"Hart aber fair" zu Trump "Betreutes Regieren"

"Hart aber fair" nahm sich wieder einmal Donald Trump vor - inklusive Fremdschämen und der Macht der Gewöhnung. Zum Glück gab es außenpolitische Nachhilfe von einem früheren Kohl-Berater.

"Hart aber fair"-Gäste Altmaier, Teltschik, Gaus, Navidi (v.l.)
WDR/Oliver Ziebe

"Hart aber fair"-Gäste Altmaier, Teltschik, Gaus, Navidi (v.l.)


Ein halbes Jahr ist Donald Trump nun im Amt, hat Handels- und Klimaabkommen gekündigt, die Verbündeten verprellt, aber auch Nachwahlen gewonnen und gerade erst mit seinem Einreisestopp für Muslime einen Teilerfolg vor dem Obersten Gerichtshof errungen. Gewöhnt sich der Rest der Menschheit allmählich an ihn? Die Frage Frank Plasbergs, der seine "Hart aber fair"-Sendung ein weiteres Mal dem amerikanischen Problempräsidenten widmete und titelte "Trumps neue Welt: Wild-West statt freier Westen?", erscheint nicht ganz unberechtigt.

Zumindest mutet es zunehmend schwierig an, immer noch neues Material herbeizuschaffen, um eine einschlägige Polit-Talkshow mit ausreichendem Empörungsstoff zu versorgen - es sei denn, man lädt einen alten Fahrensmann wie den einstigen außenpolitischen Berater des verstorbenen Kanzlers Helmut Kohl, Horst Teltschik, ein, der sich noch vergleichsweise ungehemmt echauffieren kann. Und Sandra Navidi, in New York lebende Unternehmensberaterin, lässt sich nach wie vor ohnehin so leicht von keinem überbieten, wenn es um die Schärfe der Kritik geht. Aufgefordert, etwas Positives über Trump zu sagen, nannte sie ihn den erfolgreichsten "Hochstapler".

Es gelte nun mal "zu trennen zwischen der Politik und dem Sozialverhalten" Trumps, empfahl derweil dessen deutscher Parteifreund Ralph Freund, der an diesem Abend durchweg entspannt wirkte und sich in seiner Eigenschaft als gleichzeitiges CDU-Mitglied großmütig ein starkes, geeintes Europa wünschte. Zum Pariser Klimaabkommen merkte er nonchalant an, es handele sich lediglich um eine "Wertegemeinschaft" - inhaltlich spiele die Aufkündigung sowieso keine Rolle.

Bettina Gaus, politische Korrespondentin der "taz", berichtete von ihrer jüngsten Reise durch genau dieselben US-Gegenden wie vor der Wahl und musste ziemlich ernüchtert feststellen, dass kein einziger Trump-Fan seine Wahl inzwischen bereue. An ein Amtsenthebungsverfahren mag sie inzwischen nicht mehr glauben. Im Übrigen gelangte sie zu der Erkenntnis, beide großen US-Parteien befänden sich in einem "katastrophalen Zustand".

Unterdessen übte sich Kanzleramtsminister Peter Altmaier vorzugsweise in trotz allem konstruktiver Transatlantikrhetorik, sprach von "vielen Gemeinsamkeiten", floskelte das mittlerweile Übliche zu Europa ("Wir müssen uns um uns selber kümmern.") und davon, dass der Kontinent die Chance brauche, erwachsen zu werden.

Plasbergs Provokationen

Ein bisschen anders klang das bei Ex-Kohl-Berater Teltschik, der erstens die gesamte Führungsdiskussion als "künstlich" abtat und zweitens ein paar realpolitische Basics zu vermitteln versuchte. Es gehe in der Außenpolitik nun mal darum, die eigenen Interessen zu vertreten. Aber dazu müsse man sie in Washington auch entsprechend vermitteln, so wie etwa Kohl es seinerzeit mit dem Wunsch nach der Wiedervereinigung getan habe. Plasberg fand für solches politische Kommunizieren per Wunschkatalog einen neuen Begriff: "Betreutes Regieren."

Ansonsten bemühte sich der Moderator redlich, die bisweilen etwas müde Debatte immer mal wieder durch kleine Provokationen aufzumischen. Beispielsweise durch einen Einspieler, in dem Trumps "America first" Seehofers "Bayern zuerst" und das "NRW geht vor" eines Armin Laschet gegenübergestellt wurde.

Zu wesentlichen Erkenntnissen führte das aber ebenso wenig wie gewisse Einblicke in die internen Angelegenheiten des Washingtoner Kabinetts. Reihum überboten dort die neuen Regierungsmitglieder einander in dem Bestreben, ihre übergroße Freude und Dankbarkeit über die Berufung dem Präsidenten gegenüber zum Ausdruck zu bringen, was Plasberg dazu veranlasste, zu Vokabeln wie "Peinlichkeit" und "Fremdschämen" zu greifen. Navidi kommentierte diese Szenen mit unverhohlenem Sarkasmus. Dergleichen sei doch normal - jedenfalls in Nordkorea.

