"Hart aber fair" zu Corona und Demos "Da wirkt man an einem Mythos mit, den die Rechtsextremen gerne hätten"

Frank Plasberg zieht den Faden durch einen Schwung von Einzelphänomenen, die die Corona-Debatte treiben: von Karneval bis Reichsflaggen auf Demos. Apropos: Berlins Regierender Bürgermeister räumt Fehler ein.
Von Klaus Raab
Frank Plasberg mit Gästen: Nicht alle Demonstrantinnen und Demonstranten "in die Spinnerecke" stellen

Frank Plasberg mit Gästen: Nicht alle Demonstrantinnen und Demonstranten "in die Spinnerecke" stellen

Foto: © WDR/Oliver Ziebe

Treffen sich der Kopf einer rot-rot-grünen Regierung (Michael Müller, SPD), ein konservativer Journalist (Jasper von Altenbockum, FAZ), eine diskriminierungserfahrene Lehrerin (Lamya Kaddor), ein rheinischer Karnevalist (Bernd Stelter) und eine Fernsehmedizinerin (Julia Fischer), um über vor dem Reichstag geschwenkte Reichsflaggen, partylustige Teenager, Reiserückkehrer, den Föderalismus, Covid-19-Fallzahlen und die Existenznöte privater Theater zu reden.

Der Witz an "Hart aber fair" ist dann aber der: Am Ende macht Frank Plasberg einen Deckel drauf, jedes Thema ist verräumt, und alles wie von Zauberhand zusammengefügt.

Es gibt Ausgaben des Talks, da klappt's nicht so, wie es wohl im Konzept stand. Wenn ein Gast partout nicht mitspielt. Wenn das Sendungsthema zwischen Tiergeschichten und Ratgeberquatsch gefunden wurde und man als Zuschauer damit beschäftigt ist, sich an den Kopf zu fassen.

Diesmal aber ist es von A wie "aktuell" bis Z wie "Zuschauererwartung" gutes Fernsehhandwerk: Die Sendung mit den Schlagworten "Corona-Verbote" und "Freiheit" im Titel ist kurz nach der Corona-Demonstration in Berlin nicht nur beinahe tagesaktuell. Es ist auch der Regierende da und wird im populären Jargon des Sportjournalismus zumindest scheinhart befragt ("Wie glücklich sind Sie…?"). Er sagt sogar Dinge, die man mitgekriegt haben will: nur drei Polizisten, die den Bundestag absicherten, während Reichsflaggenschwenker die Treppe hochstiegen? Das "muss anders gesichert werden in Zukunft, gar keine Frage", sagt Müller: "Das müssen wir anders koordinieren."

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Das zunächst erfolgte Demonstrationsverbot freilich verteidigt er. Es habe "einen Vorläufer" der Veranstaltung vom Wochenende gegeben, und die Corona-Auflagen seien schon damals missachtet worden. Damit sei also zu rechnen gewesen. "Man kann nicht vom Konjunktiv ausgehen", findet allerdings Jasper von Altenbockum und hat Lamya Kaddor auf seiner Seite: Das "Verbot im Vorhinein" sei "strategisch vielleicht nicht besonders klug" gewesen. Stichwort: "jetzt erst recht."

Auch mal Lobbyarbeit für das Partyvolk machen

Zwischendurch - auch das gehört zum Handwerkszeug eines Breiten-Talks, der kein Universitätsseminar ist - blickt man in Abgründe (diese Partyjugend!, trotz Corona!), kann sich dort aber womöglich selbst sehen, sofern man selbst mal 16 war. Und außerdem menschelt es, wenn die anwesende Lehrerin kurzerhand als Asthmatikerin identifiziert wird, damit sie auch für die Corona-Risikogruppe sprechen kann (und dann trotzdem Verständnis für den Feierwunsch junger Leute zeigt, die während der Pandemie "keine Lobby" hätten).

