Fotostrecke

Talk über Gier: Plasberg und die Piloten-Versteherin

Foto: ARD

TV-Talk über Gier Wagenknecht, übernehmen Sie!

Wäre Deutschland eine Talkshow, Sahra Wagenknecht wäre Bundeskanzlerin: In der Runde bei Plasberg über Lohn-Gerechtigkeit gelang es der Linken-Frontfrau sogar, Sympathien für streikende Piloten zu schüren - mit einer sehr einfachen Formel.

Kaum ein Landsmann ist dem Deutschen so verhasst wie der streikende Pilot. Na gut, der jammernde Lehrer ist auch nicht gerade beliebt. Aber Flugkapitäne, die den Luftverkehr lahmlegen, weil ihnen 181.000 Euro Jahresgehalt zu wenig sind? Da schwillt dem gemeinen Fernsehzuschauer der Kamm. Zu Recht?

Darüber stritt am Montagabend bei "Hart aber Fair" eine bunte Truppe - vom ehemaligen Arbeitsagentur-Chef Florian Gerster, der seinerzeit über üppige Beraterverträge gestolpert war, bis zur Unternehmerin Sina Trinkwalder, die sich und ihren 142 Angestellten einen Grundlohn von zehn Euro die Stunde zahlt. Dazwischen hatte Plasberg als Antipoden Deutschlands wohl bekanntesten Evangelikalen Peter Hahne und die allgegenwärtige Sahra Wagenknecht gesetzt.

Ohnehin kann man sagen: Wäre die Republik eine Talkshow, dann wäre Wagenknecht mindestens Bundeskanzlerin. Selbst der Pilotengewerkschaftsprecher Jörg Handwerg mochte am Ende die rote Sahra mit zum imaginierten "Gehaltsgespräch mit dem Chef" nehmen: "Frau Wagenknecht hat sehr gut verstanden, wie das System hier funktioniert", sagte er mit zartem Augenaufschlag in Richtung der zweiten Vorsitzenden der Linkspartei.

"Nimmersatte und Abgehängte"

Ja, bei dieser Talkrunde über die "Anstandsgrenze, damit Deutschland nicht zerfällt in die Nimmersatten und die Abgehängten" (Plasberg), war es einmal mehr die Wagenknecht, die einen zum Sinnieren brachte: Wie bloß kommt es, dass eine allgemein als Klassenkämpferin verschrieene Linkspolitikerin - "bei Ihnen kommt immer wieder der marxistische Grundwiderspruch von Kapital und Arbeit zum Tragen", schimpfte Gerster - wie also schafft sie es, mitten in einem zutiefst unklassenkämpferischen Deutschland regelmäßig das Applausometer zu dominieren?

Die Zauberformel ist gar nicht so schwer - und von Klassenkampf weit entfernt. Es ist die Verbindung von knochentrockenem Numbercrunching und Lob der anständigen Arbeit, das den Deutschen so gefällt.

Das Problem seien eben nicht die sich auseinander entwickelnden Löhne, erklärte Wagenknecht, das Problem sei "die Umverteilung weg von dem Einkommen aus Arbeit hin zum Einkommen aus Gewinnen und Vermögen". Sprich: Keine Chance dem Sozialneid - der Hauptfeind sitzt an der Börse!

Sogar streikende Top-Verdiener von Cockpit sind plötzlich sympatisch

Im Kampf gegen Konzerne und Banken und ihre "unmäßigen" Dividenden und Gewinne kann sie den Flugkapitän mit seinen 15 Mille Monatslohn, die Krankenschwester, die ein Zehntel davon verdient und auch noch den anständigen Kleinunternehmer locker zusammenführen.

So schaffte es die rote Sahra bei Plasberg, den Deutschen sogar die streikenden Top-Verdiener im Cockpit ein bisschen sympathischer zu machen.

Die Lufthansa verweigere sich einer Lohnerhöhung für die Piloten ja nicht, "weil sie das Kabinenpersonal besser bezahlen wollen", sondern weil sie "ihre Dividende weiter anheben, weil sie ihren Gewinn verdoppeln wollen". Nur ein bisschen mehr gemeinsam Kämpfen - "in Solidarität mit denen, die nicht so gut aufgestellt sind": Das wünscht sich Wagenknecht schon von der Piloten- und all den anderen Spartengewerkschaften der "Funktionseliten" (Gerster).

Gewerkschaftsprecher Handwerg nahm den Ball freudig auf und ließ in den 90 Minuten "Hart aber fair" kaum eine Gelegenheit aus, darauf hinzuweisen, dass ihnen die "unteren Lohngruppen" beim Boden- und Kabinenpersonal und ihre Nöte keinesfalls wumpe sind. Wer weiß: Vielleicht streiken die Piloten ja demnächst für die Security- und Service-Leiharbeiter auf deutschen Flughäfen.