"Hart aber fair" zum Thema Verrohung Deutschland fühlt sich kälter an

Ein sterbender Rentner wird ignoriert, eine Frau an einem Strick hinter einem Auto hergezogen. "Wie verroht ist unsere Gesellschaft", fragte Frank Plasberg - und lieferte eine überraschend besonnene Sendung.

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Bei "Hart aber fair" ging es diesmal um die postfaktische Gesellschaft. Um das also, was man früher schlicht "Bullshit" nannte und noch früher vielleicht einfach Quatsch im Sinne von Blödsinn oder Unfug. Dabei ging es eigentlich um eine andere, mit der Postfaktizität höchstens verschwägerte Frage: "Hassen, Pöbeln, Gaffen - wie verroht ist unsere Gesellschaft?"

Ja, wie verroht ist sie denn? Anlässe für diese Frage werden sich immer finden. Wie man ins Internet hineinschaut, so schaut es aus dem Internet heraus. Beispielsweise die Geschichte vom Rentner, der im Geldautomatenraum einer Bankfiliale in Essen zusammenbrach und beim Sterben von gleich vier Kunden achtlos überstiegen wurde. Moderator Frank Plasberg: "Wie kann das sein in einem Land, das sich immer noch christlich nennt?"

Angesprochen fühlt sich der Theologe und ehemalige EKD-Ratspräsident Wolfgang Huber, der im "Egoismus" unserer Gesellschaft eine Ursache sieht. Damit hat er sein diskursives Pulver auch schon zur Gänze verschossen: "In der Bibel", hebt er noch an, gebe es bekanntlich "die Geschichte mit dem barmherzigen Samariter", aber da fährt ihm Plasberg endgültig in die Parade: "Da war's ja erst der Dritte!"

Danach bleibt dem Mann Gottes nicht viel mehr, als eine härtere Anwendung der Strafen zu fordern: "Es geht nicht an, dass die unterlassene Hilfeleistung ein zahnloser Tiger wird". Das Miteinander, die Achtsamkeit sei gefragt: "Ich grüße auf unserer Straße jeden, egal ob ich ihn kenne oder nicht!"

Geschichten von Zivilcourage

Ins gleiche Horn bläst auch MDR-Reporter Sandro Poggendorf, das Wort von der Unachtsamkeit ist ihm "zu schwach, das ist totaler Egoismus". Uns sei "da etwas abhandengekommen", wenn Menschen auf Ämtern sich schützen oder Bäckereifachverkäuferinnen sich anpflaumen lassen müssten. Er selbst sei schon eingeschritten, auch will er neulich einer alten Dame über die Straße geholfen haben, die hätte sich sehr gewundert.

Kriminologe Christian Pfeiffer erzählt, wie er in einem Café die Polizei gerufen hat, weil eine Mutter ihr Kind geschlagen habe, und sich selbst der Polizei als Zeuge zur Verfügung stellte. Worauf Grünen-Politikerin Renate Künast berichtet, einer schlagenden Mutter etwas Ähnliches angedroht zu haben und darauf von der geschlagenen Tochter ganz furchtsam angeschaut worden zu sein. Tja.

Innenminister Thomas de Maizière (CDU) verzichtet auf die Schilderung zivilcouragierter Großtaten - und wird politisch. Im Hinblick auf die Menschen: "Natürlich sind auch Videokameras wichtig an öffentlichen Plätzen, auch zur Aufklärung solcher Fälle." Neben ihm seufzt Künast, die das mit der Videoüberwachung kritisch sieht. Sie wird aber von Plasberg abgewürgt: "Wir könnten jetzt 'ne schicke Datenschutzdiskussion führen, Frau Künast. Das tun wir aber nicht!"

Stattdessen zeigen wir, zur Illustrierung der mangelnden Achtsamkeit, ein Experiment von WDR-Kinderreportern. Die setzten ein vermeintlich weinendes Kind in den Bonner Hofgarten und beobachteten, wann sich denn endlich jemand nach seinen Sorgen erkundigt. Im Schnitt dauerte das zehn Minuten, ein weiteres Beispiel für die galoppierende Barbarei.