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Plasberg, kurz, zieht an diesem Abend einen roten Faden durch einen ganzen Schwung Einzelphänomene und Meinungen, die zwar zusammenhängen, aber auch leicht auseinanderfallen könnten.

Die Frage ist, wie er es anstellt? Nun, zum einen ist er im Bilde, was passieren wird. Die Sendung folgt, wie immer, klaren Vorgaben. Das sieht man schon daran, dass mehrere Unterthemen des Talks jenen entsprechen, die Jasper von Altenbockum zuletzt in der FAZ kommentiert hat. Er hat über Infektionszahlen bei Reiserückkehrern geschrieben, die Unterschiedlichkeit der Corona-Maßnahmen in den Ländern verteidigt und "bemühtem Frohsinn" für diese Saison eine Absage erteilt. Die Positionen sind bekannt, sie müssen nur noch nacheinander aufgerufen werden. "Hart aber fair" zu machen, könnte etwas von Kochen mit dem Thermomix haben: Man kann zwar von den Zutaten abweichen, aber wenn man es lässt, ist die Gelingwahrscheinlichkeit höher.

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Die Gefahr von rechts ist nicht neu

Zum anderen liegt es aber auch an den Gästen, die sich nicht so wenig zu sagen haben, wie es auf dem Papier aussieht. Das grobe Besteck haben sie zudem kollektiv zu Hause gelassen, was vor allem der Diskussion über die jüngste Corona-Demonstration zugutekommt. An diesem Abend aber wird das Volumen eher herunter- als hochgedreht. Jasper von Altenbockum rät etwa dazu, den Terminus "Sturm auf den Reichstag" nicht zu nutzen, nachdem er einmal gefallen ist: "Da wirkt man an einem Mythos mit, den die Rechtsextremen gerne hätten."

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Auch die notwendigen Differenzierungen - man dürfe nicht alle Demonstrantinnen und Demonstranten "in die Spinnerecke" stellen (Plasberg) – werden allesamt vorgenommen, bevor es um die Rechtsextremen geht. Einen guten Stich, um dann aber auch diese Differenzierungen nicht unverhandelbar wirken zu lassen, macht schließlich Lamya Kaddor: "Menschen, die für Vielfalt stehen", wie sie selbst, würden "regelmäßig bedroht", sagt sie. Die "Gefahr von rechts" sei nicht neu. Schon deshalb müsse man darauf achten, auf welcher Demonstration man mitlaufe. Den Vorwurf, sich dafür nicht zu interessieren, müssten sich Mitläufer gefallen lassen. Wenn sie selbst sich gegen die wachsende Islamfeindlichkeit stellen wolle, schließe sie sich ja auch nicht einer Demo von Salafisten an. Das sitzt.

Der Kabarettist tut gar nicht so weh

Und Bernd Stelter? Wenn ein Kabarettist kommt, hält man sonst gern mal die Luft an: Hoffentlich tut's nicht zu sehr weh. Stelter aber erweist sich als angenehmer Fürsprecher nicht nur des Karnevals, sondern auch der soloselbständigen Kulturschaffenden, deren Existenznot er glaubhaft machen kann, ohne auch nur in die Nähe des Werkzeugkastens der Verschwörungsgläubigen zu kommen.

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Damit es nicht langweilig wird, geht's dann noch in die obligatorisch besuchte Fußgängerzone, wo der Nachweis geführt wird, dass jeder Jeck anders ist: Der eine mag Bernd Stelter, will aber aus Infektionsschutzgründen derzeit nicht einmal umsonst in seine Show, die andere würde gehen, mag aber Stelter nicht… Immerhin, Wissenschaftsjournalistin Julia Fischer, die für die Virusfachfragen eingeladen ist und neben ihm sitzt, sagt: Wenn eine "effiziente Lüftung" vorhanden sei und "das Konzept stimmt, dann gehe ich mit".

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