"Hart aber fair" zu Trump Anker setzen und "Hardball" spielen

Macht Trump die deutsche Wirtschaft zum Verlierer, fragte Frank Plasberg. Seine Gäste wirkten gelassen und selbstbewusst. Daran änderte auch die Erklärung der Verhandlungstaktik des US-Präsidenten nichts.

Frank Plasberg (r.) mit Gästen
WDR/Dirk Borm

Frank Plasberg (r.) mit Gästen

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"Trump macht Ernst" mit seinem Quatsch, und Frank Plasberg fragt: "Wie warm müssen wir uns anziehen?" Ob ein gefütterter Mantel genügt? Oder sollten auch Mütze, Handschuhe und Schal bereitgelegt werden? Bei "Hart aber fair" liegt die Betonung auf "uns", und "wir" sind keine Reisenden, die nun auf internationalen Flughäfen festsitzen, - sondern Exportweltmeister.

"Macht Trump den ewigen Exportweltmeister zum Verlierer?", fragt denn auch Plasberg und grenzt damit die Richtung der Sendung ein. Waren im Wert von 114 Milliarden Euro verkaufen "wir" in die USA und kaufen nur 59 Milliarden aus Amerika, das macht einen Außenhandelsüberschuss von 55 Milliarden Euro. Tacheles.

Zu diesem Zweck hat er Matthias Schranner eingeladen, der sich als Experte für eigentlich hoffnungslose Verhandlungen durchaus einen Reim auf die ersten Amtshandlungen des Präsidenten machen kann. Jede Verhandlung, so Schranner, beginne mit einer Phase der Inszenierung und damit, "Anker zu setzen". Ein solcher Anker seien etwa die Ankündigungen, TTIP aufzukündigen, Zölle von bis zu 35 Prozent auf ausländische Produkte einzuführen oder eine Mauer zu Mexiko bauen zu wollen.

In der zweiten Phase folge die eigentliche Verhandlung, die eher selten auf eine Win-Win-Situation abziele. In den USA herrsche da schon kulturell der "eher sportlicher Ansatz", immer gewinnen zu wollen. Fairness spiele da keine Rolle, mit Diplomatie sei wenig auszurichten. Die Haltung müsse ein: "Hey, du willst'n Konflikt? Gerne, lass uns reden."

Lafontaine fällt "fast vom Stuhl"

Publizist Wolfram Weimer räumt launig ein: "Mir geht's immer so, wenn ich abends beim zweiten Glas Riesling denke, vielleicht ist doch etwas Gutes an ihm, dann bekomme ich morgens jedes Mal wieder eins auf die Mütze." Der Stil von Donald Trump fühle sich von europäischer Warte "an wie Reizhusten". Es werde nun weltpolitisch "Hardball" gespielt, Europa müsse sich neu formieren.

Ilse Aigner (CSU), bayerische Wirtschaftsministerin, hat Schranner zugehört und setzt erst einmal einen Anker. "Indirekt" hingen 70.000 Arbeitsplätze in den USA alleine am dortigen Engagement von BMW ab. Und darüber hinaus läge unsere tolle Bilanz daran, "dass wir eben hart gearbeitet haben" und "gute Produkte herstellen".

Da rollt Oskar Lafontaine von links mit den Augen. Unsere wunderbare Bilanz beruhe auf Lohndumping, und das sei unfair: "Ich bin natürlich ein Populist und dagegen. Die deutschen Arbeitnehmer haben einen Anspruch darauf, dass die deutschen Löhne genauso steigen wie in anderen Ländern." Im Übrigen wundere er sich über den Slogan "America First", denn das sei schon immer so gewesen. Es gebe kein Land, das in diesem Maße seine Politik durchsetzen würde wie die USA.

Für "die Wirtschaft" äußert sich der Unternehmer Carl-Martin Welcker, Verbandspräsident der Maschinenbauer, ganz generell gegen Trumps Attacken auf gewisse Prinzipien der Globalisierung. Er sieht eher Mexiko und China, sicher aber nicht seine eigene Branche oder gar Deutschland im Fokus der US-Politik. Aber "wir brauchen den freien Personenverkehr genauso, wie wir den freien Güterverkehr fordern", Freihandel helfe "dem Wohlstand aller".

Worauf Lafontaine nicht mehr an sich halten kann. Freihandel? "Das ist für mich eines der größten Lügenwörter überhaupt! Die wirtschaftlich Stärkeren zwingen den Schwächeren ihre Regeln auf." Inkonsequent sei Trump, weil in seinem Kabinett so viele Leute von der Wall Street hockten, "dass ich fast von Stuhl falle". Wobei es ihm "zunächst schon imponiert, wenn ein Politiker zu einem Wirtschaftsführer geht und sagt: So und so…".

Auch Europa müsse sich "formieren"

Wolfram Weimer: "Da wird mir angst und bange, wenn Sie und Trump einer Meinung sind. Nicht, dass Sie am Ende wie ein roter Trump in Deutschland rauskommen!" Plasberg sofort: "Twittern Sie?", worauf Lafontaine beruhigen kann, nein, er sei da untalentiert.

