"Hart aber fair" zum Erbe der 68er Wirre Kaminabendplauderei

Die 50-Jahr-Feiern zur 68er-Bewegung sind bei "Hart aber fair" angekommen. Doch statt Erhellendes gab es Erinnerungen - und das Bedürfnis, Kommunarde Rainer Langhans vor sich selbst zu schützen.
Moderator Plasberg (r.) mit seinen Gästen

Moderator Plasberg (r.) mit seinen Gästen

Foto: WDR/Oliver Ziebe

Ex-Verkehrsminister Alexander Dobrindt hat es also doch noch geschafft. Die "Konservative Revolution", für die er Anfang 2018 in einem Essay plädierte, ist nun in den Sendungstiteln öffentlich-rechtlicher Polittalks angekommen, als wäre es das Normalste der Welt.

"Hart aber fair" beweist damit, dass Formulierungen, die ein rechtsnationales Fundament haben, im Establishment angekommen sind. Und das, welch Ironie, in einer Sendung, in der es um das Erbe der 68er geht - die "an den Schaltstellen des Landes" sitzen, es "ruiniert" haben und "uns das Denken" vorschreiben, so der Teaser: "Braucht das Land jetzt eine konservative Revolution? Oder kann man stolz sein auf 1968, das so viel verändert hat?"

Mit der offensichtlichen Replik: "Ähm, wer regiert seit fast 13 Jahren?" wäre die Sendung natürlich schnell vorbei gewesen. Erhellender war's auch in der Langversion nicht. Stattdessen bewies die Redaktion, dass eine Talkrunde eher zur wirren Kaminabendplauderei wird, wenn gleich drei Gäste eben "dabei", also alt genug waren: Ewig-Kommunarde Rainer Langhans und Ex-München-"Tatort"-Kommissarin Michaela May erzählten von freier Liebe, autoritären Vaterfiguren, dem Stigma Langhaariger und klärten die drängende Frage, wo der Satz "Wer zweimal mit der gleichen pennt, gehört schon zum Establishment" nun eigentlich herkommt (Wer's wissen will: "Erfindung der Presse", sagt Langhans); während Berlins Ex-Regierender Klaus Wowereit angenehm zurückgelehnt im Allgemeinen blieb.

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Dazu sind im Studio noch zwei Nachgeborene an den politischen Außenpositionen dabei, die Mitherausgeberin des feministischen Popkulturmagazins "Missy", Stefanie Lohaus, die irgendwann resignierte. Und CSU-Digital-Staatsministerin Dorothee Bär, die nicht den Langmut hatte, Hanebüchenes von Langhans schlicht zu ignorieren. SPIEGEL-Journalist Jan Fleischhauer, 1968 gerade mal sechs Jahre alt, war offenbar am Tisch, um neben Bär die konservative Front zu bilden - um dann doch die Rolle des jovial Ausgleichenden zu übernehmen: "Frau Bär, ich glaube Herr Dobrindt ist da nicht zu retten", warf er beim Kurzexkurs zum Thema "Konservative Revolution" ein. Man könne nun wirklich nicht so tun, als hätte Kohl nicht 16 Jahre lang regiert.

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Doch keiner war da mit der Kompetenz, all das leichtfertig Zusammengeworfene aus Kinderläden, Pädophilie, freier Liebe, Heimatministerium, Frauenschwimmen für Musliminnen und den Kampf gegen das Schweigen der Nazigeneration historisch zu sortieren. So blieben diese Fetzen meist mitten in der Luft hängen - ehrlich, sie hier wiederzugeben, ist so müßig, wie eine alte Folge "Dschungelcamp" zu schauen. Es versendet sich.

Geradezu fruchtbar dagegen war zu sehen, wie Extrempositionen verpufften. Etwa als Dorothee Bär zu folgender These anhob: "Die 68er haben Probleme, andere Lebensformen zu tolerieren", es handle sich um "die Verklärung eines Mythos, die Bundesrepublik hätte sich besser entwickelt ohne die 68er." Woraufhin Klaus Wowereit dankenswerterweise knapp auf den umstrittenen Paragraf 175 und den Kuppelparagraf verwies und nebenher riet, als Zeitreise in die Repression die ZDF-Serie "Ku'damm 59" anzuschauen. Keiner sage, dass alles, was zu jener breiten Bewegung gehörte, super gewesen sei, aber: Es sei "völlig abstrus", diese "historische Zeit zu ignorieren", die so viel Liberalisierung mit sich gebracht habe. "Frau Bär mit ihrem Gesellschaftsbild dürfte jetzt gar nicht hier sitzen, sondern müsste sich zu Hause um die Kinder kümmern." Rumms.

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Es seien doch aber Unionsministerinnen gewesen, so Bär, die Frauen die Wahlfreiheit ermöglicht hätten, dank Kita-Anspruch, Vätermonaten und so weiter. "Ich möchte etwas Verbindendes sagen", schob "Missy"-Macherin Lohaus nach, diplomatisch wie eine Uno-Sondergesandte: "Das Erbe von 68 ist, dass es überhaupt Wahlmöglichkeiten gibt."

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Nur als Rainer Langhans sich grinsend in immer engere Schlaufen verhedderte, wünschte man sich einen Moderator, der reingrätschte wie bei allen anderen. Langhans verstieg sich in einer unsäglichen These über autistische Kinder und beharrte darauf, dass auch heute die Kleinfamilie die Wurzel allen Übels sei. Damit nahm er sich jede Chance, gehört zu werden. Er, geboren 1940, sagte auch: "Wir saßen auf den Leichenhaufen unserer lieben Mördereltern." Dass für viele damals die autoritär geprägte Kleinfamilie der Hort des Faschismus war, dass sie daran glaubten, ein "Mörder-Gen" in sich zu tragen, und all das ersetzen wollten mit Liebe, ist da leicht vorstellbar.

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Auch deshalb wäre Plasbergs Redaktion besser gefahren, die hochpolitische Dimension des Themas ernst zu nehmen - sprich: Mal in der Runde zu überlegen, wieso die aktuellen rechtskonservativ-bis-völkischen Strömungen in Deutschland den Zeitgeist der 68er so erfolgreich zu ihrem Feindbild erklärt haben. Und ins Davor zurückfallen wollen.

Wie diese Gesellschaft damals genau aussah, lässt sich an den SPIEGEL-Titelgeschichten von 1968 ganz gut ablesen. Auf jene über "Das uneheliche Kind" folgte - vor genau 50 Jahren und zwei Tagen - "Studenten auf den Barrikaden" .

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