Flüchtlingstalk bei "Hart aber fair" Das helle Deutschland lässt grüßen

Die ARD und Frank Plasberg bemühten sich, mit einem Abend zum Thema Flüchtlinge das Positive in den Blick zu rücken. Das war wohltuend - aber fast ein bisschen zu viel des Guten.

WDR/ Oliver Ziebe

Doch, ja, es geht auch anders. Mögen die Fragen der Flüchtlingspolitik auch noch so sehr mit leicht entzündbarem Streitstoff aufgeladen sein, so ist es doch möglich, ohne den weithin üblichen Alarmismus das Positive in den Blick zu nehmen. Mit ihrem Themenabend ist das der ARD jedenfalls gelungen - Frank Plasbergs "Hart aber fair"-Ausgabe eingeschlossen, die deutlich das Bemühen erkennen ließ, das zwischen Hilfsbereitschaft und Hilflosigkeit schwankende Land der Deutschen in ein möglichst helles Licht zu rücken.

Titelbild
Mehr dazu im SPIEGEL
Heft 36/2015
Es liegt an uns, wie wir leben werden. Ein Manifest.

Fast konnte man den Eindruck gewinnen, als hätte es der verspätet ausgegebenen Kanzlerinnen-Devise "Wir schaffen das!" gar nicht mehr bedurft: So viele Beispiele bürgerlichen Engagements, so viele gute, mutmachende Worte, so wenig konfrontativer Disput - und das, obwohl in der Runde auch wieder mal Bayerns Innenminister Joachim Herrmann saß, der Roberto Blanco "einen wunderbaren Neger" nannte, zwischen richtigen und falschen Flüchtlingen unterschied und für sein Projekt auf Abschiebung spezialisierter Erstaufnahmelager werben durfte.

Ulrich Reitz, Chefredakteur des "Focus", der jüngst in einer Ausgabe genau die heikle Unterscheidung zwischen Kriegs- und Balkanflüchtlingen ins Visier genommen hatte, schien allerdings nicht so recht in der Stimmung, das Problem weiter zu vertiefen. Stattdessen pflichtete er erst mal dem SPIEGEL bei, der in der Lösung der Flüchtlingsfrage die Chancen zur Entwicklung einer weltoffeneren bundesdeutschen Gesellschaft sieht. "Ja, es stimmt, die Flüchtlinge sind eine riesengroße Chance."

Da sprach er Ranga Yogeshwar aus dem Herzen, dem engagierten Journalisten und Moderator, der bisweilen regelrecht ins Schwärmen geriet: "Die haben so viel Energie, da gibt es irrsinnig viele Talente." Als Zeugin dafür, wie schwer es einem dennoch gemacht werden kann, saß in der Runde Nurjana Arslanova, eine junge Frau aus dem kaukasischen Dagestan, die zehn Jahre in Flüchtlingsunterkünften zubrachte. Sie habe sich oft gefragt, weshalb sie mit ihrer Familie zu viert auf zwanzig Quadratmetern leben müsse ("ich habe doch nichts verbrochen") und wozu sie überhaupt lerne. Und dem abschiebefreudigen Minister aus Bayern gab sie bitter zu bedenken, niemand lasse seine Heimat und sein Hab und Gut hinter sich, nur um sich mal in Deutschland ein paar schöne Tage zu machen.

Es blieben letztlich die prononciertesten Äußerungen des Abends, an dem offenbar niemand so recht auf schärfere Debatten aus war und weithin die ruhige Erörterung des Notwendigen dominierte. Gewiss hatte es auch etwas Wohltuendes, die Erwähnung der braunen Hasswelle auf das Unumgängliche beschränkt zu sehen. Doch gelegentlich konnte man sich als Zuschauer dann doch bei dem Gedanken ertappen, ob es des Gutgemeinten nicht ein bisschen zu viel wurde.

Grünen-Chefin Simone Peter sah sich sogar veranlasst, dem Christsozialen insofern beizupflichten, als etwas zur "Entlastung des Asylsystems" getan und "Korridore für den Arbeitsmarkt" eröffnet werden müssten. Aber zugleich vermied sie es, den Begriff Einwanderungsland auch nur einmal in den Mund zu nehmen und beschränkte sich auf eher zurückhaltende Kritik an den notorischen Missbrauchsvorwürfen aus dem deutschen Südstaat sowie auf die Formel, es gebe zwar eine Herausforderung, aber keine Überforderung.

Wie es mit deren Bewältigung im Alltag aussieht, illustrierte höchst anschaulich ein Blick in das Arbeitsleben von Heike Jüngling, der vielgeplagten, aber dennoch unverdrossenen Sozialdezernentin der Stadt Königswinter, was Moderator Plasberg zu der Frage veranlasste, ob es mit der Organisationskunst im Staate Deutschland womöglich doch etwas weniger weit her sei als oft gedacht. Vielleicht wäre es interessant gewesen, hierzu einmal den Bundesinnenminister zu hören, der eingeladen, aber angeblich leider verhindert war.

