"Hart aber fair"-Extra zu München "Gebt uns doch mal die Chance, Fakten zu schaffen"

Frank Plasberg ließ über "Amok in Zeiten des Terrors" diskutieren. Zum Glück saß der Münchner Polizeisprecher Marcus da Gloria Martins im Studio - der brachte sogar Joachim Herrmann dazu, sich selbst zurückzupfeifen.

WDR/ Oliver Ziebe

Von


Eine Talkshow ist nicht immer eine Arena für Konfrontationen. Manchmal ist sie eine Anstalt, in der Unheil wieder heile gemacht werden soll. Zumindest hat Frank Plasberg - im Rahmen seiner Möglichkeiten - mit einem "Hart aber fair"-Extra zum Amoklauf in München diese Aufgabe wahrgenommen: ordnen.

Schon allein mit Marcus da Gloria Martins hatte er an diesem Abend den perfekten Ansprechpartner. Gefeiert für seine tadellose Arbeit, als es darauf ankam, saß der Münchner Polizeisprecher mit seiner erbsengrünen Uniform in der Runde wie die personifizierte Sicherheit.

Und prompt ließ der Beamte Plasberg abblitzen, als der sich nach dem 16-Jährigen erkundigte, der kurz zuvor für das Nichtanzeigen einer geplanten Straftat verhaftet wurde: "Gebt uns doch mal die Chance, Fakten zu schaffen. Nicht spekulieren, nicht voneinander abschreiben.…" - "Dafür bekommen sie Applaus", stellte Plasberg fest. "Die Öffentlichkeit giert aber nach Informationen."

"Erstaunliche Parallelen zu Winnenden"

Informationen zum Täter bekam er von dem verdienten Kriminologen Christian Pfeiffer, der auf "die erstaunlichen Parallelen zu Winnenden" hinwies und den Täter als einen Menschen in Not bezeichnete, den jahrelanges Mobbing zu der Tat getrieben habe. Irgendwann reife der Entschluss: "Denen zeige ich es mal! Einmal die Panik in den Augen der anderen sehen!"

Auf das dünne Eis, Ballerspiele wie "Counter-Strike" für die Gewalt verantwortlich zu machen, ließ sich Pfeiffer - ein erklärter Kritiker dieser Form von Zeitvertreib - nicht locken. Gewiss habe das dauernde Spielen gewisse Desensibilisierungseffekte, sei aber nur ein Verstärkungsfaktor. Die eigentlichen Gründe für eine solche Tat lägen anderswo.

Selbst Bayerns Innenminister Joachim Herrmann (CSU), einziger Politiker der Runde, fragte sich: "Hätte man das früher erkennen können?" Der Täter sei zunächst in psychosomatischer, dann in psychiatrischer Behandlung gewesen. Seine Eltern hätten sich offensichtlich gekümmert, sagte Herrmann, bevor er sich mit Blick auf Marcus da Gloria Martins selbst zurückpfiff. Das sei alles erst vor "jetzt 48 Stunden passiert", die Polizei werde erst später auch mit Lehrern oder auch Ärzten reden und Fakten schaffen können.

Recherchen zum Thema Amok

Annette Ramelsberger von der "Süddeutschen Zeitung" relativierte die Darstellung des Täters als hilfloses Mobbingopfer - und kolportierte, was sie selbst als "Redereien von Mitschülerinnen" bezeichnete, eindeutige Drohungen des Täters. Mobbing ist auch nach Meinung von Peter Langman ein überbewertetes Motiv bei Amokläufern. Der US-Autor hat das Buch "Amok im Kopf" geschrieben, das bei David S. gefunden wurde. Ramelsberger hatte mit Langman telefoniert, und der habe gesagt: "Diese Menschen recherchieren immer."

Recherchiert hat David S. auch in Winnenden, wohin er gereist ist und offenbar sogar Fotos gemacht hat - ohne sich von der Atmosphäre vor Ort, fünf Jahre nach dem Amoklauf von Tim K. an einer Realschule, beeindrucken zu lassen. Da sei der Täter schon nicht mehr erreichbar gewesen, mutmaßte Pfeiffer.

Plasbergs versuchsweisen Vorschlag, bei einer Häufung typischer Vorzeichen nicht "eine Art Rasterfahndung" zu installieren, wies der Experte als sehr problematisch zurück. Wenn überhaupt, dann hätten seine behandelnden Ärzte etwas wissen müssen, mit denen er doch offenbar im Dialog über seine Probleme gewesen sei.

Das Waffenrecht in Deutschland

Zugeschaltet aus Winnenden wurde Barbara Nalepa, die damals ihre 16-jährige Tochter Nicole verloren hatte und seitdem für eine Verschärfung des deutschen Waffenrechts kämpft. Den Hinterbliebenen der Opfer von München hätte sie "gerne etwas Gutes sagen können", aber das gehe nicht: "Ich kann keine Nacht durchschlafen." Und um Fassung ringend wiederholte sie ihre Forderungen nach einer Einschränkung der Informationen, die im Internet abrufbar sind - und nach einer Verschärfung des Waffenrechts.

Joachim Herrmann ging darauf ein und betonte, es sei doch viel geschehen und das Waffenrecht in Deutschland - seit Winnenden - eines der restriktivsten in Europa. Seine Glock habe sich David S. allerdings über das Darknet aus der Slowakei besorgt, und da müsse man schon einmal feststellen dürfen: "Ein Teil des Internets entwickelt sich zum rechtsfreien Raum", vor dem er "nicht kapitulieren" möchte.

Wie Falschmeldungen die Arbeit erschweren

Der Journalist Björn Staschen vom NDR hat sich während des Anschlags mit den Reaktionen im Netz beschäftigt. Seine Aufgabe sei es in der fraglichen Nacht gewesen, "Licht ins Dunkel zu bringen" - gerade im Hinblick auf die zahlreichen Falschmeldungen, die der Polizei ihre Arbeit enorm erschwert hätten: "Jeder kann heute Massenmedium sein", sogar im Livebild. Von Unternehmen wie Twitter oder Facebook würde Staschen gerne wissen: "Was wird investiert, um zu kontrollieren, was live gesendet wird?"

Auch Marcus da Gloria Martins sprach von einer Flut "grassierender Falschinformationen", denen ein guter Teil der an diesem Abend bis zu 2300 Polizisten in München hätte nachgehen müssen. Er selbst sei Zeuge geworden, wie "Menschen grundlos das Rennen anfangen". Panik sei "mit rationalen Sachargumenten" nur schwer beizukommen und die Polizei zwar "der Bariton, aber nur eine Stimme" im hysterischen Chor der Gerüchte. Er selbst habe von Langwaffen gesprochen statt von Gewehren, weil zeitweilig ein terroristischer "worst case" auch in München möglich schien: "Deshalb sind wir so hoch eingestiegen."


© SPIEGEL ONLINE 2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.