"Hart aber fair"-Jahresrückblick "Jetzt bin ich auch wieder dran!" - "Nein!" - "Doch!"

Angekündigt war "Hart aber fair" als Rückblick, Moderator Frank Plasberg wollte wissen: "Flucht, Terror, Skandale - wie hat 2015 unser Land verändert?" Doch Terror und Skandale wurden gar nicht erst diskutiert.

Zur Sendung: Die Terrorserie in Paris, die Abgasaffäre bei Volkswagen, die WM-Vergabe 2006, die Flüchtlingskrise - das alles war in den vergangenen Monaten Thema. Moderator Frank Plasberg nahm dies zum Anlass für einen Jahresrückblick in seiner Sendung "Hart aber fair". Diskutiert wurde unter dem Titel: "Flucht, Terror, Skandale - wie hat 2015 unser Land verändert?"


Gleich zu Beginn erfuhr "Hart aber fair" ganz ambulant eine aktuelle Umwidmung. Einleitend sollte es um den CDU-Parteitag in Karlsruhe und die breite Zustimmung für die "Kanzlerin der freien Welt" gehen, wie das "Time"-Magazin die Vorsitzende so freundlich apostrophiert hatte. Und dabei blieb es dann.

Christoph Schwennicke, "Cicero"-Chefredakteur und soeben aus Karlsruhe zugereist, kritisierte bündig die "unkonditionierte Willkommenskultur" der Kanzlerin, um sich im Folgenden eher bedeckt zu halten.

Ihm pflichtete der CSU-Ehrenvorsitzende Edmund Stoiber bei. Von Kollegen höre er immer wieder, es sei "ein Stückchen ein Sonderweg, was ihr hier in Deutschland macht". Er wünsche sich "mehr Helmut Kohl" im Umgang mit kleineren europäischen Nachbarn, die sich von humanitären vorpreschenden Deutschen überrannt fühlten.

Wann immer Stoiber angesprochen wurde, blieb er nur flüchtig im Inland: "Was die Bayern da geleistet" hätten in der Krise, "dazu wären viele deutsche Bundesländer nicht in der Lage gewesen!" Auch treibe ihn die Sorge um, "dass wir die Menschen aus dem demokratischen Spektrum heraustreiben", weil sie angeblich nicht mehr sagen dürften, was sie dächten - mutmaßlich Tag und Nacht an die von der CSU geforderte Obergrenze für Flüchtlinge.

Stoibers Leitmotiv an diesem Abend aber war Europa, Europa, Europa, wie er auch Claudia Roth und ihren Grünen zurief: "Europa! Das scheint euch gar nicht zu interessieren!" Im Übrigen sei er jetzt wie vor 10 oder 20 Jahren der leidenschaftlichen Meinung: "Ich möchte nicht, dass die Türkei europäisches Mitglied wird, weil, dann können wir Europa ganz vergessen!"

Den Mumpitz als solchen entlarven

Roth, am anderen Ende des Spektrums, redete tatsächlich nicht von Europa. Sie redete von Syrien und der Türkei und Bayern, von Aufnahmelagern in Deutschland, und wo sie sich noch überall persönliche Betroffenheit angefüttert hat. Die Forderung der Union nach einem verpflichtenden "Integrationsführerschein" immerhin entlarvte sie spielend als den pedantischen Mumpitz, der er offenbar ist. Entsprechende Kurse gäbe es seit Jahren, man müsse sie nur für Asylbewerber öffnen.

Auch erteilte sie Forderungen nach einer Obergrenze für Flüchtlinge mit dem Hinweis auf Artikel 16 des Grundgesetzes eine routinierte Absage. In diesen Wein goss wiederum der Historiker Herfried Münkler ein wenig Wasser, indem er das Grundgesetz als Ergebnis eines "politischen Aushandlungsprozesses" und damit als durchaus verhandelbar darstellte.

Überhaupt kam mit jeder Wortmeldung Münklers, den inzwischen der graue Spitzbart eines preußischen Gelehrten ziert, eine professorale Ruhe in die Debatte. Merkels Auftritt auf dem Parteitag? "Unter politiktheoretischen Gesichtspunkten eigentlich ein Meisterstück." Obergrenzen? Es könne sein, dass "irgendwo erstens die Ressourcen und zweitens die Aufnahmebereitschaft der Menschen ein Ende" haben müssten. Schlechte Umfragewerte für Merkels offenen Kurs? Es sei Aufgabe der Politik, "eine Mehrheit davon zu überzeugen, dass wir das schaffen".

Solchen teilweise arg wohlfeilen Ausgewogenheitsübungen mochte Roth nie lange folgen, dann gewann wieder die rechtschaffene Empörung die Oberhand: "Ehrlich gesagt weiß ich nicht, worüber wir gerade reden! Jetzt bin ich doch wieder dran, so!"

"Integrationsturbo anmachen!"

In die Parade fuhr ihr ausgerechnet ihr Sitznachbar und Duzfreund, der Schriftsteller und Kabarettist Serdar Somuncu. Die beiden rangelten sekundenlang, mit ineinander verschränkten Händen, sogar körperlich ums Wort: "Jetzt bin ich auch wieder dran!" - "Nein!" - "Doch!"

Am Ende siegte Roth und forderte mit nicht eben Grünen-typischer Metaphorik, wir müssten in Deutschland den "Integrationsturbo anmachen!" Somuncu wollte den Rothschen Optimismus hinsichtlich der Hilfsbereitschaft nicht teilen, das sei ihm zu affektiv: "Ich vermute, dass wenn es aus dem Nichts kommt, dass es wieder im Nichts verschwindet."

Unter Verweis auf die brummende deutsche Waffenindustrie sagte Somuncu, wir müssten statt einer Zuwanderungsquote in uns "selbst eine moralische Quote erfinden, dass man merkt, wann man aufzuhören hat, vom Leid anderer Leute zu profitieren".

Dass im Wortgeplänkel zwischen Roth und Somuncu hin und wieder ein "Du" herausrutschte, führte zum vielleicht nachträglich herausschneidenswertesten Dialog in diesem Talkshowjahr. Somuncu: "Wir duzen uns, aber nicht in der Sendung, haben wir vorher gesagt!" Roth: "Ich bin halt ehrlicher!" Somuncu: "Und ich bin pflichtbewusster!"

Die Erkenntnis des Abends

Da waren die 75 zerfahrenen Minuten auch schon vorbei, ohne dass der Terror von Paris und anderswo und erst recht nicht die Skandale bei VW oder beim DFB mit auch nur einem Wort Erwähnung gefunden hatten - obschon all diese Themen für den Rückblick angekündigt waren.

Und so stand am Ende die Erkenntnis, dass unser Land von den Flüchtlingen verändert worden ist, die 2015 neu hinzugekommen sind. Wer hätte das gedacht? Die "Hart aber fair"-Redaktion offenbar nicht.

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