Am Ende gab es dann die Bilder jenes Zauns, den die Ungarn bauen - ein Vierteljahrhundert, nachdem sie den Eisernen Vorhang zerschnitten. Und damit rückte der Teil Europas ins Blickfeld, in dem es eher dunkel aussieht.

insgesamt 81 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
tommit 01.09.2015
1. Soviele Beispiel von Bürgerinitiave
und interessant ist der Kommentar der Politiker dazu? Wann wird die 'Sozialdezernentin' erwachsen? Wir wählen die Kommentatoren die Beispiel kommentieren von denen die wenigsten Teilnehmer im Talk sitzen. Der Zuschauer ist unter sich selbst anscheinend nichts wert. Ist wie in den Automagazinen.. immer den letzten Ferrari sehen woillen , auch wenn man ihn sich nicht leisten kann und schon lange die eigentliuche Arbeit macht anstaat nur mit schönem Lack in der Garage zu stehen...
karl01 01.09.2015
2. Ein Freund aus Pakistan...
Vor einigen Jahren lebte ich mit einem jungen Mann aus Pakistan 6 Monate in einer WG. Nach einer Runde Skepsis, freundeten wir uns an und ich bekam Einblicke in sein Leben. Er lebte in einem kleinen Dorf in der Nähe der Grenze zu Indien. In seinem Dorf hatten 2 Leute ein Auto. Der Geistliche und seine Familie. Sie waren im Dorf eine relativ wohlhabende Familie mit 5 Angestellten. Die Familie hatte viel Geld in die Reise nach Deutschland investiert, damit er hier Asyl bzw. einen deutschen Pass bekommt. Im Ausland gilt Deutschland als Land, in dem man leicht viel Geld verdienen kann. Er erhielt in Deutschland immerhin eine Duldung und hielt sich mit Jobs bei anderen Pakistani über Wasser. Um zu heiraten und noch Papiere zu bekommen, hatte er eine kräftigere ;), ältere Freundin die das Ganze, wie mir vorkam sexuell auch ausnutzte. Die Familie fragte öfters nach wann denn das Geld wieder kommen würde. In ihrer Not sagen die meisten nicht die Wahrheit, das es hier nicht so rosig mit Geld verdienen ist (war in Leipzig), sondern vertrösten die wartende Familie auf später. Eine so hohe Investition belastet auch die Familie. In seiner Heimat war er jemand, hier nur ein kleiner Angestellter bei einem anderen Pakistani. Zu Hause tolle Freundinnen, hier....er war öfters frustriert...das Ganze war 1998. Auch später wurde es nicht besser...Die heutigen Zahlen allein von Ihren Familien geschickter Männer erreichen eine ganz andere Dimension...leider...die sich nach einiger Zeit am meisten freuen, sind die gut verdienende Schleppermafia...Ich weis nicht ob es so gut ist, das Deutschland von Einigen als so reich und wohlhabend dargestellt wird, obwohl wir es selbst bei der guten Wirtschaftslage nicht geschafft haben von unseren 2100 Milliarden Schulden auch nur eine abzubauen.
MarkusW77 01.09.2015
3.
Wie euphorisch der yogeshwar über Smartphones bei den Flüchtlingen reden konnte, während er sie sonst immer in den Talkrunden als Zeitfresser verteufelt und seinen Kindern den Umgang damit einschränkt. Und das eine Frau aus dem Kosovo, die für ihre Kinder nur hier die notwendige ärztliche Hilfe erhalten kann rein menschlich gesehen jedes Recht der Welt hat, hierher zu kommen, finde ich zwar selbstverständlich, aber nicht rechtlich in Ordnung. Dann müssten 7 Milliarden Menschen das Recht haben hier zu kommen, und das geht nicht. Also taugen diese traurigen Einzelfälle nicht so wirklich um Standards durch zu drücken.
naeggha 01.09.2015
4. gut gemacht
habe die Sendungund auch die vorgeschaltete Doku gesehen. Gut recherchiert. Botschaft ist angekommen. Die Flüchtlingsfrau war überzeugend. Wir dürfen nicht vergessen Mensch zu sein. Wer schimpft hat fast immer Angst um Geld. Wenn Sie krank sind, sei Ihnen gesagt: Mit Geld bekommen Sie keine Spenderniere. Das geht auch nur uber Menschlichkeit
tilldossantos 01.09.2015
5.
Das "helle Deutschland" und der "wunderbare Neger". Schmunzeln erlaubt...
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.