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25. Juni 2019, 06:52 Uhr

"Hart aber fair" über die Grünen

"...oder dieser Hype macht flupp"

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Frank Plasberg diskutierte mit seinen Gästen über den Höhenflug der Grünen, über die Gemeinsamkeiten der Partei mit der AfD, über Doppelmoral und einen möglichen Kanzler Habeck. Das Wichtigste zur Sendung im Überblick.

"Beim Klima prima - aber was wollen die Grünen noch alles?" titelte Frank Plasberg am Montagabend. Eine Antwort auf die Frage hatte die Sendung nicht zu bieten. Stattdessen gab's Personalspekulationen und einen Evergreen. Der Überblick:

Die Bundeskanzler-Habeck-Vision des Abends: Sogar einen "Tagesschau"-Ausschnitt vom 1. Dezember 2021, demzufolge der Bundeskanzler Robert Habeck gerade eine Strategie für besseren Klimaschutz vorstellte, hatte Frank Plasberg seine Redaktion basteln lassen - nur um Katharina Schulze dazu aus der Reserve zu locken. Vergeblich. Die GroKo gebe es ja noch, die Frage stelle sich nicht, antwortete die Fraktionsvorsitzende der Grünen im bayerischen Landtag.

Schon eher ließ sich der JU-Vorsitzende Tilman Kuban vom Bild des Kanzlers Habeck triggern: Wenn dieser eine Klimastrategie vorstelle, "dann möchte ich auch gern mal wissen, was drinsteht", so Kuban. Momentan wisse man das nämlich nicht so genau: "Da steht groß Gute-Laune-Bär drauf, aber sonst nicht viel drin."

"Die Grünen machen es sich bequem und bleiben bei Überschriften", kritisierte auch "Welt"-Redakteurin Claudia Kade. Wenn sie sich für einen Kanzlerkandidaten oder eine -kandidatin entscheiden müssten, "würde vielleicht das aufbrechen, was Habeck und Baerbock gerade ganz gut im Griff haben: die alten Flügelkämpfe, die es immer gab".

Die Stadt-Land-Schere des Abends: Wie der Höhenflug der Grünen in Brandenburg auf dem Land wahrgenommen werde, wollte Plasberg von der dort lebenden Schriftstellerin Juli Zeh wissen. Wenn sie mit den Menschen rede, habe sie das Gefühl, es sei "das totale Kontrastprogramm zu dem Diskurs, der im urbanen Raum geführt wird", gab die Autorin zurück. In den ländlichen Räumen werde der grüne Erfolg "tatsächlich als 'ne Bedrohung wahrgenommen, und zwar so stark, dass ich mir manchmal schon Sorgen mache, ob nicht der Hype um Habeck zu einer neuen Polarisierung führen kann in der Gesellschaft" - dass also Menschen, um Habeck zu verhindern, "das Gegenteil" wählten.

Was denn das Gegenteil von Habeck sei, fragte Plasberg nach. "Das wäre wohl die AfD", erklärte Zeh. Deren "unterkomplexe" Slogans wie "Rettet den Diesel" oder "Stoppt die Windkraft" seien "unfassbar wirkungsvoll".

Der AfD-Grüne-Vergleich des Abends: Da erkannte Tilman Kuban die Gelegenheit zum AfD-Grünen-Vergleich, und er konnte sie nicht ungenutzt lassen: "Am Ende sind sie sich sehr ähnlich", formulierte der JU-Chef, "sie spielen beide mit Ängsten. Die einen mit der Angst vor dem großen Klimakollaps, die anderen mit den Ängsten rund um die Migration."

Ein "starkes Stück" fand Katharina Schulze diese Gleichsetzung, da die AfD im Gegensatz zu den Grünen nicht auf dem Boden des Grundgesetzes stehe. Im Übrigen sei der Slogan der Grünen bei der bayerischen Landtagswahl "Mut geben statt Angst machen" gewesen - womit sie nicht nur in den Städten hinzugewonnen hätten, sondern auch "auf dem flachen Land".