Was die bisherige Politik Trumps gegenüber Deutschland angeht, so war Teltschik, der auch schon die Münchner Sicherheitskonferenz leitete, allerdings gar nicht zum Scherzen zumute. Die sei höchst gefährlich. Und für den Waffendeal dieses unberechenbaren Präsidenten mit Saudi-Arabien hatte er nur ein Wort: "Unerträglich." Während Altmaier in der Schlussrunde Trump immerhin zugutehielt, dass er Angela Merkel gelobt habe, fiel dem vormaligen Kohl-Berater nur ein derbes bayerisches Dichterwort ein: "Wer einen Dachschaden hat, der ist freilich offen für Höheres."



insgesamt 61 Beiträge
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Seite 1
peterka60 27.06.2017
1.
Zitate wie: "Zumindest mutet es zunehmend schwierig an, immer noch neues Material herbeizuschaffen, um eine einschlägige Polit-Talkshow mit ausreichendem Empörungsstoff zu versorgen" und "..musste ziemlich ernüchtert feststellen, dass kein einziger Trump-Fan seine Wahl inzwischen bereue.". "An ein Amtsenthebungsverfahren glaubt sie inzwischen nicht mehr". "...aber auch Nachwahlen gewonnen und gerade erst mit seinem Einreisestopp für Muslime einen Teilerfolg vor dem Obersten Gerichtshof errungen." Diese und noch einige andere Sätze zeigen doch deutlich, wie sich die Medien in den letzten Monaten verschätzt haben. Ich finde oft auch, dass Trump ein bisschen "verrückt" ist und es ist ganz okay, wenn die Medien eine "Lügenbilanz" erstellen. Warum macht man das aber nicht auch bei unseren Politikern, da gäbe es viel zu erwähnen.
Bearhawk 27.06.2017
2. Altmaier sieht Gemeinsamkeiten?
Es tut mir leid, aber nach z.Zt. 18 Jahren beruflichen Aufenthaltes hier in den USA sehe ich kaum noch Gemeinsamkeiten zwischen den USA und Europa und to be honest, ich hoffe sogar, das wir uns in Europa tunlichst weiter von diesem gewalttaetigen und egozentrischen Staatsgebilde das sich USA nennt, absetzen. Das hat nichts damit zu tun, dass es hier wunderbare und freundliche, weltoffene Menschen gibt und Naturschoenheiten die ihresgleichen suchen, aber genau so gibt es eben die Vollpfosten die nicht merken, dass die Waerme die gerade entsteht waehrend sie ueber den Tisch gezogen werden , eben keine Nestwaerme ist und die eine Clique an die Macht gewaehlt haben, deren einziges Streben die Selbstbereicherung ist!
dirk1962 27.06.2017
3. Mit Trump können wir leben
Allerdings müssen wir auch ohne Leidenschaft zur Kenntnis nehmen, dass Kanzlerin Merkel niemals einen Draht zu ihm finden wird und somit unseren Deutschen Interessen schadet. Merkel hat sich schon während des Wahlkämpfe in den USA als Gesprächspartner disqualifiziert und danach würde es auch nicht besser.
reflexxion 27.06.2017
4. Wir (Deutschland) können an Trump nichts ändern
Was soll so eine langweilge und nutzlose Diskussion? Wenn ich den Altmaier schon sehe ist mein Interesse daran sowieso schon im Keller. Solche Jasager-Typen die immer nur in der Schleimspur der Kanzlerin unterwegs sind öden mich an. Jedes Land hat den Regierungschef den es verdient, die USA hat Trump aber - und das ist schlimmer - wir haben Dauer-Merkel. Den USA und Deutschland fehlt eine Umwälzung wie in Frankreich. Weg mit den etablierten Politikern die sowieso alle nur auf Ämter scharf sind und Wechsel zu einer neuen Partei mit frischen Gesichtern (aber auf keinen Fall so was wie die AfD) und Linksliberalen Ansätzen statt "die Reichen müssen noch reicher werden". Ich fürchte aber beide Länder wären der Erneuerung gegenüber nicht so aufgeschlossen wie Frankreich es war. Ich traue nach wie vor Macron nicht über den Weg, aber der Ansatz den er gemacht hat war richtig. Man sollte in Deutschland wenigstens überlegen mit wie wenig USA wir zurechtkommen würden und das als Ziel haben, Immer neue "Geschenke" in die USA sc hleppen ist der falsche Weg.
jj2005 27.06.2017
5. Unerträglich
Und für den Waffendeal dieses unberechenbaren Präsidenten mit Saudi-Arabien hatte [Teltschik] nur ein Wort: "Unerträglich." Ja, da hat er wohl recht. Aber bitte nicht vergessen, dass dieser Deal schon unter Obama eingefädelt wurde. Vermutlich GEGEN den Willen Obamas, was umgehend die Frage aufwirft, wieviel ein POTUS eigentlich zu sagen im Wilden Westen.
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