"Hart aber fair" zu Trump "Leute werden zu schnell in die falsche Ecke gestellt"

Donald Trump ist gewählt - und nun? Frank Plasberg wollte die Konsequenzen diskutieren, unter anderem mit dem SPD-Fraktionschef und der AfD-Vize. Klingt nach Zoff. Wurde aber eine überraschend nachdenkliche Sendung.
Moderator Plasberg (r.) mit seinen Gästen

Moderator Plasberg (r.) mit seinen Gästen

Foto: WDR/Dirk Borm

Die Sendung: "Trump und wir - was nun?", titelte Frank Plasberg und stellte jene Fragen, an denen in diesen epochalen Wendezeiten nicht nur kein Polit-Talker vorbeikommt. Was passiert, wenn der künftige US-Präsident so regiert, wie er sich als Wahlkämpfer aufführte? Wie ansteckend ist diese Methode des Wählerfangs? Was wird - und muss - sich in der Politik ändern?

Die Runde: SPD-Fraktionschef Thomas Oppermann, der die Trump-Wahl wie viele seiner Kollegen "erst mal verdauen" musste. Der sorgenvolle Journalismusveteran Fritz Pleitgen ("ein Warnzeichen"). Sandra Navidi, New Yorker Finanzexpertin, die "das Märchen vom erfolgreichen Geschäftsmann" nicht mehr hören mag und an den sechsfachen Pleitier erinnerte. Politologe Christian Hacke, Kritiker der Berliner Trump-Kritik. AfD-Vize Beatrix von Storch im gewohnten Revolutionärsmodus.

Ein Fazit vorweg: Es wurde zu großen Teilen eine wesentlich nachdenklichere und differenziertere Sendung, als man angesichts des Streitstoffs erwarten konnte. Als eine Art roter Faden erwies sich Hackes frühe Warnung vor "moralischer Überheblichkeit", sowohl mit Blick auf die Wähler als auch auf gewisse Statements deutscher Politiker. Später schwenkten auch Pleitgen ("Wir müssen uns fragen, ob wir es mit der politischen Korrektheit nicht übertreiben") und Oppermann selbstkritisch auf diese Linie ein. Der meinte, oft würden "die Leute zu schnell in die falsche Ecke gestellt."

Diagnosen: Hier wurde noch einmal das volle Programm der Trump-Psychogrammatik aufgefahren. Oppermann sinnierte, der Mann sei derart unberechenbar, dass man nicht mal einen Rücktritt ausschließen könne, gab sich dann aber auch süffisant-generös: "Ich schließe nicht aus, dass er zur Vernunft kommt." Weltenkenner Pleitgen war da deutlich pessimistischer und alles andere als abgeklärt. Trump hebe das ganze Establishment aus den Angeln. "Wer will ihn denn stoppen?" Dass er sich im Amt wandeln werde, sei nicht zu erwarten. "Der kann nur diese eine Rolle." Selbst die AfD-Politikerin räumte ein, Trump habe "schlimme Dinge gesagt" - seine Vorgänger allerdings hätten "schlimme Dinge getan".

Die knappste, wenngleich nicht ganz wissenschaftliche Einschätzung lieferte der Politologe Hacke: "Ein ernst zu nehmender Kotzbrocken."

Analysen: Zweifellos habe Trump den Finger in eine Wunde gelegt und es gehe nun um einen Kulturkampf, befand Sandra Navidi. Denn inzwischen existiere auch eine regelrechte "IQ-Elite", was das Verlierergefühl der Abgehängten verstärke. Wie der Anti-Establishment-Affekt im populistischen O-Ton klingt, war von Beatrix von Storch zu vernehmen: Außer der Politik seien auch "Banken, Gewerkschaften, Medien, Kirchen alles eins." Oppermann ("Ich fühle mich nicht als Mitglied einer Elite") mutmaßte spöttisch: "Sie sind offenbar die 68er des 21. Jahrhunderts." Es gelte aber darüber nachzudenken, weshalb Politiker nur noch abwertend als Establishment wahrgenommen würden.

Perspektiven: Mit den Fragen nach den Konsequenzen für Europa rückte nach der Moral- die Realpolitik in den Blick. Hacke empfahl, statt über Werte lieber über Interessen zu reden. Europa brauche die USA mehr als umgekehrt. Als die in Sachen Selbstverteidigung wenig zahlungswilligen Europäer und Trumps einschlägige Drohungen thematisiert wurden, bekam die insgesamt eher zurückhaltend auftretende AfD-Politikerin Oberwasser - nachdem sie zuvor schon von "großen neuen Möglichkeiten" und "Botschaften des Friedens" in Richtung Putin geschwärmt hatte. Oppermann eher kleinlaut: Man müsse das diskutieren, die Europäer müssten mehr für ihre eigene Sicherheit tun. Pleitgens knapper Kommentar zur Idee einer europäischen Verteidigungsarmee: "Hirnriss."

Professorales: Hacke machte keinen Hehl daraus, dass er nicht alles, was aus Richtung der AfD kommt, falsch findet, wie beispielsweise Gründer Bernd Luckes Euro-Kritik. Aber er wollte auch ausdrücklich festgehalten wissen: "Merkels Flüchtlingspolitik war richtig." Vor allem das große zivilgesellschaftliche Engagement sei ein Gewinn. Und in Bezug auf Trumps Präsidentschaft gab sich der Politikwissenschaftler im Unterschied zu Journalist Pleitgen eher zuversichtlich: Das System werde den Amtsinhaber schon zähmen.

Die kleine Peinlichkeit: Plasberg fragte die AfD-Politikerin, ob denn ihre populistischen Träume wahr würden, wenn demnächst bei den europäischen Nachbarn womöglich Hofer, Wilders und Le Pen an die Staatsspitze gewählt würden. Irgendwie kam da wohl auch noch Freud ins Spiel. Denn prompt lautete die Antwort: "Das sind nicht meine Freunde." Und der Moderator musste daran erinnern, dass er nicht nach Freunden, sondern Träumen gefragt habe.

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