Jonas Leppin

Antisemitismus-Debatte bei "Hart aber fair" Wir lassen das nicht stehen

Bei "Plasberg" wird eine antisemitische Zuschauermail verlesen, es passiert: nichts. Hat der Moderator seine Sendung noch im Griff? Es bleibt die Erkenntnis, dass Rassismus in der Mitte der Gesellschaft salonfähig ist.
ARD-Sendung "Hart aber fair": nichts ist gut

ARD-Sendung "Hart aber fair": nichts ist gut

Foto: Oliver Ziebe/ WDR

Frank Plasberg hat am Montag in seiner ARD-Talkshow "Hart aber fair" über Judenhass in Deutschland gesprochen: "Wieder da oder nie wirklich weg?", fragte er fünf Tage nach dem Anschlag in Halle. Und wie es gegen Ende üblich ist, verlas seine Kollegin Brigitte Büscher auch direkt die Zuschauerreaktionen zur Sendung.

Eingeblendet wurde der Kommentar einer Frau: "Vielleicht sollte man allmählich das Judenthema etwas zurücknehmen, denn genau das schürt Hass. Wir wissen um unsere Vergangenheit, die Kinder bekommen es in der Schule auch eingetrichtert und gut ist's."

Die Reaktion von Frank Plasberg: "Wir lassen das einfach mal stehen, das ist eine Zuschauerdiskussion mitten aus Deutschland an einem Montagabend." - "Genau", sagte auch Büscher. Es ging weiter. Damit entglitt Frank Plasberg erneut eine Sendung, in der er versuchte, rechten Terror in unserer Gesellschaft einzuordnen. Und wie auch schon ein paar Monate zuvor - als Plasberg in einer Sendung zum Lübcke-Mord daran scheiterte, die AfD zu entlarven - , ist es geboten, das zu dokumentieren.

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Mag sein, dass es ein redaktionelles Konzept ist, Zuschauermails unkommentiert zu lassen. Dann ist es ein schlechtes Konzept. Es wäre Aufgabe von Frank Plasberg gewesen, als Moderator diesen Kommentar einzuordnen. Ihn zu dechiffrieren und nicht so zu tun, als wäre Antisemitismus eine durchaus interessante Perspektive, die als eine von vielen die Diskussionsrunde bereichert.

Dass sofort danach eine weitere Zuschauerin zitiert wurde, die der antisemitischen Aussage widersprach, mag gut gemeint gewesen sein - tatsächlich entlarvt es aber einmal mehr, dass beide Haltungen aus Sicht der Redaktion als konträre Meinungen gleichberechtigt nebeneinander stehen können.

In der Aussage der zuerst zitierten Frau erkennt man dabei genau die Art von Holocaust-Relativierung, mit der schon der AfD-Vorsitzende Alexander Gauland versucht hat, den Nationalsozialismus abzutun, als "Vogelschiss" in der deutschen Geschichte - eine perfide Relativierung, die Abwehr von Schuld und Erinnerung. Auch hier wird wieder suggeriert, es sei doch mal gut. Aber nichts ist gut.

Wenn Bürgerinnen und Bürger nach dem Amoklauf eines rechten Terroristen in Halle die Lösung darin sehen, jetzt bitte nicht zu viel zu berichten, dann wissen sie im Zweifel eher zu wenig über unsere Vergangenheit als zu viel. Dann muss der rechte Terror noch offener thematisiert werden.

Der "sekundäre Antisemitismus", so wie er bei "Hart aber fair" verlesen wurde, ist dabei genauso gefährlich wie der "klassische Antisemitismus". Denn in dieser vermeintlich abgemilderten Form, die aber den rassistischen Kern tatsächlich nur verschleiert, verbreiten sich die Gedanken noch schneller in der Gesellschaft.

Frank Plasberg steht mit seiner prominenten Sendung in einer besonderen Verantwortung: Wenn er Antisemitismus nicht erkennt, nicht widerspricht, sondern als Montagabendphänomen durchwinkt, hilft er mit, rechtes Gedankengut zu normalisieren.

Das Traurige ist, dass eine Selbstverständlichkeit jetzt noch mal kommentiert werden muss: Nein, es ist nicht in Ordnung, antisemitische Statements im öffentlich-rechtlichen Fernsehen ohne Einordnung vorzulesen. Nein, das ist keine normale Zuschauerdiskussion aus der Mitte Deutschlands - es ist der Beweis, dass Antisemitismus auch in der Mitte der Gesellschaft längst salonfähig geworden ist. Und das lassen wir nicht einfach stehen.