Nun ist des einen Verrohung oft des anderen Amüsement. Ein Feuerwehrmann schildert, wie seinen Leuten während eines Einsatzes die Brötchen und der Kaffee geklaut wurden - von Gaffern. Die behinderten immer häufiger die Einsätze, was de Maizière auf "die Technik" schiebt: "Man fotografiert sein Essen heute und gibt das weiter, ist total verrückt." Auch deshalb plädiere er für Bodycams, damit man auch mal polizeilicherseits zeigen könne, "wie peinlich das ist".

Plasberg neckt Künast mit dem Hinweis auf ihre widerständige politische Vergangenheit: "Bullenklatschen war doch damals ein Hobby!" Künast wiegelt ab, räumt aber ein: "Ich habe auch mal das Brandenburger Tor geblockt…" Darauf de Maizière trocken: "Das ist mal eben 'ne kleine Nötigung!"

Der schönste Satz der Sendung

Und dann sagt Plasberg zur Überleitung den schönen Satz, dass "wir alle das Gefühl haben, es wird kälter, dass eine Verrohung stattfindet, obwohl die Statistiken das gar nicht hergeben". Eine bessere Definition für die postfaktische Verwirrung hätte er gar nicht geben können - er vertieft aber nicht. Stattdessen kommt er "mit einem Beispiel aus der vergangenen Nacht" um die Ecke, "das ist schier der Horror, anders kann man das nicht bezeichnen".

Harter Schnitt, Blut auf Asphalt, und dazu die entsetzliche Geschichte aus Hameln, bei der eine Frau an einem Strick um den Hals hinter einem fahrenden Auto hergezogen wurde. Auf Nachfrage kann sich niemand in der Runde "an eine solch grausige Tat erinnern", wie Pfeiffer sagt und dankenswerterweise gleich noch den Zusammenhang erklärt. Es handele sich hier bei Opfer wie Täter um "Kurdischstämmige", mithin also um eine Tat, die auf "Strukturen männlicher Dominanz" zurückzuführen sei, "die ausgeprägt ist in manchen Einwanderungsgruppen".

Womit er auch schon alles Nötige zum Thema gesagt hat. Plasberg aber will wissen: "Was löst das eigentlich aus, außer Sprachlosigkeit? Wenn wir uns das Phänomen angucken, lohnt es sich, bei Twitter zu gucken." Und bevor man sich noch fragen kann: "Tut es das wirklich?", werden schon die üblichen ausländerfeindlichen Tweets von Gestalten wie "Asterix" und "Seelenteufel" und "Bernie Breitmann" eingeblendet.

Was es denn bedeute, fragt Plasberg, wenn eine solche Tat instrumentalisiert werde, und stellt selbstkritisch fest: "Wir tragen das natürlich weiter vor ein Millionenpublikum." Worauf Huber sich mit einem konstruktiven Gedanken ("Anonyme Hassmails möchte ich nicht mehr verbreitet sehen!") und einer Forderung an "die Bürger" zurückmeldet: "Verbreiten Sie nicht!"

Das Fazit zur Sendung

Thomas de Maizière täuscht kurz Nachdenklichkeit vor ("War das eigentlich schon immer so, in den eigenen vier Wänden, oder hat das zugenommen durch die enorme Reichweite?"), bevor er "jetzt leider etwas innenministermäßig werden" muss. Wir bräuchten hinsichtlich der Hasskommentare im Internet dringend "Providerhaftung, Bestandsdatenauswertung", also eine schicke Datenschutzdiskussion. Oder Diskussionen mit den Kommentatoren selbst, wie Renate Künast sie unlängst angezettelt hat.

Und so ist der Tenor der Sendung, allem Alarmismus zum Trotz, ein besonnener. Unisono betont die Runde, was alle Statistiken zeigen: dass nämlich die Zahl der Gewalttaten seit Jahren drastisch rückläufig und "der überwiegende Teil unserer Gesellschaft hilfsbereit und anständig" ist, wie der Innenminister erklärt. "In Teilen wird es schlimmer, im Ganzen wird es besser." Gemessen jedenfalls an einem Maßstab, der gerade aus der Mode kommt - den Fakten.



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