht und psychisch belastend ist, bis man nur noch einen "Tunnelblick" (Borrmann) hat; wie wichtig es ist, Ärzte und Psychologen beratend zur Seite zu haben, die einem von vorneherein brutal nüchtern vorrechnen, wie groß die Chancen in welchem Alter sind, dass die gewählte Prozedur auch funktioniert (bei 44-Jährigen etwa nur vier Prozent der In-vitro-Fertilisationen); man argumentierte für bessere Aufklärung, etwa darüber, dass die Hälfte der Frauen ab 41 nicht mehr fruchtbar seien; allen voran Puchta und Maio plädierten für eine Gesellschaftsstruktur, die es Frauen wie Männern erlaube, trotz Familie gleichermaßen berufstätig zu sein, wenn sie wollten; und der Reproduktionsmediziner Puchta drängte darauf, dass "Social Freezing", also das frühzeitige Einfrieren von Eizellen, falls die Frauen sie später mal brauchten, nicht in irren Argumentationen ausgespielt werde gegen das Thema Kinderbetreuung.

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Und selbst Michaela von Heeremann, die eindeutig eingeladen war, um eine Art Birgit-Kelle-Rolle einzunehmen, tat Plasberg diesen Gefallen nicht. Sie gratulierte sowohl Beil als auch Borrmann warmherzig zu deren Mutterschaft, forderte nebenbei noch eine "familienfreundlichere Wirtschaftspolitik" und gab zu bedenken, dass die Erziehungsarbeit meist immer noch den Frauen zufiele. Und überlegte nur sanft, "ob wir das Recht haben, alles zu machen, was möglich ist" und zu entscheiden, "welches Leben lebenswert ist und welches nicht". Aber Plasberg ließ sie nicht abdriften vom Thema "Alte Mütter" zu den Vor- und Nachteilen von Reproduktionsmedizin im Allgemeinen. Immerhin ist für die nächsten Sendungen mal wieder klar: Geht doch, er kann's.

Der Erkenntnisgewinn: Mal abgesehen davon, dass über die Gefahren von Risikoschwangerschaften nicht gesprochen wurde, und die moralische Frage nur anekdotisch gestreift wurde, was es heißt, wenn jemand seine Eltern zwangsläufig früher verliert als die meisten, ging von der Sendung am Ende gar eine Art politisches Postulat aus: Das 1990 verabschiedete Embryonenschutzgesetz  scheint, ginge es nach dieser Runde, bald der Vergangenheit anzugehören. Auf der Basis von 1990 darf hier derzeit etwa zwar Sperma gespendet werden, so viel die "Praline" in der Klinik hergibt, Eizellen aber nicht (wie etwa in Belgien).

Und so zitierte ausgerechnet der als skeptischer Medizinethiker eingeführte Maio aktuelle Studien, die bestätigten, dass aus Eizellenspenden entstandene Kinder ein ganz normales Verhältnis zu ihrer Mutter haben, und sagte: "Es wird sehr schwierig sein, das Gesetz aufrechtzuerhalten." Wenn nur alle Talkshows so fruchtbar wären.

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