Melinda Crane, US-Journalistin bei der Deutschen Welle, treibt eine ganz andere Sorge um. Zwar diente "alles, was wir diese Woche gesehen haben, der Inszenierung von Donald Trump als Mann der Tat". Trumps Dekrete würden "nicht von den Behörden geschrieben", sondern von absoluten Amateuren. Maßgeblich beteiligt sei der Rechtsnationalist Steve Bannon, der nun auch noch im Sicherheitsrat sitzt.

Handelskriegerischen Vorschlägen, wie sie von SPIEGEL-ONLINE-Kolumnist Jan Fleischhauer zitiert werden, erteilt Crane eine Absage: "Das würde Trump anheizen." Sie würde sich ungern auf das Niveau "Auge um Auge" begeben und es lieber mit Michelle Obama halten: "When they go low, you should go high!"

Welcker gibt zu bedenken, Trump sei "eben kein Republikaner", er müsse sich vor niemandem rechtfertigen. Und Weimer wiederholt mehrfach, es werde nun weltpolitisch "Hardball" gespielt, auch Europa müsse sich "formieren", das könne ja auch eine erfreuliche Nachricht sein.

Ein Rätsel, wie Weimer während der Sendung an seine zwei Gläser Riesling gekommen ist. Thermounterwäsche trägt er jedenfalls noch nicht: "Vielleicht überrascht uns der Trump ja noch mit ein paar Dingen, wo wir sagen: Okay, er war unmöglich, aber es kam noch etwas Gutes!"

Korrekturhinweis: In einer früheren Fassung dieses Artikels wurde Ilse Aigner als "bayerische Landwirtschaftsministerin" bezeichnet. Dieses Amt hatte sie von 2008 bis 2013 auf Bundesebene inne. In Bayern leitet Aigner das Staatsministerium für Wirtschaft und Medien, Energie und Technologie.



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bmvjr 31.01.2017
1. Handeln statt reden
Den Tatbestand, dass die USA nun den Praesidenten haben der gewaehlt wurde, akzeptieren und die neue Situation richtig einschaetzen - das ist gefragt. Dann entsprechend handeln, sich vorbereiten soweit das geht und damit gewappnet sein fuer das was kommen mag. Wir in Deutschland werden Trump nicht stuerzen, also Schluss mit hiesigen Protesten und Verurteilungen und den Tatsachen ins Auge sehen. Wenn es draussen kalt wird hilft auch keine ewige Diskussion ueber unerwartete Temperatureinbrueche, sondern dann wird die Heizung angemacht und geprueft, ob genug Energieversorgung bevorratet ist.
napoleonwilson 31.01.2017
2. Trump...
Das ist das Problem von uns hier in Deutschland. Erst zerreden selbsternannte Experten alles. Dann weiteres Zerreden in Tallkshows. Und danach nochmaliges Zerreden in div. Newsmagazinen Foren ect. Und alle wissen alles besser. Ändern wird sich so nie etwas.
GinaBe 31.01.2017
3. Aufgeräumt und unterhaltsam
Mehr als angenehm überrascht verfolgte ich nach jahrelanger Plasberg- Abstinenz diese Sendung und vermisste jegliches Pöbeln überhaupt nicht. Anstelle ängstlich- aggressivem Vorgehen gegeneinander und zum vorgegebenem Thema äußerten sich alle überlegt und es wurde ein wirkliches Gespräch, aus welchem hervorlünkern wollte, daß Trumps "Politik" durchdacht und logisch ist und seinen Wahlversprechen folgt. Wie hoch ist eigentlich der amerikanische Mindestlohn? Gibt es dort also keinen Niedriglohnsektor? Fragen über Fragen...
guenther.kukla 31.01.2017
4. Lafontaine hat recht,...
.. Wenn er sagt, dass der praktizierte Freihandel eine Lüge ist. Tatsächlich nutzen wir unsere Stärken auf Kosten der ärmsten Länder schamlos aus. Und wunderrn uns dann, wenn deren perspektivlose Einwohner massiv an unserer Tür klopfen. Deutschland, Europa und die Welt werden lernen müssen wirklich fair miteinander umzugehen sonst drohen Krieg und wirtschaftlicher Niedergang. Aber unsere Politiker, die die Folge ihres Handelns scheinbar nicht erkennen wurschteln solange weiter, bis die Realität sie einholt. Aber dann wird es zu spät sein. Der nächste Zusammenbruch ist vorprogrammiert
kustgran 31.01.2017
5. Die richtigen Methoden mit schlechten Absichten
Dass da mal jemand kommt und die verkrusteten Strukturen aufreisst, wäre ja zu begrüßen, wenn es nicht ausgerechnet Trump und seine Vasallen wären mit ihrem gefährlichen Gedankengut. Warum nur waren die Demokraten nur so blöd, Bernie zu dissen und Clinton gegen Trump zu schicken? Warum nur? Aber wer weiß, vielleicht führt Trump die Welt doch zu was gutem, ungewollt zwar, aber das ist ja egal. Er eint seine Gegner. Und es gibt ja auch positive Signale. Nämlich dass nicht alle einfach kuschen.
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