Beschwerde-Talk bei "Hart aber fair" Im Eimer

Freitags ist Stau, bei der Bahn funktioniert das Klo nicht, und das Handy geht nur in der Badewanne: Frank Plasberg diskutierte mit seinen Gästen, ob Deutschland ein Sanierungsfall sei.

WDR/Oliver Ziebe

Von Klaus Raab


Der Höhepunkt von "Hart aber fair" war erreicht, als ein Handyvideo eingespielt wurde, das Moderator Frank Plasberg eigenhändig im Zug gedreht hatte. Man sah darauf Schilder an den Türen zweier nebeneinander liegender Zugtoiletten, die demnach beide ausgefallen waren. Kurz darauf legte die Redaktion noch den Film eines Reporters nach, der zwei Tage lang mit der Bahn durch Deutschland gefahren war, dabei Verspätungsminuten gezählt hatte und nun die erstaunliche Erkenntnis präsentieren konnte: "Einiges hat gut funktioniert, anderes nicht."

Es war eine spezielle Sendung, die die Redaktion zurechtgebastelt hatte. "Hier Funkloch, da Schlagloch: Ist Deutschland ein Sanierungsfall?", war der Titel, und zu den Gästen gehörten fast ausschließlich Menschen, die sagten: Ja, schon! Na klar! Total! Aber sowas von!

Selbst Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier, CDU, war wegen seiner Kritik an der freilich unbestreitbaren Sprunghaftigkeit des deutschen Mobilfunknetzes eingeladen worden. Er immerhin näherte sich bisweilen, gewiss auch jobbedingt, mit Hinweisen wie "Ich bin dagegen, dass wir alles in die Tonne treten" der eher grauen als schwarz-weißen deutschen Wirklichkeit an. Seine Bitte, das Maß zu wahren, war allerdings tatsächlich ein intellektueller Höhepunkt; der Minister bekam dafür einen kleinen, seltenen Applaus des Studiopublikums.

Ein Fall für den Verbraucherschutz

In der Logik, der die Sendung selbst folgte - nämlich die deutsche Verkehrs- und Kommunikationsinfrastruktur einmal links und rechts abzuwatschen -, müsste man eigentlich sagen: Diese Talkshow, eine Sammlung von zum skandalösen Gesamtbild hochgejazzten Anekdoten mittlerer Aussagekraft, war ein Fall für den Verbraucherschutz. Es wäre nur so albern. Im Nachmittagsprogramm einer regionalen ARD-Anstalt wäre sie zwischen Fußpilz-Service und Entenkeulen-Rezepten schließlich gar nicht weiter aufgefallen. Und es war ja auch irgendwie lustig!

Steffi Neu, WDR-Hörfunkmoderatorin, wusste zum Beispiel zu berichten, dass sie Kinder im Teenageralter habe, die so viel von dem ohnehin zu knapp bemessenen Familien-WLAN verbrauchten, dass sie selber zu Hause nicht mehr ordentlich arbeiten könne. Sanierungsfall Deutschland! Ihr Handy habe eigentlich nur auf der Terrasse und in der Badewanne Empfang, weil sich die unter dem Dach befinde.

Frank Thelen, der aus der Vox-Sendung "Die Höhle des Löwen" bekannte Investor, berichtete, dass ein Schaffner einmal sein Tablet lochdingsen wollte, als sein Ticket darauf gespeichert war; der Bahn fehle, schlussfolgerte er, "die digitale DNA". Was wiederum Peter Altmaier zu der freilich sehr hübschen Formulierung veranlasste, viele Schaffner hätten doch längst ein digitales Kontrollgerät, und "das geht manchmal ganz klasse". Und Hermann Lohbeck, Chef des Landtechnik-Herstellers Claas, der die deutsche Wirtschaft als solche vertrat, begann irgendwann, Baustellen aufzuzählen, die den Fluss des Automobilverkehrs behinderten, obwohl dort augenscheinlich nie jemand arbeite.

Deutschlands Mobilfunk-Infrastruktur mittelmäßig aber teuer

Aber - ja, doch - natürlich gab es auch einen inhaltlichen Punkt oder zwei, der am Stammtisch so nicht diskutiert worden wäre: Vorbildlich herausgearbeitet wurde etwa, dass Deutschlands Mobilfunk-Infrastruktur zwar mittelmäßig ist, die Nutzung dafür aber im Europavergleich teuer.

