"Hart aber fair"-Jahresrückblick Stoiber hat spezifische Probleme am Hals

Mit fragwürdigem Konzept versuchte sich Frank Plasberg an einem Jahresrückblick, heraus kam aber nur eine "Hart aber fair"-Sendung mit thematischer Schieflage und viel Redundanz. Der Check.

Edmund Stoiber, Alice Schwarzer
WDR/ Oliver Ziebe

Edmund Stoiber, Alice Schwarzer


Die Sendung: Manche mögen's schrill. "Das Schockjahr 2016 - nur Schurken, kaum Helden?", titelte Frank Plasberg in vermeintlich besonders originellem Jahresrückblick-Modus. Doch die plakative Reduktion auf dieses simple Schwarz-Weiß-Schema funktionierte nicht. Was dabei herauskam, erwies sich als eher zähe "Hart aber fair"-Ausgabe mit thematischer Schieflage und viel Redundanz.

Die Gäste: Edmund Stoiber, CSU-Ehrenvorsitzender; Publizistin Alice Schwarzer; Serdar Somuncu, Autor und Kabarettist; Baden-Württembergs SPD-Chefin Leni Breymaier; Rolf-Dieter Krause, ehemaliger Brüssel-Korrespondent der ARD.

Die Absicht: Flüchtlingskrise, Sexmobs, Terror, Populismus, Brexit, Trump-Wahl - alles sollte irgendwie zur Sprache kommen, getreu der hehren Plasberg-Devise "Reden schafft Orientierung". Vor allem aber musste es passgenau in das Titelkonstrukt gepresst werden. Damit der Zuschauer das auch bloß nicht vergaß, gab es immer wieder "Helden/Schurken"-Straßenbefragungseinspieler aus Berlin, Bochum und München, etwa zu Merkel oder Seehofer. Krauses dringender Rat, deutsche Regierende weder zu heroisieren noch zu dämonisieren, half da leider auch nicht mehr.

Die Ausführung: Dass das Konzept schon rein zeitlich kaum aufgehen würde, zeichnete sich spätestens nach einer halben Stunde ab, als die Debatte immer noch bei der Kölner Silvesternacht festhing. Alice Schwarzer ließ es sich nicht nehmen, die Ereignisse, um die es "Sprech- und Denkverbote" gegeben habe, noch einmal als "Terror" zu brandmarken - was auch Leni Breymaier so sah. Die Publizistin versuchte aber dann auch den Blick auf die alltägliche Gewalt gegen Frauen zu lenken.

Prompt warnte Stoiber vor Relativierung. Nachdem er bereits mehrfach seine Lieblingsformulierung "unkontrollierte Zuwanderung" angebracht hatte, legte er jetzt Wert auf die Feststellung, man habe wegen derselben "spezifische Probleme am Hals." 50 Minuten verstrichen, und immer noch ging es um die Flüchtlinge, oder, um es mit der tapfer-korrekten Frau Breymaier zu sagen, um "Geflüchtete". Fast wäre am Ende auch noch Erwähnenswertes zum Thema PC geäußert worden, aber da reichte die Zeit nicht mehr, denn wenigstens ein paar der üblichen Worte mussten ja schließlich dann doch noch über Trump verloren werden.

Positionen: Hätte der Titel "Rechthaber des Abends" vergeben werden müssen, wäre er zweifellos an den Ober-Bayern a.D. gegangen. War Stoiber es doch, der alles vor einem Jahr so hatte kommen sehen. Jetzt aber konnte er nicht ohne Genugtuung konstatieren, dass sich in jener CDU, die im Lauf des Jahres bei fünf Landtagswahlen 330.000 Wähler an die AfD verlor, "vieles in Richtung CSU entwickelt".

Somuncu sah derweil "latente Ausländerfeindlichkeit" bei der CSU und prangerte verbreitete Arroganz gegen die Wirtschaftsflüchtlinge an. Krause warf noch einmal die Frage auf, was die Kanzlerin angesichts des Elends auf dem Mittelmeer und in Budapest denn anderes habe machen sollen, plädierte aber ebenso für strikte Rechtsstaatlichkeit: Für Marokkaner, auch in Brüssel eine notorische Problemgruppe, bestehe nun mal kein Aufenthaltsgrund.

Befunde: Immer nur werde über die Geflüchteten geredet, aber nicht über die soziale Frage in Deutschland und der Welt, klagte ziemlich einsam die Sozialdemokratin, einzige aktive Parteipolitikerin am Tisch. Das traf für diese Sendung gewiss zu, bei der es im Prinzip immer wieder im Nabelschau-Modus um die einschlägige Stimmungslage der Nation ging. Was die betrifft in ihrem Umschwung nach der Willkommenseuphorie, so brachte es Beobachter Krause am prägnantesten auf den Punkt: "Die Deutschen als Nation sind manisch-depressiv". Somuncu warb pragmatisch für den gesunden Mittelweg.

Nebenerkenntnisse: Der Kabarettist ließ durchblicken, dass er auch designierter Kanzlerkandidat für "Die Partei" ist, der SPD aber zunächst mal eine faire Chance zum Verlieren geben möchte. Und Stoiber hatte eigens für Plasberg die Weihnachtsfeier des FC Bayern sausen lassen. Mag sein, dass ihm der Moderator deshalb zum Trost für entgangene Freuden das mit Abstand größte Redezeit-Kontingent zugestand.



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