Unterstützung bekam sie vom Kabarettisten und Moderator Florian Schroeder: "Viele Menschen haben verstanden, dass dieses Klimathema eben nicht irgendeines ist und dass es auch kein Angst-Thema ist" - es sei "fatal", das mit der AfD zu vergleichen.

Die Stillstands-Kontroverse des Abends: "Wenn es einer Region infrastrukturell schlecht geht, dann wirkt Umweltschutz fast wie ein Luxusziel", blieb Juli Zeh bei ihrer Analyse. Wer nicht wisse, wie sein Kind zur 30 Kilometer entfernten Schule kommen soll, fühle sich "veräppelt", wenn sich andere um "To-go-Becher" sorgten. Katharina Schulzes These, Grünenwähler hätten erkannt, "dass wir uns Stillstand nicht mehr leisten können", wollte Zeh nicht als allgemeingültig anerkennen: Stillstand sei keine Konsenswahrnehmung, nicht wenigen sei "das Veränderungstempo sogar eher zu schnell". Der Erfolg der Grünen hänge sehr daran, dass "ihr mit frischem Wind, guten Figuren und einem enorm schwächelnden volksparteilichen Sektor aufm Tableau steht". Dieser Hype sei aber zu wenig gestützt auf "tragbare Entwürfe" für die Zukunft. Ihr Eindruck sei: "Entweder müsst ihr da noch wahnsinnig viel leisten in den nächsten Jahren, oder dieser Hype macht flupp."

Der Evergreen des Abends: Bestand im alten Vorwurf, die Grünen seien eine "Verbotspartei". Plasberg spielte entsprechende Ausschnitte aus Tilman Kubans Bewerbungsrede um den JU-Vorsitz ein, in der er den Grünen "Verbotsfetischismus" vorgeworfen hatte. Sie könne da nur noch "müde den Kopf schütteln", entgegnete Katharina Schulze, diese "Verbotskeule" sei doch langweilig. Als dann die Rede auf den einst umstrittenen Grünen-Vorschlag eines "Veggie Days" kam, der heute längst in vielen Kantinen gang und gäbe sei, stellte Juli Zeh fest: "Manche Ziele entwickeln sich mit dem Zeitgeist voran."

Der Eisbecher-Exkurs des Abends: Ein Eisbecher-Foto auf ihrem Instagram-Account hatte Katharina Schulze im Januar einen Shitstorm eingebracht - zum einen, weil sie das Eis nach einer Flugreise in Kalifornien gegessen hatte, zum anderen, weil das Posting einen Plastikbecher samt Plastiklöffel zeigte. Nun sollte daran eine Glaubwürdigkeitsdebatte aufgehängt werden. Sie habe in den USA studiert, verteidigte sich Schulze, und außerdem: "Wir brauchen nicht den besseren Menschen, sondern bessere Politik. Wir müssen an die großen Treiber ran." Es gehe darum, Kurzstreckenflüge zu vermeiden, Bahnfahren billiger zu machen und Kerosin zu besteuern. Hier lieferte sie sich einen Schlagabtausch mit Tilman Kuban, der in punkto Besteuerung die Notwendigkeit einer "internationalen Lösung" betonte.

Ein Einspieler mit Grünen-Sympathisanten, die gerade am Flughafen in den Urlaub aufbrachen, verschaffte Kabarettist Schroeder noch Gelegenheit zu einer Spitze: "Es gibt keine Partei, die so attraktiv ist für Doppelmoral wie die Grünen: Weil man weiß, man tut etwas Gutes, und dann fliegt man aber erst recht in den Urlaub." Das sei in der DNA des Grünenwählers drin.

Die Essenseinladungen des Abends: Noch vor der Schlussrunde, in der Plasberg seine Gäste aufforderte, sich zwischen Essenseinladungen von Robert Habeck und Annalena Baerbock zu entscheiden, kam es ganz unaufgefordert zur Versöhnungsgeste zwischen Schulze und Kuban: "Wir gehen zusammen Eis essen", erklärte der JU-Vorsitzende, "aber in 'ner Waffel".

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