Thelen forderte, der Staat möge bei der bevorstehenden Versteigerung der 5G-Lizenzen nicht, wie seinerzeit bei den UTMS-Lizenzen, möglichst viel Geld mitnehmen. Das führe dann nämlich dazu, dass die Anbieter nicht investieren könnten. Künstliche Intelligenz werde begrüßenswerterweise aktiv gefördert, sagte er, beim Ausbau der Netze aber "nimmt der Staat aktiv Geld raus". Was Altmaier zum Konter veranlasste, man lebe nicht in einer Planwirtschaft, und wenn die Konkurrenten sich gegenseitig hochböten, könne die Politik nichts dafür. Wobei sie - nun war Lohbeck dran - für die Rahmenbedingungen der Versteigerung ja schon verantwortlich sei.

Ansonsten jedoch ging es vom Verkehrshütchen aufs Stöckchen: Freitagnachmittags sei in Nordrhein-Westfalen Stau. Eine Zugtoilette sollte benutzt werden können. Bürgerinitiativen gegen Funkmasten seien nicht hilfreich für den Standort Deutschland. In der Bahn fielen oft die Reservierungsanzeigen aus usw. usf., kurz: alles im Eimer. "Hart aber fair"-Redakteurin Brigitte Büscher las zwischendurch, wie immer, Zuschauerkommentare vor, die diesmal, wie sie sagte, "von 'Dritte-Welt-Land' bis 'beschämend' und 'katastrophal'" reichten. Das längste Wort des Abends kreierte allerdings Lina Ehrig vom Verbraucherzentrale-Bundesverband: "Supersuperverbraucherärgernis". Bei Scrabble gäbe das 52 Punkte.

Und mit dem Wohlwollen, das der Sendung abging, kann man nun abschließend vielleicht sagen, dass es schon schlechtere Unterhaltungsshows im deutschen Fernsehen gegeben hat als diesen politischen Talk.

insgesamt 13 Beiträge
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try_again 11.12.2018
1. 5G-Lizenzen
Bezeichnend am Niveau der Sendung war der Kommentar der Verbraucherschützerin zum Vorschlag eines Zuschauers, die Netzabdeckung lieber einmal zu 100% zu realisieren, als dreimal zu 95%. Was der Zuschauer mMn meinte, die Bundesnetzagentur oder ein anderer staatlicher Träger sollte die Infrastruktur für 5G flächendeckend für Deutschland erstellen, die dann durch die Telekommunikationsunternehmen genutzt werden sollten. Im Gegensatz dazu steht die heutige Situation, dass in Ballungszentren jeder der 3 Mobilfunkanbieter eine eingene Infrastruktur betreibt. Zum einen werden damit die Markteintrittskosten für weitere Anbieter in immense Höhen getrieben, da die Anbieter sich aus unternehmerischer Sicht zurecht gegen National Roaming aussprechen, zum Anderen fehlt ihnen dann das Geld für gering besiedelte Gebiete. Die Verbraucherschützerin meinte dazu, dass der Wettbewerb für niedrige Preise sorgen würde in die aktuelle Lösung schon OK sei. Sie hatte den Sinn der Frage nicht ansatzweise begriffen. Ich wäre sehr dafür die Netzinfrastruktur in staatliche Hände zu legen und sich die Nutzung, durch die Telekommunikationskonzerne bezahlen zu lassen. Der Staat kann damit direkt auf die Versorgung der Bevölkerung Einfluss nehmen, die Sendemasten in Ballungszentren werden reduziert und die Markteintrittskosten für einen vierten und fünften Anbieter liegen auf dem selben Niveau, wie die der etablierten Konkurrenz. Genauso bei Stromleitungen, bei der Tennet befindet sich das Netz zwar im Staatsbesitz, allerdings dem Niederländischen.
murksdoc 11.12.2018
2. German Wasteland und die Twitter-Stöckchen
Jeder technologiefeindliche Esoteriker geründet heutzutage einen NGO mit einem TWITTER-Account, dessen Verhältnis "Alarmmeldungen zu Mitgliedern" bei 1000 : 1 liegen dürfte, die aber die kostenlosen Stöckchen sind, über die Presseorgane jeglicher Provinienz und politischer Ausrichtung mit Anlauf und ohne Rücksicht auf Verluste springen. Dann klagt man sich für den Schutz der lokalen Juchtenkäferkolonie bis nach Straßburg und nach Brüssel, bevor man behauptet, die 5-Giga-Hertz Bestrahlungen durch Funkmasten, die seit Jahrzehnten schon in jedem guten Netzwerkrouter und in den Radargeräten der Flugsicherung Anwendung finden, erzeuge bei multi-umwelt-sensiblen Helikopterkindern, wie den eigenen, die man noch garnicht hat, weil der Aktivismus bekanntlich zeitintensiv ist, die man aber jederzeit bekommen könne, sobald man bei der UNO das Menschenrecht auf elternloses Kindertum durchgesetzt hat, Kopfweh. Wenn man sich dann nach Jahren die verdiente juristisch-finale Schlappe abholt, ist inzwischen die Konkurrenz und die Nachbarstaaten schon bei 7G. PS: In Sibirien hat das von Siemens gebaute Mobilfuinknetz an jedem Ort und in jedem Raum genau fünf Striche für Funkempfang. Der deutsche Staat hat innerhalb der letzten 5 Jahre übrigens eineigenes Mobilfunk-Netz gebaut, das auf exakt dem selben Prinzip beruht, wie der Mobilfunk, inzwischen aber eine 100%-ige Abdeckung dieses Landes erreicht hat: den digitalen BOS-Funk. Soll also keiner behaupten, das ginge nicht. Es geht, wenn man es will.
frankfurtbeat 11.12.2018
3. selten ...
selten schaue ich überhaupt noch TV ... die Sendung war so etwas von seicht - unglaublich welch triviale Statements abgegeben wurden. Wie kann man solche Sendungen überhaupt noch zulassen ... unterirdisches Niveau und Altmaier mittendrin. Zukünftig werde ich mir so etwas nicht mehr antun ... es ist letztendlich eine Frechheit das man für diese Formate auch noch bezahlen muss. Wenn diese Sendung anscheinend erfolgreich ist lässt es auf das durchschnittliche Bildungsniveau schließen und mich wundert nichts mehr ... weiter so!
Mister Stone 11.12.2018
4.
Es war eine spezielle Sendung, die die Redaktion zurechtgebastelt hatte. "Hier Funkloch, da Schlagloch: Ist Deutschland ein Sanierungsfall?" Wen man gar Aktuelles nichts hat, muss man eben was zurechtbasteln. Es gab ja leider keine anderen Themen, etwa über die revolutionsähnlichen Zustände in Westeuropa. War da was? Erinnert mich an den Roman und den Film "Im Westen nichts neues...".
kritischergeist 11.12.2018
5. Keine Ahnung aber maulen
Wenn sich eine Hörfunkmoderatorin beschwert dass ihr häusliches WLAN ein Datenlimit hat sollt sie mal die Konditionen ihres Festnetzvertrags mit Internet-Zugang überprüfen. Heute hat niemand mehr ein Limit beim Datenvolumen, außer er geht per Mobilfunk ins Netz. Eine Blamage für eine Redakteurin ihre digitale Inkompetenz auch noch im TV breit zu treten. Herr Altmaier, der wohl gerne mit seinem Diensthandy in seinem gepanzerten Dienstwagen telefoniert ist wohl nicht bewusst dass Limousinen mit verstärktem, metallbedampften Glas Mobilfunksignale sehr stark abschirmen was dann fälschlicherweise auf einen schlechten Empfang hindeutet. Sein Wagen hat sicher auch ein integriertes Autotelefon, dessen Antenne auf dem Dach ist um einen guten Empfang zu ermöglichen. Wenn er aber Anrufe auf sein Diensthandy annimmt, wird er weiterhin Probleme haben. Auch für Altmaier ist es eine Blamage seine selbst verursachten Probleme, die auch die Telekom nicht lösen kann sondern höchstens der Autohersteller, in der Öffentlichkeit zu präsentieren.
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